Klima

Klimaziel hängt für Mülheim noch hoch

Foto: Franz Luthe

Mülheim.   Zwischen 1990 und 2012 ist der CO2-Ausstoß in Mülheim nur um 17 Prozent gesunken. Ziel bis 2030ist aber eine Halbierung. Die Stadt hat nun Potenziale insbesondere im Wärmesektor ermittelt.

„Wir müssen echt noch eine Schüppe drauflegen“ – das sagt Ulrike Marx, im Technischen Rathaus als wissenschaftliche Mitarbeiterin zuständig für die Klimaziele der Stadt. Das einst formulierte Ziel, von 1990 bis zum Jahr 2030 den CO2-Ausstoß in der Ruhrstadt zu halbieren, liegt noch weit entfernt am Horizont. 17 Prozent Einsparung sind bis 2012 erst erreicht worden. Jetzt soll, ja muss ein „Energetischer Stadtentwicklungsplan“ helfen, Fahrt aufzunehmen. Einen ersten Zwischenschritt hat die Stadt nun getan: In einem 138-seitigen Papier zeigt sie insbesondere auf, wo Potenziale für die Reduzierung des Treibhausgases in der örtlichen Wärmeversorgung stecken.

Gebäudesanierung im Fokus

Strom, Strom , Strom. . . Viel zu sehr, so Marx, sei die öffentliche Diskussion um den Klimaschutz immer noch auf die Elektrizität fokussiert. Dabei gebe es ganz wesentliche Möglichkeiten im Wärmebereich. Wärme, so hat die Stadt ermittelt, machte 2012 58 Prozent des Energiebedarfs in Mülheim aus, das Segment hat demnach deutlich mehr Gewicht als der Verkehr (25 Prozent) und Strom (17 Prozent). So soll die energetische Gebäudesanierung in den Mittelpunkt der Mülheimer Anstrengungen rücken.

„Wir müssen die Sanierungsrate im Wohnbestand erhöhen“, nennt Marx eines der Hauptziele, das bis 2030 eine Minderung des Wärmebedarfes um rund 1200 Gigawattstunden bringen soll. Nur eine Zahl dazu: Immer noch sind im Stadtgebiet so viele Ölheizungen in Betrieb, dass sie rund ein Drittel des Wärmeenergiebedarfes ausmachen. Durch technische Umrüstungen bei Heizungen, mehr Wärmedämmung und anderes. glaubt die Stadt die CO2-Bilanz wesentlich verbessern zu können. Sie wird dabei auf das Mittun von privaten Eigentümern angewiesen sein. Die Stadt will beratend und unterstützend wirken, Eigentümern zeigen, was sich wirtschaftlich rechnet.

Pilotquartier zwischen Filchner- und Kleiststraße

Auch fest im Visier: der Ausbau des Nahwärmenetzes. Neben einer Verdichtung der Vorranggebiete Innenstadt/Broich und rund um die Boverstraße in Winkhausen hat die Stadt weitere rund 30 kleine Quartiere ausgemacht, für die eine Nahwärmeversorgung etwa über KWK-Anlagen Sinn machen könnte.

Ein Pilotquartier zur energetischen Sanierung ist im Areal zwischen der Filchnerstraße, wo die städtische Wohnungsgesellschaft SWB eine große Zahl an Mehrfamilienhäusern hält, und dem Schulzentrum an der Kleiststraße und den 70er-Jahre-Häusern am Fulerumer Feld (Heimaterde) ausgemacht. Hier will die Stadt mit verstärkten Anstrengungen beweisen, was für die CO2-Bilanz getan werden kann.

Ferner soll die regenerative Energiegewinnung auf Mülheimer Boden an Bedeutung zulegen. 20 Gigawattstunden mehr Windenergie werden für möglich gehalten (zwei große und zehn kleine Windkraftanlagen), über oberflächennahe Geothermie sind 26 Gigawattstunden eingeplant, über Solarthermie 2,9, über Photovoltaik 20 Gigawattstunden.

Stadt will Nahwärmenetz ausbauen 

In ihrem ersten Bericht zur energetischen Stadtentwicklung formuliert die Stadt Ziele, die zur Reduzierung der CO2-Emissionen beitragen sollen. Hier nun wesentliche Beispiele:

Sanierungsrate verdoppeln. Die Stadt will Anstrengungen unternehmen, die Sanierungsrate bei Gebäuden von 1 auf 2 Prozent pro Jahr zu hieven. Das soll bis 2030 helfen, den Wärmebedarf auf 74,1 Prozent des Status quo von 2012 zu drücken. Hierfür hat die Stadt mit wissenschaftlicher Unterstützung des Fraunhofer Instituts eine Datengrundlage geschaffen, die es ermöglicht, vor Ort – und häuserscharf – Eigentümern beratend und ermunternd zur Seite zu stehen.

Energieeffizienz. Insbesondere glaubt die Stadt den Wärmebedarf durch verbesserte Dämmstandards (-12,5 %), technische Umrüstungen (-7,5 %) und Optimierungen (-5 %) senken zu können. Das soll bis 2030 helfen, den Treibhaus-Effekt um fast 87 Tonnen CO2 jährlich zu entlasten.

Wechsel der Energieträger. Weitere 46 Tonnen sollen eingespart werden können durch die Vermeidung von CO2-intensiven Energieträgern bei der Energieerzeugung. Vor allem die Kraft-Wärme-Kopplung soll hier als Ersatz für Strom-Importe einen Beitrag leisten, der fast 25 Tonnen CO2 schwer ist. Auch sollen Erdgasanschlüsse umfassend Ersatz sein für Strom- oder Ölheizungen, um fast acht Tonnen CO2 jährlich einzusparen. Wärmepumpentechnik, Holzpellet- und Scheitholzanlagen sowie Solarthermie spielen eine eher kleinere Rolle. Zusammengenommen rechnet die Stadt aber auch hier mit einem Potenzial von 4,5 Tonnen CO2-Einsparung. Insbesondere in Gegenden ohne Anschluss an Erdgas- oder Wärmenetze (vor allem in Saarn, Broich, Menden und Holthausen) soll der zusätzliche Einsatz dieser Technologien einen Beitrag zum Klimaziel leisten.

Ausbau des Nahwärmenetzes. Neben der Verdichtung der sechs vorhandenen Netze (Boverstraße, Broich/Innenstadt, Hinnebecke, Liverpoolstraße, Saarn, RRZ/Heißen) sieht die Stadt mit der Medl als Partnerin die Chance für rund 30 neue Nahwärmeinseln im Stadtgebiet. So könne Nahwärme im Vergleich zu Nachtspeicherheizungen helfen, gar 90 % der CO2-Emissionen zu vermeiden. Neben den klassischen Technologien, die heute schon in Mülheim zum Einsatz kommen, sieht die Stadt Potenziale etwa durch die Weiterentwicklung der Kraft-Wärme-Kopplung (zum Beispiel in Form der Brennstoffzelle) oder moderne Speichertechnologien.

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