Kultur

Künstler Ruppe Koselleck sammelt Fundstücke aller Art

Der Künstler Ruppe Koselleck ist für seine Prägedrucke von städtischen Böden bekannt. Sie werden mit einer Planierwalze gefertigt.

Der Künstler Ruppe Koselleck ist für seine Prägedrucke von städtischen Böden bekannt. Sie werden mit einer Planierwalze gefertigt.

Foto: Martin Möller

Mülheim.   Künstler Ruppe Koselleck sammelt Büroklammern, Flaschendeckel und Spielkarten. Das große Ziel: ein kompletter Skat-Satz aus gefundenen Karten.

Ruppe Koselleck war schon immer ein leidenschaftlicher und akribischer Sammler. Als Kind hat er seine Eltern fast wahnsinnig gemacht, weil er alles horten musste und sich Gedanken gemacht hat, wie er es aufbewahren kann. Das Interesse lag vielleicht in der Familie. Vater und Großvater waren Historiker, die sich auf ihre Weise Gedanken über Quellen und Funde gemacht haben. „Ich hatte ein großes Interesse an Indianerbüchern und am Fährtenlesern“, erklärt der Aktionskünstler aus Münster, der am vergangenen Wochenende mit der Planierwalze an markanten Stellen in der Stadt Prägedrucke des Pflasters nahm.

Anhand der Fundstücke kann er die Welt begreifen, sich in einer Stadt orientieren. Er erkennt an den kleinen Flaschenverschlüssen, wo sich die Trinker aufhalten, an den Büroklammern, wo die Bürokraten ihre Schreibtische haben und den Haarspangen wo die jungen Frauen feiern. Wie ein Archivar nimmt er in einem Fundbuch jeden Artikel auf und versieht ihn mit einer Nummer. So entsteht die Soziologie einer Stadt. Seine Büroklammern und Haarspangen füllen inzwischen mehrere große Karteiboxen. In Mülheim ist er auf eine Büroklammer mit einem stilisierten Kopf gestoßen, in dem ein Gehirn abgebildet ist.

Stadtlaub verrät viel über die Stadt

Es sind Zufälle, die viel über eine Stadt verraten. Stadtlaub nennt er diese Hinterlassenschaften. Er findet auch viele Fotos, mit denen er Beziehungen und Trennungen rekonstruieren könnte, aber unter Datenschutzaspekten ist das inzwischen heikel. Die Streetfamily, wie er das Familienalbum nennt, ist nur eingeschränkt öffentlich zugänglich.

Oft findet er auch Spielkarten. Am 14. Februar 2003 hat er sich entschlossen, aus vereinzelt, umherfliegenden Karten einen kompletten Satz Skatkarten zusammen zusetzen. Seit sieben Jahren ist dieses Spiel bis auf eine Karte komplett. Seitdem sucht er die Kreuz 9 und findet sie nicht. Andere Karten hat er dutzendfach. Münster, Berlin, Amsterdam, Ahlen und Dortmund sind die Fundorte dieser Karten, die es als komplettes Spiel in Reproduktion der realen gefundenen Karten im Museumsshop (10 Euro, signiert 15 Euro) zu kaufen gibt.

Die Macht des Zufalls

Ein Platzhalter ersetzt die fehlende Neun. Die Karten haben Gebrauchsspuren, sind beschmiert, eingerissen und auf jeder einzelnen ist der Fundort notiert. Einmal im sibirischen Ulan-Ude glaubte der 51-Jährige, endlich eine Kreuz Neun gefunden zu haben. „Eigentlich ein schönes Ende für die Aktion“, dachte er sich, aber es war eine Kreuz 6 aus einem Rommé-Blatt und so sucht er weiter. Es ist die Macht des Zufalls, dass eine fehlt. Dass er alle restlichen gefunden hat, bleibt verblüffend genug.

Zu sehen sind in der Ausstellung Tagebücher und Materialsammlungen, die er 1996 noch als Student begonnen und zunächst in Tapetenbüchern angelegt hat. Kronkorken, Pommes-Gabeln, Fahrkarten, Konzerttickets und immer wieder durchgepauste Münzen sind dort zu sehen. Aber auch Scheine findet er regelmäßig, mit dem Geld macht er dann noch eine besondere Aktion.

Tapetenbücher als Tagebuch

Immer wieder sind auch Zeichnungen zu sehen, die sich von den Ornamenten abheben oder mit ihnen korrespondieren. Auch richtig Tagebuch hat Koselleck geführt. „Die Tapetenbücher sind dafür das richtige Medium“, findet er. Auch bei Tapeten hält man es zehn, fünfzehn Jahre später kaum für möglich, dass man diese einmal gut fand. Im einen Fall wandelt sich die Mode, im anderen das Bewusstsein. „Es gibt Textpassagen, da möchte ich heute im Boden versinken.“ Was ihn interessiert sind Fragen von Wert, Entwertung und Wertsteigerung. Nach welchen Kriterien bleiben Künstler auf dem Kunstmarkt präsent?

Koselleck im persönlichen Gespräch erleben

Die Ausstellung ist bis zum 5. Mai im Museum Temporär an der Schloßstraße 28 zu sehen. Am heutigen Samstag erläutert Ruppe Koselleck um 13 Uhr im Gespräch mit Kuratorin Simone Scholten sein Konzept.

Außerdem geht Ruppe Koselleck auch auf die feindliche Übernahme des Erdölkonzerns BP ein. 5000 Aktien hat der Aktionskünstler inzwischen gekauft. Das entspräche dem Wert eines guten Fahrzeugs.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben