Serie: Mein Jugendheim

Heißgeliebt sind die Holzpferde und der Hangelpfad

Auf dem Rücken der Pferde fühlen sich die Mädchen wohl: (von rechts) Peri, Leticia, Anna und Phoebe.

Foto: Alexandra Roth

Auf dem Rücken der Pferde fühlen sich die Mädchen wohl: (von rechts) Peri, Leticia, Anna und Phoebe. Foto: Alexandra Roth

Heißen.   Im Friedrich-Wennmann-Haus in Mülheim-Heißen können Kinder rumlümmeln, aber auch spielen und toben. Viele Jugendliche mögen den Spieletreff.

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Im Mädchenraum steht ein großes orangefarbenes Sofa, im Jungenzimmer eine tiefblaue Couch und auch im großen Mehrzwecksaal kann man faul auf einem riesigen Sofa rumlümmeln. Das Friedrich-Wennmann-Haus an der Tinkrathstraße lädt die Besucher zum Faulenzen ein. Aber die meisten Kinder, die freitags herkommen, wollen aber nicht ruhen, sondern viel lieber toben, basteln, spielen: Tischtennis zum Beispiel oder Air-Hockey oder Fußball oder Dart.

Im Obergeschoss sitzen Finn (8) und Philipp (8) vor einer Konsole und spielen ihr Lieblingsspiel -- „Star Wars III“ ist extrem spannend. „Die Kinder dürfen hier natürlich auch Computerspiele machen, aber nur 20 bis 30 Minuten täglich, das wird genau nachgehalten“, berichtet Birgit Lieske, die Jugendheimleiterin. Es gibt ja auch eine Menge anderes zu tun. Im Kreativraum kann gebastelt, gemalt, getöpfert werden. Draußen im großen Garten können die Kinder auf einem Hangelpfad ihre Muskeln testen, auf dem Wasserspielplatz matschen, auf einem Trampolin herumhüpfen und vieles mehr.

Interessanterweise hat man im Heißener Jugendzentrum wieder eingeführt, was in der Pädagogik lange Zeit nicht angesagt war: einen Mädchen- und einen Jungenraum – ausgestattet mit spezifischem Spielzeug. Im Reich der Mädels gibt es zum Beispiel einen Kaufladen, eine Verkleidungskiste, Barbies mit Zubehör – und drei große Holzpferde, auf denen man reiten und voltigieren kann. Phoebe (8) denkt auch immer daran, die Tiere zu füttern. „Die sind das Schönste hier“, sagt sie. Ihre Freundinnen Peri (8), Anna (8) und Leticia (7) lieben es aber auch, ein Prinzessinenkleid oder ein Zauberergewand anzuziehen. „Natürlich ist es auch den Jungen erlaubt, hier zu spielen, wie umgekehrt auch die Mädchen drüben im Jungenraum mitmischen dürfen“, erklärt Birgit Lieske. Dort sitzen gerade drei Kinder an einem Tisch und spielen „Cluedo“, während zwei Jungen mit Eifer versuchen, aus den Einzelteilen eines Bausatzes einen Bagger zu bauen.

Mittwoch und Freitag sind Kindertage im Wennmann-Haus, dann kommen nachmittags Schüler aus der OGS der umliegenden Grundschulen vorbei, man kooperiert mit der Filchner- und der Hölterschule sowie der GGS am Sunderplatz. Aber auch andere jüngere Kinder mischen sich unter die Besucher. Insgesamt sind es mittwochs rund 70 bis 80, freitags im Schnitt um die 40 Kinder. „Montags und dienstags ist von 13 bis 20 Uhr offener Treff für Jugendliche. Die kommen meist nach der Schule, einige Schüler vom Gymnasium Heißen verbringen aber auch Freistunden hier“, so Birgit Lieske, die auf drei Kollegen (teilweise in Teilzeit) und an die 20 Ehrenamtliche bauen kann. Freitags wird außerdem ein Spieleabend für Leute ab 14 Jahren angeboten.Die Jugendheimleiterin setzt bei der Programmgestaltung nicht nur auf die offenen Treffs, sondern auch auf ziemlich viele Kursangebote.

