Gesichter des Jahres

Mülheim: Barbara Majerus’ Kampf um das Luftschiff-Erbe

Barbara Majerus mit Theo, dem Luftschiff. Das Leben der 66-Jährigen ist stark geprägt von ihren „Zieheltern“, den WDL-Unternehmern Theo Wüllenkemper und Ingrid Bachmann.

Barbara Majerus mit Theo, dem Luftschiff. Das Leben der 66-Jährigen ist stark geprägt von ihren „Zieheltern“, den WDL-Unternehmern Theo Wüllenkemper und Ingrid Bachmann.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Mülheim.  WDL-Geschäftsführerin Barbara Majerus kämpft um das Erbe von Mülheims Luftfahrt-Unternehmer Theo Wüllenkemper. Wir stellen die 66-Jährige vor.

„Ich bin heliumkrank“, sagt Barbara Majerus ganz zu Beginn des Gesprächs. 66 Jahre alt ist die Frau nun, die sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, dem Erbe des großen Mülheimer Unternehmers Theo Wüllenkemper eine Zukunft zu ermöglichen: Die WDL-Inhaberin will unbedingt, dass Luftschiff „Theo“ weiter vom Mülheimer Flughafen aus abheben kann. Sie mag gar nicht daran denken, dass dies auch schiefgehen könnte.

In Majerus’ Büro ist die Luft geschwängert von Zigarrenduft, die Zeit in der modernisierungsbedürftigen WDL-Zentrale scheint mitunter stehen geblieben. Der Charme der guten, alten Zeit kommt heute etwas altbacken daher. Mit Geschäftsführer Frank Peylo an ihrer Seite hat Majerus Platz genommen am riesigen Konferenztisch. Der kommt daher, als könne das Bundeskabinett samt Entourage hier die Lage der Nation beraten.

„Erst mal was Vernünftiges“ sollte die 16-jährige Barbara lernen

Da sitzt nun das Mädchen von einst, das 1959 mit ihrer Großmutter aus Sachsen rübergemacht hatte, um wieder bei Mutter und Vater zu sein, die sich in Mülheim ein neues Leben aufbauten, das sie in einer DDR sich nicht vorstellen wollten. Die Eltern fanden Arbeit beim Getränke-Hersteller Lehnig in Heißen.

Zehn Jahre später, Tochter Barbara hatte gerade ihre Mittlere Reife absolviert, ging’s mit der Mutter auf eigene Jobsuche. „Erst mal was Vernünftiges“, sei die Ansage ihrer Mutter gewesen, erinnert sich Majerus. Sie selbst habe ja unbedingt Krankenschwester werden wollen. . . Die Eltern hatten andere Pläne. Es sollte eine Ausbildung im Büro werden.

Flughafen-Trio führte bis zum Lebensende von Wüllenkemper eine offene Beziehung

So kam es, dass die Mutter mit ihrer Barbara auch beim Luftfahrt-Unternehmen von Theo Wüllenkemper vorstellig wurde. Wüllenkemper hatte schon damals ein Doppelbüro mit Inge Bachmann. Jener Frau, die wie die Auszubildende von damals zeitlebens an der Seite des Unternehmers blieb. Mit Verlobtem-Status, der laut Bachmann fürs Guinness-Buch der Rekorde taugen würde. Bachmann die Herrin über die Finanzen, Wüllenkemper der Macher.

Das Vorstellungsgespräch führte Bachmann. „Sie saß da mit einer Zigarette, der Kaffee auf dem Stövchen, ein Vogelkäfig mit einem Wellensittich, der ihr zugeflogen war, auf dem Beistelltisch“, erinnert sich Majerus an ihre erste Begegnung mit ihrer künftigen Chefin, die, ja, schnell auch eine Art zweite Mutter werden sollte. Und eine Frau, 23 Jahre älter als sie selbst, mit der sie sich ihren Theo Wüllenkemper in einer Form offener Beziehung bis zu dessen Tod vor rund acht Jahren teilen würde.

