Theater an Ruhr

Ma’louba zeigt im Theater einen Aufbruch

Farahs Vater (Jamal Choukair) und ihre Freundin Donya  (Amal Omran). Es ist ein kompliziertes Beziehungsgeflecht.

Farahs Vater (Jamal Choukair) und ihre Freundin Donya (Amal Omran). Es ist ein kompliziertes Beziehungsgeflecht.

Foto: Tanja Pickartz

Mülheim.   In „Days in the Sun“ erzählt Mudar Alhaggi vor dem Hintergrund des syrischen Bürgerkrieges die Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau.

Nachdem die junge Frau ihren Partner, dem sie unter Entbehrungen und Drangsalen von Syrien nach Jordanien gefolgt war, das zweite Mal geohrfeigt hatte, waren bei der Premiere im ausverkauften Theater an der Ruhr von „Days in the Sun“ einige Frauen mit Kopftuch aufgestanden und hatten spontan applaudiert. Dieses Aufbegehren gegen Autoritäten ist in der patriarchalen Gesellschaft noch unerhört, aber für Fahrah (Baian Alkeratly) auch unausweichlich.

Die dritte Produktion des seit zwei Jahren am Theater an der Ruhr angesiedelten syrischen Theaterkollektiv Ma’louba erzählt einen Emanzipationsprozess, ein Ringen mit Autoritäten wie dem Vater, dem Zöllner oder dem Lebenspartner, mit dem sie unverheiratet zusammen lebt, was für den Vater unfassbar ist. Er gehört zudem einer anderen Glaubensgemeinschaft an. Aber auch für Ahmed ist Gleichberechtigung eher Wunsch denn Wirklichkeit. Er kritisiert Fahrahs politisches Engagement und ihre erste Teilnahme an einer Demonstration in Damaskus, aber zuvor war er für die Frau, die sich um sein Wohlergehen sorgte, lange nicht erreichbar und meldete sich auch nicht, wie es ihm geht.

Noch deutlichere Protestform

Am Ende wird die Entscheidung, sich wieder verstärkt der Bildhauerei zu widmen und diese auch in den Dienst ihres politischen Engagements zu stellen, sie noch zu einer deutlicheren Protestform führen. „Was können wir mit dem Schmerz tun, außer ihn einzumeißeln, ihm eine Form zu verleihen“, fragt sie. Verständnislos hält er ihr den Mund zu, was sie empört.

Der Autor und Regisseur Mudar Alhaggi ist neben der Schauspielerin Amal Omran das zweite feste, verbliebene syrische Ma’louba-Mitglied. Der Regisseur Rafat Alzakout geht inzwischen in Berlin eigene Weg. Alhaggi hat den Text, wie Dramaturg Immanuel Bartz erzählt, schon vor fünf Jahren in einer ersten Fassung geschrieben. Damals gab es noch begründete Hoffnung auf einen politischen Wandel in Syrien. Die ist inzwischen längst gewichen, die „Tage der Sonne“ sind vergangen und die Rebellen stehen vor der Niederlage. Vorher war die Euphorie groß und die Regimegegner sprachen von der Teilnahme an einer Demonstration so begeistert wie von ihrem ersten Kuss. Amal Omar spielt die Farahs Freundin und Vorbild Donya, die bereits vor Jahren demonstriert hat. Sie betritt mit den mechanischen Bewegungen einer Puppe die Bühne, wird zum Modell der Bildhauerin und reckt den rechten Arm nach oben, als sei sie eine moderne Freiheitsstatue.

Leidenschaft und Tempo

Für ein deutschsprachiges Publikum ist das handlungsarme und umso textlastigere zweistündige Stück eine Herausforderung. Farah spielt leidenschaftlich und macht Tempo, so dass die deutschen Übersetzungen zuweilen recht rasch über den Bildschirm huschen. Aber man muss gar nicht so lange zurückdenken in die Zeiten, als es in Deutschland noch ein ähnliches Geschlechterverhältnis herrschte. Die Mühe derjenigen, die etwas über die Situation und die Mentalität in Syrien erfahren möchten, wird aber belohnt.

Grobe, mobile Stahlrahmen, deren Bespannung an gesprungenes Glas erinnern, dienen als Bühnenbild und symbolisieren Distanz, Macht und Autorität – vor allem, wenn die Rahmen einmal krachend zusammen scheppern.


>> KOLLEKTIV BESTEHT SEIT ZWEI JAHREN

Das Kollektiv wurde vor zwei Jahren gegründet. „Your Love is Fire“ und „Ya Kebir“ sind die ersten Stücke. Die Reihe Moshabak Nights lädt mit Lesungen und Musik zum kulturellen Austausch ein: Mittwoch, 14. November, 19.30 Uhr, im Theater an der Ruhr. Eintritt frei.

Bis 2021 ist die weitere Arbeit gesichert. Infos auf www.collective-malouba.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben