Nahverkehr

Haltestellen-Gespräche: Was Mülheimer zum ÖPNV-Konzept sagen

Die Linie 134 hält nur alle 60 Minuten an der Haltestelle Mintarder Kirche. Zu selten, finden einige Mülheimer.

Die Linie 134 hält nur alle 60 Minuten an der Haltestelle Mintarder Kirche. Zu selten, finden einige Mülheimer.

Foto: Tamara Ramos / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Die Kürzung im ÖPNV sind zurückgenommen, der Bürgerunmut bleibt. Wir haben acht Haltestellen in der Stadt besucht und mit Fahrgästen gesprochen.

„Einfach nur dämlich!“ Wer derzeit mit dem Mülheimer Nahverkehr unterwegs ist, wird diesen Satz häufig hören – oder Schlimmeres. Der Ärger über das angekündigte Streichkonzert ist bei vielen Bürgern und Ruhrbahnkunden lang noch nicht verpufft. Selbst jetzt, nachdem CDU und Grüne am Mittwochmittag die Notbremse gezogen haben. „Glauben Sie das?“, zweifelt die Mülheimerin Doris Baumeister (77), ob die Kürzungen wirklich vom Tisch sind.

Wir fahren zu Haltestellen in der Stadt, dorthin, wo es künftig wehtun könnte, wo die Zukunftsfrage des Nahverkehrs zur Vertrauensfrage für Schwarz, Rot, Grün wird. „Ich kann das nicht mehr hören – erst macht man den Bürger mit solchen Vorschlägen verrückt, dann zieht man sie wieder zurück. Dabei reden doch alle über Klimaschutz und Umweltverschmutzung“, Waltraud Held (80) weiß nicht, ob sie darüber lachen oder weinen soll. Man sollte die „ganze Truppe“ – gemeint ist die Politikspitze im Rat – austauschen, sind die beiden Frauen inzwischen überzeugt.

Linie 104:

Wir stehen mittwochmittags an der Haltestelle Witthausstraße und ginge es nach den Sparvorschlägen der Ruhrbahn, wäre zwei Haltestellen später an der Tilsiter Straße schon das Ende der Linie 104. „Das macht keinen Sinn“, sagt Held, denn nicht wenige müssen regelmäßig zum Hauptfriedhof. „Soll ich denn das letzte Stück laufen?“ – für Waltraud Held und Doris Baumeister ist das keine Frage. Der Nahverkehr müsste effizienter, besser werden. „Warum fährt keine durchgehende Linie von der Innenstadt über diese Strecke bis zum Flughafen oder RRZ?“ Aktuell muss man dafür am Hauptfriedhof in die Buslinie 130 umsteigen. Doch „das ständige Umsteigen nervt“ die Frauen.

Am anderen Ende der Linie 104 sieht die Welt anders aus: Gut 20 Menschen sind auf der Strecke zwischen City und Essener Stadtgrenze regelmäßig in der Bahn. Um die Mittagszeit sind es hauptsächlich ältere Menschen und wenige junge. Eine Größe, die künftig von einem Metrobus zwischen hier und Duisburg bewältigt werden könnte. Doch ein Bus wird während der Schulzeit und im Berufsverkehr nicht reichen, meint ein Fahrgast. „ÖPN-was? Achso: Ob Bus oder Bahn ist mir egal – Hauptsache, es fährt etwas“, meint eine ältere Frau. Und man kann sitzen und fällt nicht um, weil Bahn und

Bus so stark anfahren.

Linie 753:

Verschläft die Ruhrbahn ihre Potenziale? Den kurzen Weg von Holthausen auf die andere Ruhrseite nach Saarn und Selbeck mit der Linie 753 könnte es bald nicht mehr geben. „Muss ich dann umständlich über die Innenstadt fahren? Dann kann ich auch das Auto nehmen“, meint ein Buspendler. Verstehen kann er die Kürzung nicht: „Schauen Sie mal, wie viele Autos gerade die Saarlandstraße nach Saarn fahren“, zeigt er auf die Karawane aus Blechkutschen schon um halb drei: Für ihn sind das potenzielle ÖPNV-Kunden.

