Kommunalwahl

Mülheim: OB-Kandidat Andy Brings (Die Partei) im Interview

Hier will er hin: OB-Kandidat Andy Brings vor der historischen Kulisse von Schloss Broich, das ihm als Amtssitz oder wenigstens als Sommerresidenz vorschwebt.

Hier will er hin: OB-Kandidat Andy Brings vor der historischen Kulisse von Schloss Broich, das ihm als Amtssitz oder wenigstens als Sommerresidenz vorschwebt.

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Mit dem Musiker und Ur-Mülheimer Andy Brings tritt „Die Partei“ an. Der OB-Bewerber will Rock’n’Roll ins Rathaus bringen. Kann das gut gehen?

Andy Brings, der für „Die Partei“ das Amt des Oberbürgermeisters erringen soll, hat sich als Ambiente für das große Interview Schloss Broich gewünscht. Hier sieht er seinen künftigen Amtssitz als Stadtoberhaupt, „zumindest meine Sommerresidenz“. Im Gespräch bleibt der 49-jährige Musiker aber beim volksnahen „Du“.

„Die Partei“ wollte ihren OB-Kandidaten ursprünglich mit einer „Bier-Pong-Challenge“ ausspielen, letztlich haben sie dich gecastet. Wie und wieso?

Andy Brings: Ich wurde nicht gecastet, sondern „Die Partei“ hat mich gefragt. Anfang März war das. Ich musste einen Tag drüber nachdenken, hab’ es mit meiner Mutter und meiner Freundin besprochen, und dann gesagt: Ich mach’s.

Dir ist schon klar, dass du als Oberbürgermeister auch Chef der gesamten Stadtverwaltung wirst?

Die Verwaltung ist ein großer Apparat, aber ich bin es ja gewohnt beispielsweise eine Band zu führen.

Glaubst du, das ist vergleichbar?

Die zwischenmenschlichen Mechanismen sind dieselben. Ich bleibe aber lieber beim Begriff Oberbürgermeister. Nicht Oberstadtrat, sondern Brückenbauer, Netzwerker, und das traue ich mir wirklich zu. Ich sage nicht, dass ich schon alles weiß, aber ich bin gut aufgestellt und knüpfe gerne neue Verbindungen.

Hast du schon mal eine Ratssitzung miterlebt?

Nein.

„Die Partei“ hat in Mülheim einen „Zehn-Punkte-Plan“ zur Kommunalwahl aufgestellt, der zwölf Punkte umfasst. Ich nenne mal einige Beispiele: Wirtschaftsförderung für lokale Brauereien mit Ausschank, Umbau des Flughafens zum Weltraumbahnhof, Umbenennung der VHS an der Bergstraße in „Betamax“ und Umbau zur Parteizentrale. Alles Nonsens.

Nein, das ist überhaupt kein Nonsens, sondern Satire. Man bekennt sich mit diesem Stilmittel zu den Standorten Flughafen und VHS. „Die Partei“ ist ein systemförderndes Mitglied der Polit-Szene. Hier sind viele Leute, die sich kopfschüttelnd aus anderen Parteien verabschiedet haben. Die Mülheimer können froh sein, wenn einige dieser Leute demnächst im Stadtrat sitzen.

Beim Thema Arbeit, Gesundheit und Soziales fällt der „Partei“ nur eines ein: „Freibier für alle!“ Was würde Andy Brings als OB gegen die Kinderarmut in Mülheim unternehmen? Wo sollen neue Jobs herkommen für all die Leute, die gerade wegen der Corona-Krise ihre Arbeit verlieren?

Eine Kristallkugel habe ich auch nicht. Aktuell erwartet man die zweite Corona-Welle, da brauche ich kein fertiges Konzept auf den Tisch zu legen, keine Powerpoint-Präsentation, sondern der Spirit muss sich ändern. Und zur Kinderarmut: Sowas bricht mir das Herz! Das darf nicht sein! Das sind Dinge, die muss man ganz neu denken. Programme schaffen, Mittel organisieren, nicht erst eine Machbarkeitsstudie erstellen und am Ende sagen: Können wir nicht bezahlen. Wenn der Zaun zu hoch ist, müssen wir uns drunter her graben.

Du hast am 10. Juni, genau an deinem 49. Geburtstag, ein Interview mit der SPD-Kandidatin Monika Griefahn geführt und sie kürzlich zum Gegenbesuch im Dichterviertel empfangen. Ihr geht betont freundschaftlich miteinander um. Welche Wähler willst Du damit einfangen?

Ich hatte Ende Mai ein Event mit meiner Band am Flughafen und habe dazu einige meine Mitbewerber eingeladen. Zwar ist keiner gekommen, aber einige haben sehr nett abgesagt. So ist der Kontakt zu Monika Griefahn entstanden. Sie hat mich eingeladen, bei ihrer Videogesprächsrunde mitzuwirken. Zwischen uns gibt es viel Sympathie und eine große Schnittmenge.

Worin besteht die?

