Kinderarmut bleibt ein Problem

Die von den NRW-Statistikern vor einem Jahr veröffentlichten Zahlen zur sozialen Mindestsicherung bargen gesellschaftlichen Sprengstoff in sich: Immer mehr Kinder leben in Haushalten, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind. In Mülheim war der Trend besonders auffällig: Nirgendwo sonst in NRW war die Kinderarmut seit 2007 so stark angewachsen. Mehr als jeder vierte Minderjährige in Mülheim wächst mittlerweile unter Armutsbedingungen auf. Betrug der Anteil der Minderjährigen, die von Hartz IV leben, Ende 2007 noch 20,2 Prozent, so lag die Quote Ende 2015 bereits bei 28,9 Prozent. Bei der Stadt Mülheim gab es ähnliche Auswertungen, allerdings waren sie auf die Unter-15-Jährigen konzentriert. Hier zeigte sich in der Innenstadt gar eine Höchstquote von fast 66 Prozent. Im Land NRW gab es zum damaligen Zeitpunkt nur sieben Großstädte, die eine noch höhere so genannte Mindestsicherungsquote ausweisen. Selbst Oberhausen, Bochum oder Herne, die mit deutlich schlechteren Arbeitsmarktdaten daherkamen, wiesen niedrigere Quoten aus. Die Antwort von Jennifer Neubauer von der Sozialagentur auf die Frage nach den Ursachen klang so: Das exorbitante Wachstum sei damit zu begründen, dass Mülheim sich in der jüngeren Vergangenheit besonders intensiv darum verdient gemacht habe, versteckte Armut aufzudecken. Neubauer zählt dazu das Engagement der Stadt und ihres sozialen Netzwerkes, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket dorthin zu lenken, wo sie gebraucht werden. Tatsächlich, so belegten Zahlen, die Neubauer präsentierte, ist dies in Mülheim weit über die Maße gelungen. In Kitas und Schulen habe die Sozialagentur gemäß politischem Auftrag breit aufgeklärt zu den komplexen Hilfen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, so hätte sich vielfach bei Familien ein Leistungsanspruch aufgetan, den die Betroffenen zuvor bei der Behörde gar nicht angemeldet hatten. Neubauer sah die Negativentwicklung nicht am Tiefpunkt angelangt. Sie werde sich absehbar noch stärker in der Statistik ablesen lassen, da mehr Flüchtlinge in den Hartz IV-Bezug kommen. Auch der Armutszuzug aus EU-Ländern werde sich auswirken. Die überörtliche Politik sei gefragt. „Wir brauchen viel mehr Investitionen in Bildung und Chancengleichheit, um Kinder vor den negativen Folgen von Armut zu schützen“, so Neubauer.

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Die von den NRW-Statistikern vor einem Jahr veröffentlichten Zahlen zur sozialen Mindestsicherung bargen gesellschaftlichen Sprengstoff in sich: Immer mehr Kinder leben in Haushalten, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind. In Mülheim war der Trend besonders auffällig: Nirgendwo sonst in NRW war die Kinderarmut seit 2007 so stark angewachsen. Mehr als jeder vierte Minderjährige in Mülheim wächst mittlerweile unter Armutsbedingungen auf. Betrug der Anteil der Minderjährigen, die von Hartz IV leben, Ende 2007 noch 20,2 Prozent, so lag die Quote Ende 2015 bereits bei 28,9 Prozent. Bei der Stadt Mülheim gab es ähnliche Auswertungen, allerdings waren sie auf die Unter-15-Jährigen konzentriert. Hier zeigte sich in der Innenstadt gar eine Höchstquote von fast 66 Prozent. Im Land NRW gab es zum damaligen Zeitpunkt nur sieben Großstädte, die eine noch höhere so genannte Mindestsicherungsquote ausweisen. Selbst Oberhausen, Bochum oder Herne, die mit deutlich schlechteren Arbeitsmarktdaten daherkamen, wiesen niedrigere Quoten aus. Die Antwort von Jennifer Neubauer von der Sozialagentur auf die Frage nach den Ursachen klang so: Das exorbitante Wachstum sei damit zu begründen, dass Mülheim sich in der jüngeren Vergangenheit besonders intensiv darum verdient gemacht habe, versteckte Armut aufzudecken. Neubauer zählt dazu das Engagement der Stadt und ihres sozialen Netzwerkes, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket dorthin zu lenken, wo sie gebraucht werden. Tatsächlich, so belegten Zahlen, die Neubauer präsentierte, ist dies in Mülheim weit über die Maße gelungen. In Kitas und Schulen habe die Sozialagentur gemäß politischem Auftrag breit aufgeklärt zu den komplexen Hilfen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, so hätte sich vielfach bei Familien ein Leistungsanspruch aufgetan, den die Betroffenen zuvor bei der Behörde gar nicht angemeldet hatten. Neubauer sah die Negativentwicklung nicht am Tiefpunkt angelangt. Sie werde sich absehbar noch stärker in der Statistik ablesen lassen, da mehr Flüchtlinge in den Hartz IV-Bezug kommen. Auch der Armutszuzug aus EU-Ländern werde sich auswirken. Die überörtliche Politik sei gefragt. „Wir brauchen viel mehr Investitionen in Bildung und Chancengleichheit, um Kinder vor den negativen Folgen von Armut zu schützen“, so Neubauer.

Sozialdezernent Ulrich Ernst griff das Thema in diesem Jahr auf: Die Tatsache, dass durch Mülheims Werben für das Bildungs- und Teilhabepaket mehr Kinderarmut aufgedeckt worden sei, sah er nicht als einzigen Grund für die einzigartige Negativentwicklung. Er stellte eine These vor, mit der sich die städtische Soziaforschung beschäftigte: „Könnte es sein, dass der Arbeitsmarkt für Frauen eng ist, weil Mülheim im Vergleich zu anderen Städten nach wie vor einen sehr hohen Anteil gewerblicher Arbeitsplätze hat?“, so die Fragestellung. Die Vermutung liege bei näherem Hinsehen nicht fern, so Ernst. Facharbeiter-Jobs seien immer noch eine männliche Domäne. Fehlen Mülheim Arbeitsplätze im Dienstleistungs- und in anderen Sektoren? In der städtischen Sozialstatistik steigen permanent die Zahlen gerade alleinerziehender Frauen, die nur mit staatlicher Hilfe ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Mögliche Zusammenhänge gelte es näher zu untersuchen, sagt Ernst, der mit Blick auf die Kinderarmut gleichzeitig betont: „Es gibt nicht die eine Maßnahme, die helfen kann.“ In ihrem möglichen Radius praktiziere es die Stadt ja seit langem, Hilfen so zu strukturieren, dass von der Geburt bis zum Übergang ins Berufsleben Begleitung angeboten werde. Mit rund 30 verschiedenen Angeboten der Bildungskette gilt Mülheim landesweit als eine Modellstadt für ein stringentes Konzept, das über unterstützende und wo nötig quartiersscharfe Angebote helfen will, allen Kindern den Weg aus der Armut zu ebnen. Dabei sei wichtig zu beachten: Armut sei nicht nur materiell, Armut habe auch kulturelle und soziale Ausprägungen.

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