Energie

Mülheimer Gastronomiebetrieb versorgt sich selbst mit Strom

Am Ziel angekommen: Hausbesitzer und Gastronom Jörg Thon versorgt sich selbst mit Strom.

Am Ziel angekommen: Hausbesitzer und Gastronom Jörg Thon versorgt sich selbst mit Strom.

Foto: Martin Möller

Mülheim.   Energiewende geschafft: Der Bürgergarten an der Aktienstraße erwirtschaftet mit Blockheizkraftwerk und Photovoltaik seinen eigenen Strom.

Seine ganz persönliche Energiewende vollzieht gerade Jörg Thon. Der Gastronom und Inhaber des Restaurants Bürgergarten an der Aktienstraße erzeugt nahezu den kompletten Strom selbst, der in seinem Restaurant mit großem Saal, Küche und Kegelbahn verbraucht wird. Und der Verbrauch ist enorm: 85.000 Kilowattstunden Strom verbraucht der gastronomische Betrieb im Jahr. Zum Vergleich: Ein Vier-Personen-Haushalt hat einen durchschnittlichen Stromverbrauch von jährlich 4000 Kilowattstunden. Auf seiner Stromrechnung hatte Jörg Thon bis zum ersten Schritt der Umrüstung jährlich 20.000 Euro stehen. Das muss weniger werden, fand der Gastwirt.

Dazu hat Thon vor acht Jahren bereits zwei Blockheizkraftwerke installieren lassen, die gleichzeitig Wärme und Strom produzieren. Im Winter eine prima Lösung, hat er in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht – eben dann, wenn die Blockheizkraftwerke laufen, um Wärme zu erzeugen, entsteht auch Strom.

Zusätzlich ist eine Photovoltaikanlage installiert

Nicht ganz auf geht diese Rechnung allerdings in den heißen Sommermonaten, in denen man die Heizung eigentlich nicht braucht. Deshalb hat der Gastronom jetzt zusätzlich eine Photovoltaikanlage auf dem Dach seines Hauses an der Aktienstraße installieren lassen. Diese arbeitet im Prinzip genau entgegengesetzt zu den Blockheizkraftwerken: Photovoltaik nutzt die Sonneneinstrahlung zur Stromerzeugung. Eine Fläche von rund 280 Quadratmetern ist nun auf dem Flachdach des mehrgeschossigen Hauses, in dessen Erdgeschoss der Bürgergarten untergebracht ist, mit Photovoltaikmodulen bedeckt. Batterieaggregate im Keller speichern die Solarenergie zwischen, sofern sie nicht sofort in Form von Strom gebraucht wird.

Jörg Thon ist sich sicher, dass sich die Investitionen von insgesamt 120.000 Euro — abzüglich rund 30.000 Euro staatlicher Förderung — rasch amortisieren werden, immerhin sei sein Geschäft ein besonders energie-intensives. „Wir betreiben hier im Bürgergarten alleine fünf Kühlhäuser, auch die Küche mit Hochleistungsgeräten braucht viel Strom.“ Und weil er jetzt keine Energie-Kosten mehr einkalkulieren muss, hat der Gastwirt zudem eine Klimaanlage einbauen lassen, um seinen Gästen auch während der zunehmenden Sommerhitze einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. „Die Klimaanlage zu betreiben, ist jetzt drin, weil wir nichts mehr für Strom bezahlen müssen.“

„Das hat sich schneller als versprochen amortisiert“

Mit den Blockheizkraftwerken ist er nach eigenen Angaben bereits gut gefahren: „Das hat sich schneller als vom Hersteller versprochen amortisiert“, sagt Thon. Für ihn als Restaurantbetreiber sei die Einsparung an Engergiekosten die einzige Möglichkeit, um seine betrieblichen Ausgaben zu minimieren: „Ich kann nicht an den Produkten sparen, dann laufen mir die Kunden weg, und das Personal bietet auch kein Einsparpotenzial.“

Aus Sicht von Peter Boka, der als Baugutachter tätig ist und Solarsysteme vertreibt, ist Jörg Thon ein Vorreiter für grüne Gastro-Betriebe. „Rein von der Kilowatt-Zahl her ist er damit autark.“ Der Energie-Fachmann, der die Umrüstung des Bürgergartens betreut, rechnet vor: Hatte sich die Stromrechnung für das Restaurant nach Anschaffung der Blockheizkraftwerke schon von 20.000 Euro auf 7000 bis 8000 Euro jährlich reduziert, soll sie jetzt mit Installation der Photovoltaikanlage gegen null tendieren.

Jörg Thon ist allerdings noch nicht fertig mit seiner ganz persönlichen Energiewende: Vor dem Bürgergarten will er eine Ladesäule für Elektroautos aufstellen lassen und auch selbst einen Lieferwagen anschaffen, der im Elektrobetrieb läuft.

Die Kombination, mit der Jörg Thon das Restaurant Bürgergarten bewirtschaftet, sei aus energetischer Sicht perfekt, heißt es von Seiten des örtlichen Energiedienstleisters Medl.

„Bei Investitionen ist immer die Bilanz entscheidend“

„Bei solchen Investitionen ist immer die Bilanz entscheidend“, betont Medl-Vertriebsleiter Jan Hoffmann. Dezentrale Wärme- und Stromversorgung ist einer der Schwerpunkte des Mülheimer Unternehmens, das über das Projekt Medl-Bürgerenergie bereits an mehreren Stellen in der Stadt Quartiere mit Blockheizkraftwerken ausgerüstet hat – etwa an der Liverpoolstraße in Holthausen, wo rund 300 Wohneinheiten und Firmen so versorgt werden.

Ein weiteres Projekt, in dem der lokale Energiedienstleister große Zukunft sieht, ist das „Green-Energy-First“: Im Quartier Bottenbruch (Dümpten) mit Bestandsgebäuden vom Mülheimer Wohnungsbau entsteht eine neue Heizzentrale. Diese Anlage soll aus einem Blockheizkraftwerk und einer Photovoltaikanlage sowie zusätzlich einem großen Batteriespeicher bestehen.

Medl kooperiert mit Uni und anderen Fachleuten

Durch dieses Nahwärmenetz sollen zwei Mehrfamilienhäuser mit 48 Wohnungen versorgt werden, die über entsprechende Messtechnik verfügen. Beteiligt sind die Universität Duisburg-Essen und die EBZ Business School, die einen so genannten Energieeffizienzassistenten entwickeln. Ziel ist es, den CO2-Ausstoß des Quartiers zu minimieren und die lokale Erzeugung von Energie über Blockheizkraftwerk und Photovoltaikanlage und den lokalen Verbrauch miteinander so zu synchronisieren, dass die Einspeisung in das Verteilnetz minimiert wird.

Der gespeicherte Strom fließt zudem in die Ladesäule eines Elektro-Autos, das die Bewohner nutzen können. Der am Bottenbruch erzeugte Strom soll auch am Bottenbruch verbraucht werden, verdeutlicht Volker Weißhuhn, Abteilungsleiter der Wärme-Spalte bei der Medl.

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