In unserer Haltung. Wir sind beide unheimlich positive Menschen und sehen viel Potenzial in der Stadt.

Du hast schon im Juni deinen Straßenwahlkampf in Mülheim gestartet. Letzens gab es als Zugabe Livemusik mit Klassikern der legendären Punkband Ramones. Bei deinen Auftritten geht es immer extrovertiert und laut zu. Hört du den Passanten, deinen potenziellen Wählern, auch mal zu?

Natürlich höre ich denen zu. Aber alles, was ich mache, ist in irgendeiner Form Rock’n’Roll. Das ist meine Darreichungsform.

Mit welchen Anliegen kommen die Leute zu Dir, ihrem möglicherweise künftigen OB?

Die meisten finden, in der Innenstadt müsste was passieren, weil sie so dreckig ist. Viele beschweren sich auch über den ÖPNV, weil beispielsweise nicht mehr alle Linien in Mülheim fahren.

Nehmen dich auch ältere Menschen ernst?

Ja sicher. Ich komme mit Senioren bestens klar. Da gibt es keinerlei Berührungsängste. Das beruht aber auf Gegenseitigkeit. Ich kann mich über Mangel an Zuspruch und Liebe nicht beklagen.

Bleiben wir bei der Innenstadt: Was würdest du hier verbessern?

Auf jeden Fall brauchen wir kein neues Innenstadtkonzept für zigtausend Euro. Die Zeiten, als noch große C&A-Filialen eröffnet wurden, sind vorbei. Ich sehe die Mülheimer City aber auch nicht als hoffnungslosen Fall. Ich würde den Bereich von der Leineweberstraße bis zu den Bahnbögen komplett autofrei machen und dementsprechend den ÖPNV einbeziehen. Ziel ist, dass sich die Leute hier wieder gerne aufhalten wollen, dass sie schön flanieren können.

Du sprichst oft vom „Mülheim-Gefühl“, das sich alle neu erobern müssten. Was soll das sein?

Mülheim ist zwar eine Großstadt, aber eigentlich echt ein Dorf. Jeder kennt jeden, und alle, die hier aufgewachsen sind, haben die gleichen Bilder im Kopf: den Neckermann-Brunnen, ein, zwei große Kaufhäuser, alle aus meiner Generation waren früher im selben Kino und in den selben Kneipen, im Kirchberg oder im Winkhaus.

Wer heute 18, 20 ist kann damit aber wenig anfangen.

Doch, denn das Mülheim-Gefühl wird von Generation zu Generation weiter getragen. Die Kids von heute werden alle mit dem Radschnellweg und mit Ruhrbania groß.

Im Wahlprogramm der „Partei“ steht: „Ruhrbania wegsprengen, den Krater fluten und als Bad für Feldlerchen nutzen!“

Ruhrbania ist super! Die Mülheimer meckern gerne. Heute gibt es in der Stadt wohl niemanden mehr, der auf das Müga-Gelände verzichten würde, das damals auch heftig umstritten war. Mit Ruhrbania wird es genauso sein. Leute, genießt es!

Du bist auch häufig mit dem Rad unterwegs. Dein Urteil zur Fahrradstadt Mülheim?

Gar nicht schlimm. Und der Radschnellweg ist ein Traum.

Als hauptberuflicher Künstler gehörst du zu den Leute, deren Arbeit unter Corona besonders leidet. Hilft dir der Wahlkampf, eine gewisse Leere zu füllen?

Ich hatte schon viel früher, im Oktober, alle Aktivitäten mit meiner Band zurückgefahren: die geplante Europatour abgesagt, die Plattenfirma um Auflösung des Vertrages gebeten. Aber aus anderen Gründen. Ich hatte einen Burn-out, konnte einfach nicht mehr. Genau an dem Punkt, als ich wirklich wieder fit war, rollte der Ball mit der OB-Kandidatur auf mich zu.

Alle sagen, dass Corona die Welt verändert. Was sagst du?

Nichts ist mehr wie vorher. Es passiert zum ersten Mal auf der Welt, dass alle gleichzeitig etwas Schlimmes erleben. Wir merken jetzt, in welchem Überangebot wir gelebt haben, etwa an Entertainment und Kultur. Der Overkill, gerade hier in der Region, völlige Überforderung. Und von jetzt auf gleich gab es dann gar nichts mehr. Man besinnt sich auf andere Dinge. Wir sind gezwungen, uns mit unserer Heimat viel stärker auseinanderzusetzen. Dieses „Höher, Schneller, Weiter“ ist vorbei und kommt nicht mehr. Es hat auch zu großer Politikverdrossenheit geführt.

Was willst Du bis zum Deinem 50. Geburtstag im nächsten Juni erreicht haben?

Ich möchte bis dahin auf jeden Fall die Innenstadt-Geschichte angeschoben haben und geschafft haben, dass sich das Mülheim-Gefühl durchsetzt. Ich habe keine Angst vor dem OB-Amt, sondern richtig Bock auf diese Arbeit.

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