Theater im Ringlokschuppen

Mein digitaler Doppelgänger

Christiane Kühl und Chris Kondek

Foto: Jörg Baumann

Christiane Kühl und Chris Kondek Foto: Jörg Baumann

Die Performer Christiane Kühl und Chris Kondek sind auf Themen der Digitalisierung spezialisiert und spielen „You are out there“ im Schuppen

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Zweifellos: Die Frau, die Alma Beckmann auf dem Video-Schnipsel im Internet so ausgelassen tanzen sieht, ist sie selbst. Erkennbar älter zwar, in einem Kleid, das sie nicht kennt und auf einer Party, an die sie sich nicht erinnern kann, aber nach einer Schrecksekunde erkennt sie sich. Es dauert nicht lange, dann wird ihr klar, dass es sich um eine Party in der Zukunft handelt, die sie möglicherweise erst noch erleben wird. Und die Figur im Netz ist nur ein digitaler Doppelgänger, der ein Eigenleben führt. Das ist die Konstellation der 90-minütigen Performance „You are out there“ von Chris Kondek und Christiane Kühl, die am Samstag im Ringlokschuppen um 20 Uhr zu sehen ist.

Die beiden nennen sich mit ihrem Team schon seit Jahren, was bei dieser Arbeit besonders treffend klingt, „Doublelucky“ und befassen sich seit 2004 mit den Themen der Digitalisierung. Schon zwei Mal war das mehrfach ausgezeichnete Tandem Kühl & Kondek mit Arbeiten im Ringlokschuppen zu sehen, zuletzt bei den Impulsen 2015 mit dem viel beachteten „Anonymous P.“, in dem sie auch schon die Preisgabe intimster Daten thematisierten und den Datendiebstahl mit der antiken Mythologie verknüpften.

Wie manipulierbar sind wir?

Wie manipulierbar sind wir? So lautet für Kühl & Kondek die Frage des Abends. Die digitalen Zwillinge von Alma Beckmann, die in Beziehung zu Doppelgängern der Kulturgeschichte von Jekyll & Hyde bis Fight Club gestellt wird, ist visionär. Aber wie viele Schritte fehlen noch, dass sich ein solch virtuelles Ebenbild selbstständig machen kann? „Schon jetzt gibt es intelligente Systeme, etwa beim Online-Shopping, die wissen, was mir gefällt, ehe es mir selbst bewusst wird. Und es stimmt sogar“, stellt die 1966 in Kiel geborene Journalistin Kühl, die für Spiegel, Taz und Die Zeit geschrieben hat, fest.

Verhängnisvolle Spuren im Netz

Dank der Selfies, der Profile und Spuren, die wir online hinterlassen, ist unsere Identifizierbarkeit umfassender denn je gewährleistet - und gleichzeitig gewinnen unsere virtuellen Identitäten mehr und mehr Kontrolle über unsere physische Seite. Algorithmen, auch wenn sie nur die wenigsten erklären können, lautet seit Jahren der Schlüsselbegriff für Kontrolle und Fremdbestimmung. Und es ist ja nicht so, dass uns die intelligenten Systeme im Netz nicht in unserem Verhalten beeinflussen würden. „Wir sprechen hier über lauter Dinge, die allgemein bekannt sind. Durch unsere andere Herangehensweise wollen wir, dass man es auch spürt und noch einmal drüber nachdenkt.“ Es gibt drei Erzählstränge, ein Magier, der als Conférencier auftritt und ein Computer-Hacker gliedern die Geschichte von Alma Beckmann in sechs Kapitel, die immer tiefer in einen Strudel gerät. Chris Kondek, übrigens ein bundesweit an Theatern gefragter Video-Spezialist, spielt den Magier, dessen Vorhang natürlich auch metaphorisch zu sehen ist. Und auf überraschende Weise wird auch das Publikum in die Performance einbezogen, was für eine kollektive Schrecksekunde sorgen dürfte, hier aber nicht vorweggenommen werden soll.

„Videos, aufwendige 3D-Animationen, ruckelige Live-Filmchen, sprechende Hasen, Songs und Musik sind Teile eines kunstvollen Puzzles rund um das Thema, das die drei Spieler im halbseidenen Setting einer Zaubershow präsentieren – Lametta und roter Samtvorhang inklusive“, hieß es in Deutschlandfunk über die beim Festival „Frankfurter Positionen“ uraufgeführte Performance.

„Wir sind froh, dass der Ringlokschuppen auch unsere nächste Arbeit im nächsten Jahr co-produziert“, freut sich Kühl. Es geht, natürlich unter der Perspektive der Digitalisierung, um Fitness. Menschen, die ihrem eigenen Körpergefühl misstrauen und eine Maschine mit allen möglichen Daten speisen. Kühl weist noch auf eines hin: Wer in die USA reisen möchte, soll demnächst seine Social-Media-Konten offen legen. Ein unbedachter Umgang mit den eigenen privaten Daten rächt sich eben schnell.

Karten:

You are Out There, Performance in Englisch und Deutsch im Ringlokschuppen, 19. März, 20 Uhr, Karten: 15/8 Euro.

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