Soziales

Kinderarmut: SPD sucht bei Tagung in Mülheim nach Lösungen

Im Gespräch in Mülheim: von links:. Klaus Konietzka (Leiter Sozialagentur), Holger Hofmann (Deutsches Kinderhilfswerk), SPD-Bundestagsabgeordneter Arno Klare, Sozialforscher Volker Kersting und SPD-Ratsherr Rodion Bakum.

Im Gespräch in Mülheim: von links:. Klaus Konietzka (Leiter Sozialagentur), Holger Hofmann (Deutsches Kinderhilfswerk), SPD-Bundestagsabgeordneter Arno Klare, Sozialforscher Volker Kersting und SPD-Ratsherr Rodion Bakum.

Foto: Herbert Höltgen

Mülheim.  Bei einer Fachtagung der SPD wurde deutlich, dass das wachsende Problem auf allen staatlichen und gesellschaftlichen Ebenen bekämpft werden muss.

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Auch wer die aktuelle Berichterstattung zur Kinderarmut verfolgt hat, musste am Samstag schlucken, als die SPD zu eben diesem Thema in die Stadthalle eingeladen hatte. Die Kinderarmut ist in Mülheim seit 2006 um 50 Prozent angestiegen. Und in der Stadtmitte wachsen mittlerweile zwei Drittel der Kinder in Familien auf, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind. „In diesen Zahlen sind die von Armut bedrohten Familien, die aber kein Arbeitslosengeld II bekommen, noch gar nicht mit drin“, betonte der Sozialwissenschaftler Volker Kersting, den viele Mülheimer noch als Stadtforscher kennen. Inzwischen ist er als Regionalforscher an die Ruhr-Universität Bochum gewechselt.

Kersting stellte aber auch die andere Seite der sozialen Medaille vor. Zwischen 2013 und 2015 ist die Zahl der Mülheimer Einkommensmillionäre von 43 auf 58 angestiegen. Die Betroffenheit angesichts dieser Zahlen, die plakativ zeigen, wie in unserer Stadt die sozial Schere auseinander gegangen ist, war unter den 50 Zuhörern aus Politik, Verwaltung und Sozialarbeit mit Händen zu greifen.

Problem hat sich in Mülheim verschärft

„Wir haben das Thema ja seit Jahren erforscht und bearbeitet. Wir waren nicht untätig, aber es hat sich verschärft, und deshalb müssen wir dran bleiben“, lautete für den Chef der Sozialagentur, Klaus Konietzka, die Konsequenz aus dem Gehörten.

Der als Integrationsfachkraft bei der Stadt arbeitende Murat Özdemir wies darauf hin, dass 70 Prozent der Kinder, die in Alg II beziehenden Familien leben, Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabe-Paket des Bundes in Anspruch nehmen. Damit haben sie die Möglichkeit, von Bildungs,- Sport und Kulturangeboten zu profitieren. Murat Özdemir machte aber auch deutlich, dass nicht nur Staat und Politik, sondern auch die Eigenverantwortung der Eltern gefordert sei, um ihre Kinder nach bestem Wissen und Gewissen aus der materiellen und geistigen Armut herauszuführen.

Männer entziehen sich oft ihrer Verantwortung

Ihm sprang die Vorsitzende des Vereins Hilfe für Frauen, Nicole Weyers, bei, die beruflich als Fallmanagerin für die Sozialagentur arbeitet. Angesichts des extrem hohen Armutsrisikos, dass alleinerziehende Mütter und ihre Kinder haben, forderte Weyers mehr fordernde Förderung für junge Männer und junge Väter, die sich zu oft ihrer Verantwortung entzögen.

„Das schaffen wir als SPD nicht alleine. Dafür brauchen wir Partner im Rat und in der Bürgerschaft, aber auch mehr Unterstützung vom Land und vom Bund“, formulierte der sozialpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rodion Bakum den politischen Handlungsauftrag.

Vorbildliches Projekt in Potsdam

Aufmerksame Zuhörer fand denn auch der Geschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes, der unter anderem vom Potsdamer Projekt eines lokalen Aktionsplans gegen Kinderarmut berichtete: Dort ist man dabei, die Vernetzung der örtlichen Akteure, die im Bereich Familien und Kinder arbeiten, voranzutreiben.

Hofmann nannte unter anderem die eher ungewöhnliche, aber offenbar sehr erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen einem Fußballverein und der Stadtbücherei, die gemeinsam eine viel größere Zahl von Kindern und Eltern erreicht haben und so gemeinsam an Bildung, Sprache, Sozialverhalten und Bewegung arbeiten können.

Familienkarte als eine mögliche Idee

Wegweisend hält er auch die in Potsdam auf den Weg gebrachte Familienkarte, die Leistungen für Kinder und Familien vom Sportverein über die Bibliotheksnutzung bis zum öffentlichen Personennahverkehr bündelt und so die Stigmatisierung bedürftiger Eltern und Kinder minimiert und dafür sorgt, dass sie am öffentlichen Leben teilnehmen können.

Doch Hofmann sieht nicht nur die Kommunen, sondern auch den Bund in der Pflicht. Er müsse die 154 unterschiedlichen Hilfeleistungen für Kinder in einem Bundeskinderteilhabegesetz bündeln und eine steuerfinanzierte Kindergrundsicherung einführen.

Für den Sozialforschung Kersting ist angesichts langzeitarbeitsloser Eltern klar: „Wir brauchen einen sozialen Arbeitsmarkt!“

>>>Ideen und Unterstützung sind willkommen

Rodion Bakum machte bei der Veranstaltung am Samstag deutlich, dass die SPD-Ratsfraktion das Thema Kinderarmut in Mülheim im Rahmen eines Arbeitskreises zum Schwerpunktthema machen wird.

Bürgerinnen und Bürger, die daran mitarbeiten möchten und an näheren Informationen interessiert sind, können sich an die SPD-Fraktion, Auerstraße 13, wenden oder per Mail an: rodion.bakum@spdmh.de.

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