Kultur

Lesung: Im Herbst 1977 wurde alles anders

Autorin Maria Knissel wird bei der Lesung begleitet von dem Saxophonisten Stephan Völker.

Foto: Sven Thielmann, Essen

Autorin Maria Knissel wird bei der Lesung begleitet von dem Saxophonisten Stephan Völker. Foto: Sven Thielmann, Essen

Mülheim.   Maria Knissel las aus ihrem Roman im Medienhaus die Lebensgeschichte des Saxophonisten Stephan Völker, von ihm musikalisch begleitet.

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Es gibt Ereignisse, die sind fest im kollektiven Gedächtnis einer Nation verankert. Der 5. September 1977 gehört ganz sicher dazu – der Tag der Entführung von Hanns Martin Schleyer durch die RAF, als die verstörenden Bilder eines weißen Mercedes und vier Toten über alle bundesrepublikanischen Bildschirme flimmerten. So auch bei der Familie des 13-jährigen Chris, der wenig später erfährt, dass sein sieben Jahre älterer Bruder Klaus mit dem Motorrad schwer verunglückt ist. Mit dauerhaften Folgen, die sowohl das bis dahin beschauliche Familienleben als auch die Entwicklung des jungen Rüsselsheimers nachhaltig verändert.

Seine Geschichte, die fortan untrennbar mit der des großen Bruders verknüpft ist, erzählt die Autorin Maria Knissel in ihrem biografischen Roman „Drei Worte auf einmal“ (Societäts Verlag, Frankfurt 2012, 368 Seiten, 12,80 Euro), den sie jetzt im Medienhaus bei einer bewegenden Lesung vorstellte. Begleitet von dem Saxophonisten Stephan Völker, dessen tragische Lebensgeschichte über gut 30 Jahre von Maria Knissel mit dezenter Empathie, doch nie pathetisch aus der Perspektive des Ich-Erzählers nachgezeichnet wird.

Hilfloses Desinteresse der Umwelt

Denn er ist jener Chris, der nach dem Unfall seines Bruders mit der zeittypischen Sprachlosigkeit der Familie und dem eher hilflosen Desinteresse seiner Umwelt umzugehen lernen muss. Und darüber ein neues Verhältnis aufbaut zu dem schwerbehinderten Klaus, der ständiger Pflege und Zuwendung bedarf.

Anstatt wie andere Jungen seines Alters sich mit Mädchen zu treffen, kümmert sich Chris um seinen Bruder, was bei aller Tragik auch seine komischen Aspekte hat. Wie eine der vielen von Maria Knissel angenehm lebhaft vorgetragenen Szenen zeigte, als der Wunsch, Fußball zu spielen, dazu führt, dass der „Große“ im Wohnzimmer mühsam in die Tür gesetzt und von seinem kleinen Bruder zum Torwart gemacht wird. „Ball“ sagt Klaus glücklich, als er es nach zig Versuchen endlich schafft, den Tennisball zu fassen. Allerdings auf Kosten eines Hummel-Engels („aus echtem Porzellan, sagt Mutter immer stolz“), der im Laufe des lebhaften Spiels seine Flügel einbüßt.

Vom Bruder inspirierte Ideen

Es sind Szenen wie diese, die den Zuhörern die oft beklemmenden Momente in „Drei Worte auf einmal“ erträglich machten. Zumal Stephan Völker immer wieder auf seinem altem Selmer-Tenorsaxophon mit zart rauchig geblasenen, von seinem Bruder inspirierten Melodien den spannenden Erzählfluss episodisch auflockerte und dazu auch eigene Geschichten beisteuerte. Mit dem von ihm delikat intonierten Slowfox „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ aus dem Ufa-Tonfilm „Der blonde Traum“ von 1932 endete der intensive Abend, der mehr als knapp zwei Dutzend Besucher verdient hätte, in verhalten-melancholischem Optimismus.

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