Großes Angebot an Kursen

Bewegung ist für Kinder ebenso wichtig wie die Entfaltung der Kreativität. Das Wennmann-Haus bietet daher viele Sport- und Kunstkurse an. Stammbesucher, aber auch andere Interessierte können sich anmelden zum Gitarrenunterricht, Inliner-Kurs oder Mal-Workshop, aber auch zu HipHop, Ballett, Yoga, Kung Fu, Videoclip-Dancing,. . . An bestimmten Angeboten können auch Erwachsene teilnehmen, zum Beispiel am Fitness-Kurs oder dem Stricktreff.

Auch Sonderveranstaltungen finden statt. So kann man am Freitag, 19. Mai, nachmittags auf einem Kletterfelsen rumklettern. Bereits am Freitag, 12. Mai, ab 16.30 Uhr berichtet eine Hundetrainerin darüber, wie man mit Hunden umgehen sollte. Es gibt unter anderem auch eine Karnevalsparty und Ferienspiele im Sommer und zu Ostern.

„Wir wollen im Stadtteil präsent sein und die Vernetzung mit anderen Einrichtungen vorantreiben“, erklärt Birgit Lieske. Zudem verstehe man sich als Anwalt der Kinder und Jugendlichen, wolle den Erwachsenen vermitteln, welche Bedürfnisse die jungen Leute haben.

Interview: Sind Jugendzentren ein Auslaufmodell?

Ist das Jugendzentrum ein Auslaufmodell? Laut „Kinder- und Jugendmonitor 2017“ ist die Zahl der Freizeitheime zwischen 1998 und 2014 um rund 1000 auf etwa 7000 Einrichtungen (bundesweit) zurückgegangen. Aktuell besuche noch jeder zehnte Jugendliche (12-17 Jahre) regelmäßig einen Treff. Wie ist das in Mülheim? Wir fragten Dieter Spliethoff, Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses, der früher den „Springenden Punkt“ in Dümpten leitete.

Ist auch in Mülheim der Zulauf zu den Jugendzentren heute geringer?

Spliethoff: Die Besucherzahlen sind wohl zurückgegangen, aber die Jugendzentren sind so notwendig wie eh und je. Sie haben heute andere Aufgaben als früher, leisten in mancher Hinsicht mehr Arbeit.

Warum?

Weil es heute vorwiegend Kinder aus benachteiligten Familien sind, die die Jugendzentren nutzen. Diese haben sich außerdem mehr auf Kinder kapriziert als auf Jugendliche. Es gibt Hausaufgabenbetreuung, aber eben auch viele Einzelfallhilfen für Kinder, denen familiärer Rückhalt fehlt.

Unterscheiden sich die Mülheimer Jugendzentren?

Ja, sie haben unterschiedliche Schwerpunkte, manche favorisieren die offene Arbeit, andere bieten viele Kurse an. Auch die Besucherstruktur variiert. In der Georgstraße gibt es fast nur Besucher mit Migrationshintergrund, in Heißen ist das anders. Was etwas fehlt in den Einrichtungen, ist jüngeres Personal, das die Sprache der Jugendlichen spricht.

Warum kommen nur noch relativ wenige Jugendliche?

Die Angebote für Jugendliche außerhalb der Jugendzentren sind vielfältiger, es gibt für sie mehr Möglichkeiten, zu leben. Eine Rolle spielen dabei auch die elektronischen Medien. Außerdem haben viele heute auch nachmittags Schule. Jugendliche verabreden sich darüber hinaus auch anders als früher, sie ziehen später los. Viele Jugendheime machen dagegen schon um 20 Uhr zu, während sie früher in der Regel so bis 22 Uhr auf waren.

Wie sieht es mit der finanziellen Ausstattung der Jugendheime aus?

Die hat sich in den letzten Jahren kaum geändert. Irgendwann hatte das Land mal Mittel gekürzt, die Stadt hat diesen Fehlbetrag aber ausgeglichen. Auch personell ist die Situation gleich geblieben.

Jetzt aber soll gespart werden?

Nach Einschätzung der Gemeindeprüfungsanstalt sollten 300 000 Euro im Jahr in der offenen Jugendarbeit eingespart werden. Wie, wann und ob das geschehen soll, darüber muss beraten werden. Kürzt man überall ein bisschen oder schließt man eine Einrichtung ganz? Das wird wohl diskutiert werden. Das ist natürlich nicht schön. Tatsache ist: Wir brauchen die Jugendzentren für die allein gelassenen Kinder weiterhin dringend.

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