Arbeitsmarkt

Jugendliche unterschätzen den Stellenwert einer Ausbildung

„Gemeinsam auf der Zielgeraden zur Ausbildung“: Beim Walk and Talk auf der Rennbahn in Mülheim unterhalten sich Unternehmensvertreter mit Ausbildungssuchenden.

„Gemeinsam auf der Zielgeraden zur Ausbildung“: Beim Walk and Talk auf der Rennbahn in Mülheim unterhalten sich Unternehmensvertreter mit Ausbildungssuchenden.

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE FotoServices

Mülheim  Kurz vor Ausbildungsbeginn suchen Betriebe nach Auszubildenden. Gerade das Handwerk tut sich schwer, der Wert einer Ausbildung wird oft verkannt.

Der Ausbildungsstart 2019 ist nicht mehr weit, und doch gibt es einige junge Menschen, die auch jetzt noch händeringend nach einem Ausbildungsplatz suchen. Doch damit sind sie nicht alleine – denn auch viele Betriebe suchen noch nach Nachwuchs. Dass die beiden Seiten trotz ähnlicher Interessen nicht zusammenkommen, hat vielerlei Gründe.

Bei der Veranstaltung „Gemeinsam auf der Zielgeraden zu Ausbildung“ luden die Agentur für Arbeit sowie die Sozialagentur auf die Rennbahn zu einem Gesprächsforum für Ausbildungssuchende und 13 Mülheimer Betriebe, von denen zehn noch offene Ausbildungsstellen bieten. Bei einem gemeinsam Spaziergang, dem sogenannten „Walk and Talk“, konnten sich Unternehmensvertreter und Jugendlichen austauschen – in einer anderen Atmosphäre als es sonst bei klassischen Bewerbungsgesprächen der Fall ist. „Wir setzen hier bewusst auf die zwischenmenschliche Begegnung“, erklärt Jürgen Koch, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Mülheim.

Ein nettes Gespräch alleine reicht nicht aus

Es scheint zu funktionieren, zumindest auf den ersten Blick: In gemächlichem Tempo spazieren die Pärchen nebeneinander her, gestikulieren, lachen, bleiben ab und zu stehen. Dass ein nettes Gespräch alleine aber noch nicht unbedingt reicht, um einen Ausbildungsplatz zu ergattern, erklärt die Zahnärztin Dr. Johanna Bogdan. Sie sucht aktuell noch nach Auszubildenden zum zahnmedizinischen Fachangestellten: „Kommunikation, Empathie und Charisma sind in dem Beruf wichtig, wegen des direkten Patientenkontakts.“ Zu ihrem Leidwesen habe sie in den vergangen Jahren die Beobachtung gemacht, dass die Zahl der Bewerbungen abgenommen hat und mit ihnen auch die Qualität: „Die Bewerbungen sind häufig unvollständig, das hinterlässt keinen guten Eindruck.“

Ähnliches schildert Venice Mückschitz, Ausbildungsleiterin von Edeka Paschmann: „Die Qualität der Bewerbungen hat deutlich abgenommen.“ Die Zahl der Bewerbungen sei relativ stabil, das schreibt die Ausbildungsleiterin allerdings eher den umfassenden Werbemaßnahmen in den vergangenen Jahren zu. Außerdem habe sie festgestellt, dass der Einzelhandel oft abgestempelt wird, nur wenige von den enormen Möglichkeiten der Weiterbildungen wissen.

Ausbildung hat an Stellenwert verloren – Studieren ist beliebt

Dieses Problem haben auch die Agentur für Arbeit und die Sozialagentur erkannt: Die Ausbildung habe an Stellenwert verloren, dabei seien die Vorteile gegenüber einem Studium, das oft als Maß aller Dinge gilt, unverkennbar. „Mit einer Ausbildung hat man etwas Festes in der Hand, einen Grundstock, auf dem man aufbauen kann“, erklärt Anke Schürmann-Rupp von der Sozialagentur. Es gäbe schließlich nicht ohne Grund eine Hohe Zahl an Studienabbrechern.

Mit Studienabbrechern hat Friedhelm Tschiersky vom HHS Sanitär und Heizungsbau schon Erfahrung gemacht: „Da gab es schon einige, die nach ein paar Semestern Studium eine Ausbildung bei uns angefangen haben.“ Neben der praktischen Ausbildung zum Anlagenmechaniker bestehe die Möglichkeit, berufsbegleitend die Meister- und Technikerschule zu besuchen. Mit der Unterstützung des Unternehmens könne man so seinen Meister machen und parallel mehrere Jahre Berufserfahrung sammeln. „Damit qualifiziert man sich für eine leitende Position, die Perspektiven im Handwerk sind sehr gut“, sagt Tschiersky.

Enorme Aufstiegsmöglichkeiten im Handwerk

Doch gerade im Handwerk finden sich laut Jürgen Koch kurz vor Ausbildungsstart noch die meisten offenen Stellen. Handwerksbetriebe starteten etwas später in die Suche nach Auszubildenden, meist erst im Frühjahr. Hinzukäme das oftmals schlechte Bild, das junge Menschen von handwerklichen Berufen haben.

„Im Handwerk kann man im Vergleich zu anderen Branchen schnell die Karriereleiter hochsteigen“, sagt Koch und fügt hinzu: „Der Markt für Jugendliche ist so gut wie nie.“ Im landesweiten Schnitt kämen auf einen Ausbildungssuchenden fünf potenzielle Stellen – in Mülheim spielt das Verhältnis mit eins zu eins den Ausbildungssuchenden weniger in die Karten.

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