Serie: Alt und arm

Kaffee, Kuchen, leichtes Knistern beim Tanztee der Awo

Mal eng umschlungen, mal freundschaftlich verbunden tanzen die Senioren durch den Saal der Awo-Begegnungsstätte an der Bahnstraße. Fotos:Kerstin Bögeholz

Mal eng umschlungen, mal freundschaftlich verbunden tanzen die Senioren durch den Saal der Awo-Begegnungsstätte an der Bahnstraße. Fotos:Kerstin Bögeholz

Mülheim.   Ein Ort der Lebensfreude: der Tanztee der Awo. Zu Songs von Roger Whittaker treffen Lebensgeschichten aufeinander. Und manchmal ist es Liebe.

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Schlanke, faltige Finger suchen zaghaft unter der Tischplatte die Hand des Sitznachbarn. Heimliche Blicke, verstohlenes Kichern. Es ist nicht die erste Liebe. Nicht die eine große, die das ganze Leben halten soll. Aber vielleicht ist es die letzte – oder doch nur ein kurzer Flirt?

Musik legt sich fordernd über das Klirren von Kuchengabeln und Porzellan. Er streichelt ihre Handfläche. Ihre Knie wippen im Takt. Fragend schaut er ihr in die Augen. Sie lächelt, nickt, steht auf. Noch einmal die Dancing Queen sein.

Eine Männerstimme summt sanft ins Mikrofon, haucht dem Synthesizer-Playback liebevoll Leben ein. Sänger Michael ist eigentlich Polizist im Innendienst. Aber jetzt, in diesem Moment, ist der Mann in dem kurzärmeligen Karohemd für die Damen einfach nur Roger Whittaker.

Wir sind jung, im Herzen jung, oh Maria. Und du tanzt in roten Schuhen die ganze Nacht.

Sie schmunzelt, schaut ihrem Tanzpartner mit dem schütteren weißen Haar in die Augen. Nein, die ganze Nacht, das schafft sie dann doch nicht mehr. Nur von zwei Uhr bis um fünf – nachmittags. So lange wird Michael heute beim Tanztee singen.

Wenn alleinstehende Herren kommen, dann sind sie meistens auf der Suche nach einer neuen Liebe, sagt Elke Domann-Jurkiewicz. Seit 17 Jahren leitet sie die Tanzveranstaltung der Awo an der Bahnstraße. Sie ist hauptamtlich tätig in der Seniorenbegegnungsstätte, kennt hier jedes Gesicht, fast jede Liebesgeschichte. Stundenlang könnte sie von romantischen Begegnungen zwischen „ihren“ Senioren erzählen. Manchmal wird sie dabei unterbrochen, wenn wieder jemand an den Tisch herüberkommt, sie in den Arm nimmt, zur Musik mitschunkelt.

Du hast das Recht, glücklich zu sein. Das ist das Einzige,

was zählt.

Glück, vielleicht ist es genau das, was Elke Domann-Jurkiewicz und ihr Helferteam verschenken. Manche der Senioren erleben hier einfach nur ein paar schöne Stunden. Für andere hat die Begegnungsstätte eine noch größere Bedeutung. Von montags bis freitags gibt es hier günstiges warmes Mittagessen. Für 4,90 Euro. Meistens ist auch ein Nachtisch dabei. Und die Portionen sind so groß bemessen, dass jeder sich etwas für den nächsten Tag einpacken lassen darf.

„Das ist wichtig.“ Elke Domann-Jurkiewicz senkt kurz den Blick, schaut dann entschlossen auf. „Wissen Sie, Altersarmut kommt nicht erst, die ist schon längst da.“ Wenn andere über strahlende Neubauprojekte wie das wenige Schritte entfernte Ruhrbania sprechen, dann kann die 57-Jährige nur mit den Schultern zucken. „Die Mieten dort, die kann sich doch kaum jemand leisten. Dabei bräuchten wir dringend Wohnungen für weniger reiche, ältere Leute.“

Elke Domann-Jurkiewicz kriegt sie alle mit, die kleinen und großen Sorgen. Manchmal ganz schnell: Wenn die Gäste Hilfe brauchen bei Amtsdokumenten, wenn die Ehrenamtlichen an den Computern Hilfestellung zur Internetnutzung geben müssen.

Aber manchmal, wenn die Not groß ist, da dauert es lange, bis sich ihr jemand anvertraut. „Sie schämen sich. . .“ Die sonst so taffe, energiegeladene Frau vollendet den Satz diesmal nicht. Blickt sorgenvoll in ihr halb leeres Glas, vergisst sekundenlang das fröhliche Treiben um sie herum.

Leb jeden Tag,

leb jede Nacht. Man ist so alt
wie man sich fühlt.

Manchmal aber, da reiche es eben kaum noch zum Leben. „Ich habe einen alten Mann gekannt, der sich auf einem kleinen Stövchen mit einem Teelicht etwas Brühe warm gemacht hat, weil er den Strom nicht mehr zahlen konnte.“ Andere hätten ihre Gesundheit gefährdet und aus Verzweiflung die Herzmedikamente über Wochen gestreckt. – wieder ein kurzes Schweigen. Doch dann kommen Paul und Erika, zusammen fast 185 Jahre alt, auf sie zu.

Eine andere Dame legt Elke Domann-Jurkiewicz von hinten die Hände auf die Schultern. „Wir sind Freundinnen, oder?“ – „Natürlich sind wir das“, antwortet Elke Domann-Jurkiewicz, jetzt wieder lächelnd. Michael „Whittaker“ zwinkert ihr in einer kurzen Atempause zu. Der Refrain setzt ein.

Wir sind jung, im Herzen jung, oh Maria.

Die kleine Tanzfläche zwischen den roten Säulen des Saals, unter den roten Glitzer-Herzchen und Sternen, die von der Decke baumeln, hat sich gefüllt. Das Pärchen, das vorhin noch so zaghaft tanzte, ist jetzt nicht mehr allein auf dem Parkett. Jetzt, gegen Ende des Liedes, haben die beiden Senioren ihren Takt gefunden. Ohne groß nachdenken zu müssen, wiegen sie sich, Arm in Arm. Sie schließen die Augen, genießen den Moment.

Das ist es, was Elke Domann-Jurkiewicz geben möchte: einen Ankerpunkt. Auch dann, wenn es mal schwer wird.

Lebensfreude. Leichtigkeit.

Und du tanzt in roten Schuhen die ganze Nacht.

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