„Dann kam Theo Wüllenkemper um die Ecke gefegt: Ach du bist das, dann komm mal mit. . .“

„Ich sah ihr ein bisschen ähnlich“, erinnert Majerus noch zu ihrem Vorstellungsgespräch, dass sie wie Bachmann ein Schleifchen im Haar trug. „Dann kam Theo Wüllenkemper um die Ecke gefegt: Ach du bist das, dann komm mal mit. . .“

Von Stund an sei sie die vergangenen 50 Jahre lang „jeden Tag gerne hierhergekommen“, sagt die 66-Jährige. Mit Kaffeekochen und Staubwischen hatte ihre Bürolehre 1969 begonnen, 1997 stieg sie im Unternehmen zur Geschäftsführerin auf.

„Mein Leben gefördert, befördert, geprägt“

„Frau Bachmann und Herr Wüllenkemper haben mich quasi adoptiert“, sagt Majerus. Ein gutes Trio seien sie gewesen. „Großzügig“ habe Inge Bachmann, ihre „Ziehmutter“, toleriert, dass sie selbst Wüllenkemper auch immer näher kam. Majerus hat mit Wüllenkemper bis zu dessen Tod zusammengelebt, als er 738 Blutinfusionen hinter sich hatte. Am Ende des Lebens von Bachmann ist sie auch in deren Haus an den Holthauser Höfen eingezogen. „Ich wollte sie nicht alleine lassen. So konnte ich was zurückgeben.“

Dass sie heute so im Leben stehe, so „ein Standing“ habe, verdanke sie Wüllenkemper und Bachmann. „Sie haben mit ihren Werten und Tugenden, die sie im Geschäftsleben vorgelebt haben, mein Leben gefördert, befördert, geprägt“, sagt die 66-Jährige. Das Leben von Wüllenkemper und seinen beiden Frauen spielte sich im Betrieb am Flughafen ab. Sieben Tage die Woche, mindestens zehn Stunden pro Tag. Urlaub? Höchstens mal ein Kurztrip. Die Arbeit war das Zuhause. In der WDL-Zentrale am Flughafen war eigens eine opulente Küche eingerichtet. Gekocht wurde dort.

WDL will Millionen in neue Firmenzentrale mit Luftschiff-Eventhalle investieren

2018 starb auch Inge Bachmann, Majerus erbte alles. Ihr Ziel hat sie klar vor Augen: das Lebenswerk Wüllenkempers retten, trotz Ausstiegsbeschluss zum Flughafenbetrieb. Bachmann will „was Nachhaltiges schaffen“, redet von Andenken, vom „Erbe Luftschiff“.

Die Forderung der WDL steht nun seit Monaten im Raum und wartet auf politische Antwort bis zum Frühjahr: Zehn bis zwölf Millionen Euro will die WDL am Flughafen in einen neuen Multifunktionsbau für gewerbliche Nutzungen investieren, mit angeschlossener Luftschiff-Eventhalle in transparenter Hülle. Das Geld in die Hand nehmen will Majerus aber nur, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: eine Verlängerung des Pachtvertrages bis 2035 und die Gewährung eines Vorkaufsrechtes für das Grundstück.

Majerus: Einen Plan B gibt es nicht

Majerus ist kein Mensch, der sich angesichts des jahrzehntelangen Hin und Hers in der Flughafen-Frage in Rage redet. Sie bleibt stets ruhig im Ton, nimmt sich in den Worten auffallend zurück. „Wir müssen das alles hier nicht machen. Wir haben keine Bank im Nacken, dass wir auf Biegen und Brechen Umsatz machen müssen“, sagt sie. Die WDL-Gruppe sei gesund aufgestellt, „da muss man jeden Tag Danke für sagen“.

Luftschiff Theo aber für die Nachwelt zu retten, sei ihr „eine Herzensangelegenheit“. Sich mit den Millionen zur Ruhe zu setzen, sei „doch langweilig“. Die 66-Jährige will das Invest in ihrem Leben noch sehen, es sei ihr „eigentlich letztes großes Ziel“. Einen Plan B für den Fall, dass es schiefgeht, den gebe es nicht. Majerus lächelt milde: „Ich habe zum Glück keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen.“

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