Ehrenamt

Mülheimer Ehrenamtler leisten Erste Hilfe für die Seele

Sie helfen Menschen, die Schicksalsschläge erfahren haben: Die Eheleute Frank und Claudia Görgen arbeiten in der Notfallseelsorge im Team mit 28 Ehrenamtlern und 19 Pfarrern.

Sie helfen Menschen, die Schicksalsschläge erfahren haben: Die Eheleute Frank und Claudia Görgen arbeiten in der Notfallseelsorge im Team mit 28 Ehrenamtlern und 19 Pfarrern.

Foto: Mara Tröger

Mülheim.  Claudia und Frank Görgen bieten Trost für Menschen, denen Schicksalsschläge widerfahren sind. Was motiviert Ehrenamtler in der Notfallseelsorge?

Sie sind für Menschen da, denen furchtbare Verluste widerfahren sind: Wenn ein Partner tödlich verunglückt ist oder das eigene Kind, bei Suizid, Katastrophen wie Flugzeugabstürzen, auch zur Loveparade. „Wir sind die erste Hilfe für die Seele“, beschreibt Claudia Görgen. Die Mülheimerin und ihr Mann Frank arbeiten neben ihrem Beruf seit Jahren ehrenamtlich in der Notfallseelsorge. Dafür wurden sie und weitere 28 ehrenamtliche Notfallseelsorger nun mit dem evangelischen Hoffnungspreis und der katholischen Nikolaus-Groß-Medaille geehrt.

Seit 2014 dürfen nicht nur Theologen, sondern auch Ehrenamtliche Notfallseelsorge leisten

Seit 2014 dürfen ehrenamtliche Kräfte das Team der Notfallseelsorge unterstützen, zuvor war es Theologen vorbehalten. Claudia Görgen, die als Projektleiterin im Stahlbereich weltweit Ölpipelines plant, engagiert sich aus tiefer Überzeugung. „Als ich vor fast 30 Jahren einen Notfall in der Familie hatte, hat mich der Seelsorger sehr gefestigt… Ich habe damals den Entschluss gefasst: Wenn ich das einmal zurückgeben kann, mache ich das.“

Auch Frank Görgen, von Beruf aus Krankenpfleger und Abteilungsleiter in der familiären Pflege des Fliedner Krankenhauses, kennt die „Situationen, in denen Menschen viel Leid erfahren haben. Ich will ihnen weitergeben, was ich in meiner Ausbildung gelernt habe.“ Das Ehepaar brachte dafür schon Vorkenntnisse aus ihrer Arbeit in der freiwilligen Feuerwehr mit.

Neun Monate dauert die Ausbildung

Das ist aber kein Muss, denn das Rüstzeug bekommt man beigebracht. Neun Monate dauert eine Ausbildung zur Notfallseelsorge. In gut 120 Unterrichtsstunden lernen die angehenden Notfallseelsorger alles über Krisensituationen, Psychologie, wie man mit betroffenen Menschen spricht, auf ihr Trauma eingeht. Auch über Strukturen der Feuerwehr, Polizei Bescheid zu wissen – zwei Praktikumsblöcke im Rettungsdienst und im Kriminaldauerdienst gehören zur Ausbildung. Und auch im Nachgang gibt es immer wieder Fortbildungen zu einzelnen Themen.

Wenn Menschen unter dem Schock des Verlustes stehen, ist es ein Prozess der Babyschritte, erläutert Claudia Görgen. „Manche wollen praktische Dinge wissen: Wie geht es weiter, kann ich den Verstorbenen noch einmal sehen, wie kann ich Abschied nehmen?“ Oder: Warum kommt die Kripo, wenn der Partner zu Hause verstorben ist? „Dann kann ich aufgrund meiner Ausbildung erklären, dass das ein Routinevorgang ist“, sagt die Notfallseelsorgerin.

Oft geht es darum, zuzuhören und da zu sein

Doch häufiger noch geht es in den ersten Stunden nach dem Unglück um die seelische Not. Schon ein Glas Wasser zu trinken oder gemeinsam einen Kaffee zu kochen, kann dann ein solcher erster Schritt aus dem Schock sein, die eigene Handlungsfähigkeit wieder herzustellen. Der Notfallkoffer, den Claudia und Frank Görgen dabei haben, hält dafür Vieles bereit: einen Teddy, eine Kerze, Taschentücher. Oder die Bibel. Je nachdem, was trösten kann.

„Oft tut es den Menschen am besten, wenn man einfach nur da ist, zuhört. Über das Erzählen verarbeiten Betroffene ihre Nöte“, nehmen sich Claudia und Frank Görgen „so viel Zeit, wie nötig ist“. Die eigene Religion – Claudia ist evangelisch, Frank katholisch – oder das Geschlecht spielen dabei keine Rolle, sagen sie. „Betroffene sind einfach froh, nicht allein zu sein, egal, wer durch die Tür kommt.“

Die Arbeit in der Notfallseelsorge erdet viele Ehrenamtliche

Wann weiß man als Seelsorger, dass man gehen kann? „Es ist ein Bauchgefühl. Man merkt, wenn die Menschen so weit sind, dass man sich lösen kann“, sagt Frank Görgen. „Am Anfang hatte ich noch Sorge, dass sie sich etwas antun könnten – aber das ist Quatsch.“

Und wie verarbeitet das Paar selbst diese Erlebnisse von Schicksalsschlägen? „Wir haben den Vorteil, dass wir uns gegenseitig unterstützen können“, sagt Claudia Görgen. Manchmal will man einfach allein sein – auch dafür haben beide Verständnis. Und natürlich bietet das Team auch Supervision an.

Die Erfahrungen im Ehrenamt haben beide dennoch verändert: „Die Arbeit in der Notfallseelsorge hat uns geerdet. Wir sind sensibilisiert dafür, was wir haben und was wir verlieren können“, erzählt Frank. Dass es mehr gibt als Arbeit, Urlaub und vielleicht ein neues Sofa.

Auf die Auszeichnung mit dem Hoffnungspreis und der Nikolaus-Groß-Medaille als zwei von 30 Ehrenamtlern sind beide „natürlich stolz. Das mit dem Preis verbundene Geld fließt aber in die Arbeit der Notfallseelsorge“.

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