Theater

Kameruner zeigen in Mülheim eine entwürdigende Präsentation

Drei Performerinnen schwenken leuchtende Opferschalen in „Sawtche Baartman“ im Mülheimer Ringlokschuppen.

Drei Performerinnen schwenken leuchtende Opferschalen in „Sawtche Baartman“ im Mülheimer Ringlokschuppen.

Foto: Nils Voges

Mülheim.  Das kamerunische Gastspiel mit „Sawtche Baartman“ im Mülheimer Ringlokschuppen spricht alle Sinne an. Und beschäftigt die Gäste wohl noch länger.

Das Spektakel aus Klang, Video Tanz und Spiel des aus Kamerun stammenden Theatermannes Martin Ambara beginnt schon vor dem Ringlokschuppen. In den Bäumen baumeln vier Schaukästen, die auf das Schicksal von Sawtche Baartman hinweisen, die als Hottentoten Venus im Londoner Piccadilly, aber auch in Deutschland zur Schau gestellt wurde. Ausgestellt werden Dokumente einer entwürdigenden Präsentation, die mit dem frühen Tod 1816 kein Ende findet, da der Leichnam seziert und im Museum zur Schau gestellt wird.

„Ihr ausladendes Hinterteil wird zur Projektionsfläche für die sexuelle Fantasie europäischer Männer, der zufolge schwarze Frauen, wenn sie auch keinen Geist besitzen, umso mehr naturhaft wilde Lust verheißen“, wie der Spiegel einmal schrieb. In der Klangperformance geht es vor allem auch um die durchdringenden, taxierenden Blicke, die vor der Oberfläche nicht halt machen. Die Frau wird vermessen und auf der Entwicklungslinie zwischen Affe und Mensch einsortiert. Der wiederholte Verweis auf die christliche Religion verweist auf den bigotten Charakter der Gesellschaft, die in solchen Fällen die Augen vor Unrecht verschließt.

Eindrücke sind überwältigend und überfordernd

Zu Beginn der Aufführung im Innern sind die Sinneseindrücke zunächst überwältigend und teilweise auch überfordernd, da zu der Bilderflut und der Musik noch ein vielstimmiger französischsprachiger Chor tritt, der auf den Kopfhörern nur teilweise übersetzt wird. Auf den vier Leinwänden in dem mit zahlreichen Spiegeln ausgestatteten Saal, wechseln sich Dokumente ab mit Spielszenen, in denen ein Schwarzer im Käfig drangsaliert wird, und grotesken Collagen und Bildern von Zerrspiegeln ab.

Mit dem Auftritt von drei Frauen wird der Abend klarer. Sie stellen historische Verbindungen zur Berliner Kongo-Konferenz her, als 1885 Afrika in der Wilhelmstraße aufgeteilt wurde, und deuten literarische Bezüge an: Victor Hugos „Elenden“ und Frantz Fanons „Verdammte dieser Erde“. Mit den Ertrunkenen von Lampedusa und Missbrauchsopfern versucht Martin Ambara, eine Verbindung zur Gegenwart herzustellen. Natürlich geht es ihm auch immer wieder um das Verhältnis der Geschlechter.

Frauen laufen auf allen Vieren und grunzen

Einmal fallen die Frauen über einen Tisch voller Bananen her, laufen auf allen Vieren wie Affen, grunzen und schlagen sich mit der Faust auf die Brust. Voller Hohn klatschen sie dann dem Homo Sapiens Beifall für seine zweifelhafte Weiterentwicklung, die in den zitierten Beispielen nicht frei von sozialen und ökologischen Problemen ist. Eine eindrucksvolle Inszenierung, die die Zuschauer noch länger beschäftigt.

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