Musik

Mülheimer Jazzband Woodhouse auf Tour in China

Fünf Konzerte in Kulturzentren mit bis zu 1200 Besuchern gab die Mülheimer Traditionsband. Im Bild Pianist Berthold Matschad und Sängerin Gaby Goldberg.

Fünf Konzerte in Kulturzentren mit bis zu 1200 Besuchern gab die Mülheimer Traditionsband. Im Bild Pianist Berthold Matschad und Sängerin Gaby Goldberg.

Foto: Janßen

Mülheim.   Der Kontakt ins Reich der Mitte hatte sich für die traditionsreiche Jazzband bei einem Gastspiel am Bodensee zufällig ergeben

Zuerst hatte Horst Janßen die Frage nicht so ernst genommen und gelacht. Ob er sich vorstellen könnte, mit Woodhouse bei einem Jazz-Festival in China aufzutreten, wollte die begeisterte, ältere Dame wissen, mit der der 75-Jährige nach einem Konzert am Bodensee sprach. Der Posaunist, der seit 50 Jahren in der Traditions-Band spielt und für das Management zuständig ist, hatte schon gar nicht mehr an die Begegnung im Herbst 2017 gedacht, als er Anfang 2018 eine erste Reaktion aus China erhielt. Der Sohn der Dame, Manager eines deutschen, aber weltweit operierenden Unternehmens, organisierte dort das Festival.

Da die Lufthansa zu den Sponsoren zählte, war auch ein Flug nach Shanghai mit einem A 380 gesichert. Die großen Instrumente wie Flügel, Schlagzeug (das Hi-hat ist immer kaputt) und Kontrabass konnten auch gestellt werden und vor Ort hätten sie eine deutschsprachige Reiseleitung, so dass der Tour nichts im Wege stand. Terminlich schloss die kleine Tour ans Jubiläumskonzert zum 65-jährigen Bestehen von Woodhouse in der Stadthalle an.

Hochkarätige Gäste sprangen ein

Die gesamte Stammbesetzung konnte aber nicht. Dafür sprangen hochkarätige Gäste ein, wie der Trompeter Fabian Binz. „Er ist unheimlich sicher, kann ohne jede Probe direkt vom Blatt abspielen. Da steigt die Spiellaune und wir haben viel Spaß“, freut sich Janßen.

Publikumsliebling war Sängerin Gaby Goldberg. Schlank, groß und blond zog sie die Blicke auf sich und riss das chinesische Publikum, wenn sie auf die Bühne kam von den Stühlen. Da sie sich etwas auf Chinesisch eingeprägt hatte, ernte sie Begeisterungsstürme, erzählt Jansen. Es gab auch eine schwierige Situation. Als die Musiker noch in Shanghai aus der U-Bahn stiegen, näherten sich zwei Polizisten der Sängerin und forderten sie auf, mitzukommen. Die anderen hinterher. Zur Beglaubigung, dass sie ganz harmlos seien, zeigten sie die Backstagepässe des Festivals. Die Polizisten, Maschinenpistole in der Hand, glaubten in der Sängerin eine zur Fahndung ausgeschriebene Europäerin erkannt zu haben. Tatsächlich aber war die Ähnlichkeit weniger als entfernt. Aber bei Menschen aus entfernten Kontinenten fallen Unterschiede weniger stark auf, Einheimische erkennen untereinander dagegen leichter unterschiedliche Gesichtszüge.

Zwiespältige Gefühle

Der Eindruck der Städte war schon ambivalent: die gigantische Skyline zwischen Faszination und Abscheu, die gigantischen Verkehrsschneisen mit bis zu neun Spuren in jeder Richtung, was auch zu einer spürbaren Umweltbelastung führt. „Etwa jeder dritte ist mit Mundschutz unterwegs“, sagt Janßen. Die Megacity Peking mit 20 Millionen Einwohnern taucht an den meisten Tagen in eine dichte, graue Dunstwolke, die aus der Ferne den Smog signalisiert, der nur an einigen Tagen vom starken Wind aufgelöst wird. Technologisch ist Beeindruckendes zu sehen, was man nicht gutheißen muss: zahlreiche Roller mit Elektromotor, ein rollender Roboter im Hotel, der den Zimmer- Service übernimmt, der Hochgeschwindigkeitszug, der die Musiker nach Nanking bringt und die riesigen Werbetafeln mit LED-Beleuchtung, die aber auch auf Dauer eine nervliche Belastung darstellen.

„Manchmal denkt man, wie rückständig leben wir denn hier.“ Die hohe Polizeipräsenz und die vielen Kontrollen mit Gepäckscanner wirken aber schon beklemmend. Auch die sozialen Gegensätze sind drastisch. Hinter den Hochhäusern sind Elendsquartiere zu sehen, die zurückgedrängt werden. Aber Wohnen ist teuer. Ihre Stadtführerin und ihr Mann können sich als Doppelverdiener gerade eine 12 Quadratmeter große Wohnung leisten.

>>> HOCHKARÄTIGE GASTMUSIKER

Am Schlagzeug saß Willy Ketzer (67), der lange ebenso mit Klaus Doldinger wie mit Paul Kuhn und Helge Schneider gespielt hat. Auch die Liste der Musiker, mit denen Pianist Berthold Matschat musiziert hat, ist imposant: Joe Sample, Peter Kraus, Udo Jürgens und Shirley Bassey. Aktuell ist er Solist der WDR-Bigband, aber mit seinem Zweitinstrument, der chromatischen Mundharmonika, mit der er auch in China zu begeistern wusste.

Bei einer Party der Lufthansa in der 67. Etage spielte Matschat mit Willy Ketzer den durch Frank Sinatra populär gewordenen Evergreen. „Days of Wine and Roses.“ An der Trompete war als Youngster der 28 Jahre alte Fabian Binz dabei. Er hatte in Köln vier Jahre Musik studiert, sich dann aber für einen zukunftssicheres technisches Studium entschieden und forscht inzwischen als Diplom-Ingenieur an der RWTH Aachen über Drohnen.

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