Interview

Kooperativer Religions-Unterricht für alle Kinder

Für Sabine Dehnelt, Schulreferentin des Ev. Kirchenkreises, gehört religiöse Bildung zur Allgemeinbildung.

Foto: Michael Dahlke

Für Sabine Dehnelt, Schulreferentin des Ev. Kirchenkreises, gehört religiöse Bildung zur Allgemeinbildung. Foto: Michael Dahlke

Mülheim.   Reli-Stunde für verschiedene Konfessionen, ungetaufte Kinder und Muslime ab Schuljahr 18/19 möglich. Interview mit Schulreferentin Sabine Dehnelt.

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Der Religionsunterricht kann an den Grundschulen und in der Sekundarstufe 1 ab dem Schuljahr 2018/2019 auch „konfessionell-kooperativ“ erteilt werden. Wir sprachen darüber mit Sabine Dehnelt, Schulreferentin des Kirchenkreises an der Ruhr.

Wie ist es zu dieser Vereinbarung gekommen?

Sabine Dehnelt: Die Evangelischen Kirchen in Nordrhein-Westfalen und mehrere Bistümer, ausgenommen das Bistum Köln, haben diesen Beschluss gefasst. Hintergrund ist, dass langfristig der Religionsunterricht gestärkt werden soll. Die Zahl der christlichen Schüler ist rückläufig, und in manchen Schulen gibt es in einigen Klassen sogar so wenige evangelische oder katholische Kinder, dass ein getrennter Unterricht gar nicht durchführbar ist.

Der gemeinsame Unterricht war bisher nicht möglich?

Aus praktischen Erwägungen wurde er an manchen Schulen wohl schon praktiziert, jetzt darf es auch offiziell gemacht werden.

Schulen, die konfessionell-kooperativen Unterricht anbieten wollen, müssen das beantragen. Es finden derzeit Informationsveranstaltungen für Schulen statt, es gibt auch Schulungen für die Lehrer. Voraussetzung ist, dass für jede Konfession eine Lehrkraft vor Ort ist und die zwei Lehrer im Wechsel unterrichten.

Wird es denn einen gemeinsamen Lehrplan geben?

Es gab bisher unterschiedliche Lehrpläne, die werden auch nicht aufgelöst. Die Schulen, beziehungsweise die Lehrer, müssen es hinkriegen, dass jede Konfession im Unterricht ausreichend dargestellt wird. Dass die Zusammenarbeit gut funktionieren kann, zeigen ja die Schulgottesdienste. Die werden in vielen Schulen schon seit längerem ökumenisch gefeiert.

Dürfen nur christliche Kinder den konfessionell-kooperativen Unterricht besuchen?

Nein, teilnehmen darf jedes Kind, auch Muslime oder ungetaufte Kinder sind willkommen. Ich finde auch, jedes Kind hat ein Recht auf Religion, beziehungsweise darauf, Religion kennenzulernen.

Worin unterscheiden sich denn evangelischer und katholischer Religions-Unterricht?

Es gibt unterschiedliche Inhalte. Die Vorstellung von Maria etwa ist eine andere. Im evangelischen Unterricht ist natürlich Luther ein wichtiges Thema. Im katholischen Unterricht geht es um die Beichte oder andere Sakramente, die es bei Protestanten nicht gibt – und so weiter.

Was sind Gemeinsamkeiten?

Biblische Geschichten beispielsweise werden natürlich im evangelischen und im katholischen Unterricht gelesen. Auch die Frage danach, wie das Leben zu Jesus Zeiten war, ist überkonfessionell. Oder die Frage nach Gott. Übergreifend ist sicher auch das Thema, welche Relevanz Religion oder Glaube für den eigenen Alltag haben und was es heute bedeutet, als Christ verantwortlich in der Welt zu leben.

Für den Dialog der Religionen

Was sollte der kooperative Unterricht leisten?

Da gibt es vieles. Ein Ziel des gemeinsamen Unterrichts sollte es sein, dass jede Konfession in ihrer Besonderheit erkennbar gemacht wird. Die Schüler sollen lernen, den anderen mit seinen religiösen Vorstellungen zu verstehen, Sie sollten sprachfähig in Bezug auf ihre eigene Konfession werden, aber auch Dialogfähigkeit entwickeln, um den anderen so zu verstehen, wie er sich selbst versteht.

Und das gilt dann nicht nur für die christlichen Konfessionen, sondern auch für den Dialog der Religionen.

Sie sind selber auch Religionslehrerin am Berufskolleg. Welche Erfahrungen haben Sie mit Schülern gemacht?

Man merkt, dass viele Kinder und Jugendliche nicht mehr mit der christlichen Kirche aufwachsen, christliche Traditionen sind für sie keine Selbstverständlichkeiten mehr. Es ist ihnen aber wichtig, dass sie mit ihren Fragen und ihrer Kritik ernst genommen werden.

Ich mag Provokationen und finde es gut, wenn wir im Unterricht kontrovers diskutieren, aber zugleich die Meinung des anderen akzeptieren. Interessant sind für Jugendliche unter vielem anderem ethische Fragen oder auch aktuelle Themen wie etwa der Fundamentalismus.

Was würden Sie dem sagen, der Religionsunterricht für überholt hält?

Religiöse Bildung gehört meiner Meinung nach zur Allgemeinbildung, zum Kulturverstehen. Die Schüler müssen nicht glauben, wir zwingen ihnen den Glauben nicht auf. Sie sollten aber wissen, was Religion bedeutet. Es ist gut, wenn man bestimmte Dinge schon mal gehört hat. Viele religiöse Themen haben außerdem Bezug zum heutigen Leben.

>>> ZUR PERSON: SABINE DEHNELT

Seit dem Schuljahresbeginn ist Sabine Dehnelt nicht nur am Berufskolleg Lehnerstraße tätig, sondern mit einer 30-Prozent-Stelle auch Schulreferentin des Kirchenkreises an der Ruhr.


Die Pfarrerin (54), die zuletzt sieben Jahre lang am Berufskolleg in Köln unterrichtete, soll „Vermittlerin an der Nahtstelle zwischen Kirche und Schule“ sein.

„Ich freue mich sehr, wenn ich Einladungen von den Schulen zu Fachkonferenzen bekomme“, sagt Sabine Dehnelt. Da sie zeitlich eingegrenzt sei, werde es etwas dauern, bis sie alle Schulen besucht und ein Beziehungsnetz aufgebaut habe.

Wichtig ist ihr, im Religionsunterricht zu vermitteln, dass man den anderen ausreden lassen sollte und versuchen sollte, ihn zu verstehen. „Respekt kann wachsen, wenn man gelernt hat, auch andere Meinungen gelten zu lassen“, sagt sie.

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