Mölmsche Woche

Massive Kürzungen im Nahverkehr: Mülheim auf dem Holzweg

Mirco Stodollick

Mirco Stodollick

Foto: Mirco Stodollick Archivbild: Ilja Höpping / Mirco Stodollick

Mülheim  Ruhrbahn und Stadtverwaltung planen, das Nahverkehrsangebot in Mülheim um 30 Prozent zu kürzen. Das kommt einem Witz der Geschichte gleich.

In Essen fährt die Ruhrbahn gerade ihre große Kampagne für das mit Bundesmitteln geförderte Lead-City-Projekt an, unter anderem wird der Verkehr auf wesentlichen Bahn- und Buslinien erheblich ausgeweitet. In Essen darf sich die Ruhrbahn gerade versuchen an der Herausforderung, die sich eigentlich für den gesamten Verkehr in Deutschland stellt: Er muss klimafreundlicher werden.

Ein Witz der Geschichte: Ausgerechnet in einem und demselben Verkehrsunternehmen ist auch die genau entgegengesetzte Strategie zu verfolgen. Die Stadt Mülheim als Auftraggeberin tritt nicht nur auf die Bremse, sondern hält Millioneneinsparungen im Nahverkehrsangebot für zwingend erforderlich, um ihre große Haushaltsnot in den Griff zu bekommen.

Die Millionen-Rechnung könnte sich noch als waghalsig erweisen

So soll das Angebot, das die Ruhrbahn in Mülheim auf die Straße bringt, bis zum Jahr 2023 um sage und schreibe 30 Prozent gekürzt werden. Das soll gut acht Millionen weniger Kosten bedeuten, auf der Gegenseite rechnet man „nur“ mit einer Million Euro Verlust durch weniger Ticketverkäufe. Schon diese Rechnung könnte sich als waghalsig erweisen. Ganz zu schweigen von der Frage, in welcher Höhe Fördermittel zurückzuzahlen sind und wie hoch Rückbaukosten zu veranschlagen sind.

Verkehrs- und klimapolitisch ist Mülheim auf dem Holzweg. Natürlich macht es keinen Sinn, leere Busse und Bahnen durch die Gegend fahren zu lassen. Doch womöglich ist dies auch so, weil der mit Politik besetzte Aufsichtsrat in der Vergangenheit mehr Geld freigegeben hat für Schnickschnack wie etwa die elektronische Fahrtenanzeige. Die könnte man sich sparen, wäre die Fahrplantreue gewährleistet. Erst am Freitagnachmittag war das Stöhnen im überfüllten 133er-Bus nach Saarn wieder groß. Der Bus zuvor war einfach nicht gekommen, seufzten die Fahrgäste. Qualität schafft Nachfrage. Ausgedünnte Takte sicher nicht.

Klar ist: Es muss mehr Struktur rein in das Linienkonzept

Ein neues Liniennetz zu spannen, war dennoch seit Jahren überfällig. Das planlose Gewurschtel der Vergangenheit hat viele Parallelverkehre gebracht. Gerade in der Innenstadt reiht sich Bus an Bahn und Bahn an Bus. Es muss mehr Struktur rein – dadurch hätte Mülheims Nahverkehr wohl schon in den vergangenen Jahren mit einigen Millionen weniger Zuschuss auskommen können.

SPD, CDU und Grüne werden jetzt massiv unter Druck geraten für ihren Haushaltsbeschluss, der erst mal pauschal eine Einsparung von sieben Millionen Euro vorsah – nun ist den Bürgern die Dimension dessen vor Augen geführt. Die Rasur ist umfassend, es werden sich wieder viele Gegeninitiativen gründen.

Auf der anderen Seite steht die Frage, ob die ÖPNV-Einsparungen wirklich ohne Alternative waren und sind. Erst jetzt lässt die Stadt etwa mit dem Sozial- den größten Einzeletat einmal tiefergehend durchleuchten. Viel zu spät!

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