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Mobile Lesung: Mit der alten Tram durch den Mülheimer Norden

Karosh Taha liest aus ihrem

Karosh Taha liest aus ihrem

Foto: Tamara Ramos

Stadtgebiet.   In „Titel on Tour“ rollt ein historisches Schienenfahrzeug durch den Mülheimer Norden, während Autoren für die Fahrgäste aus ihren Werken lesen.

Die alte Straßenbahn rattert an einem Hochhaus vor der Hobeisenbrücke in Essen vorbei, da hat Karosh Taha gerade ihre Lesung begonnen über das Leben der 22-jährigen Studentin Sanaa, Protagonisten ihres Debütromans „Beschreibungen einer Krabbenwanderung“. Hauptschauplatz ihres Werks ist ein Hochhaus, Wohnort der aus dem Nordirak nach Deutschland eingewanderten Familie von Sanaa.

Es ist nur einer der Momente, in dem das Gelesene und die Bilder der Umgebung eine Kongruenz eingehen bei dieser ersten Auflage von „Titel on Tour“ in Mülheim. Seit 2006 veranstaltet die Stadt Essen diese mobile Leseveranstaltung in Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen und der Heinrich-Heine-Buchhandlung. In diesem Jahr kamen das Mülheimer Kulturbüro und die Stadtbibliothek hinzu. „Das Essener Kulturbüro hatte nachgefragt, ob wir nicht Lust hätten mitzumachen, da haben wir sofort zugesagt“, erklärt Claudia vom Felde, Leiterin der Stadtbibliothek.

Fahrt in der 1962 erbauten Straßenbahn „1753“

50 Zuhörer kamen am Freitagabend zusammen und nahmen Platz in der 1962 erbauten Straßenbahn „1753“ der Firma DÜWAG, die bis 2002 im Liniendienst eingesetzt wurde. Als Autoren hatten die Veranstalter neben Taha noch Ralph Priorr verpflichtet. Unterstützt wurde dieser von dem 33-jährigen Schauspieler Till Beckmann.

Gerne hätte der 1966 geborene Priorr noch einen Musiker dabei gehabt: „Normalerweise führen wir den Text als eine Art Theaterstück mit Bergmannsliedern auf.“ Die technischen Bedingungen des Fahrzeugs machten dies aber nicht möglich. Während der Roman von Karosh Taha in der Moderne spielt, wirft das 2017 von Ralph Priorr veröffentlichte Werk „Die Männer von Luise“ einen Blick zurück in die Vergangenheit des Ruhrpotts.

Roman aus dem Leben der Bergleute

Aus der Perspektive des Rentners Thomas Kwasny wird fern von jeglicher Romantisierung das physisch und psychisch stark beanspruchende Leben der Bergleute in den 30er- und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts geschildert.

Priorr, der seit 2012 für die Stadt Herne als Historiker arbeitet, ist zufällig bei Recherchearbeiten im Archiv auf den Text eines unbekannten Bergmanns gestoßen. Rund 25 Jahre lang lag er dort unentdeckt herum: „Ich hab aus Neugierde die ganzen alten Dokumente im Keller des Archivs durchstöbert, und da fielen mir zwei Kladden in die Hände“ Als er deren Inhalt las, war ihm klar, ein außergewöhnliches Zeitdokument vom Staub befreit zu haben. „Ich habe an dem Manuskript außer orthografischen Bereinigungen nichts verändert“, berichtet Priorr.

Durch den Mülheimer Norden und den Essener Westen

Die Suche nach dem Namen des unbekannten Verfassers blieb erfolglos. Nicht nur für die Zuhörer sondern auch für die beiden Autoren brachte die Fahrt durch den Mülheimer Norden und den Essener Westen einen unvergesslichen Abend. „Diese Geschichten und die städtische Umgebung haben perfekt zusammengepasst; es war wie ein Film“ gibt die 31-jährige Taha, die für ihren Erstling seitens der Kritik großes Lob einheimsen konnte, ihre Eindrücke wider. Und Priorr resümiert: „Es rumpelte in der Bahn zwar ganz schön, aber es war ein sehr schöner Abend.“

>>> ROMANE ÜBER MIGRATION UND DEN BERGBAU

Karosh Tahas Roman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“, der sich mit dem Thema Migration und dem Spannungsverhältnis zwischen traditionellen und modernen Moralverstellungen beschäftigt, ist im DuMont Verlag erschienen. Er ist 236 Seiten dick, kostet 22 Euro.


Das von Ralph Priorr herausgegebene Buch „Die Männer von Luise“ umfasst 128 Seiten und befindet sich im Programm des Klartext-Verlags. Der Preis beträgt 13,95 Euro.

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