Linie 901:

„Hauptsache, es fährt und ist schnell“, ist Philipp (22), Student für Computer Engineering, an der Uni Duisburg-Essen egal, ob er in eine Bahn oder den Bus steigt. Noch. Wenn er in einem halben Jahr fertig ist, will er ohnehin umsatteln – auf’s Auto. „Der ÖPNV ist doch nur noch lachhaft. Ich mein, es heißt ‘öffentlicher Personennahverkehr’“, glaubt der Student, dass das Angebot schon lange am Urgedanken einer Daseinsvorsorge für den Bürger vorbei geht.

Mit ihm stehen an der Haltestelle der Hochschule nur drei Leute und warten auf die 901, drinnen sitzen etwa 20. Auch diese Linie steht auf der Kippe, soll durch den Metro-Bus ersetzt werden. Philipp muss nur zum Zoo – also kein Thema, sein Kommilitone allerdings bis zum Duisburger Lutherplatz. „Dann müsste ich in Duisburg vom Bus auf die 901 umsteigen“, sagt er, das wäre umständlich. Auch in die Richtung Mülheim haben manche Bedenken. „Jetzt komme ich noch bis zum Hauptbahnhof und von dort steige ich um nach Essen“, sagt eine Studentin der HRW. Eine Verlängerung der U18 wäre für sie ideal, „aber sie sollte schon bis zur Hochschule durchfahren und nicht an der Königsstraße enden.“

Linie 102:

Viele steigen hier am Uhlenhorst, wo sich Laufschuhe und Hockeyschläger gute Nacht sagen, nicht aus. Zwei angekettete Fahrräder deuten auf „Park and Ride“ hin. Für Janosch Reick (22) müsste die 102 hier nicht enden. „Es wäre ein kleiner Verlust. Ich kenne aber einige ältere Menschen und Schüler, die die Bahn nutzen“, meint der Jura-Student. Zur Schulzeit, für den restlichen Tag reichte vielleicht ein Bürgerbus.

Wo kann man noch sparen? Spricht man mit den Fahrern, bekommt man ein anderes Bild. „Nicht bei den Strecken“, so die häufige Antwort – und erst recht nicht bei den Bahnen. Sie sind für die Angestellten eine Art Garantie, dass Strecken nicht an private Unternehmen gehen werden. „Warum hat man die Linie zum Uhlenhorst nicht nach Duisburg durch gebaut?“ Dass jemand an der Verwaltung sparen wird, „passiert doch eh nicht“, kommentiert ein Fahrer, schon gar nicht spare man an den Gehältern der Geschäftsführung. „Das kann ich selbst mit allen Sonderschichten nicht erreichen.“

Linie 136/138:

Auf der Heimaterde schien die Welt bisher noch in Ordnung zu sein. Doch der Rotstift kreist auch hier über den Linien 136 und 138. „Wer arbeiten geht, muss dann zur U18 laufen? Wann soll man morgens aufstehen? Wie kommen wir zum RRZ oder nach Oberhausen?“, ist ein älteres Paar, das an der Kleiststraße auf den Bus wartet, von den Sparplänen verunsichert. „Wer das geplant hat, hat nicht alle Tassen im Schrank. Die Ruhrbahn wird sich wundern, wie viele Mülheimer ihr Abo kündigen werden.“

Am anderen Ende der 136 – in Dümpten – taucht ein weiteres Problem auf: Fallen die Haltestelle Mariannenweg, Grüner Weg und Magdalenenstraße weg, werden die Wege vor allem für die Bewohner des Altenheim Auf dem Bruch länger. Das aber erweitert sogar aktuell. Auch viele Schüler seien mit der Linie unterwegs. „Wer den Nutzen dieser Haltestellen infrage stellt, hat einen an der Waffel“, kommentiert ein Dümptener.

Linie 134:

Hier hat man den Glauben an einen guten ÖPNV schon lange aufgegeben: An der Mintarder Kirche fahren gut zehn Autos und ein bis zwei Motorräder vorbei – in der Minute. Der Bus hält ein Mal in der Stunde, und manchmal kommt er auch nicht, erzählt Mohammed Wague, der täglich fährt. Benjamin (15) findet bereits den jetzigen Plan „doof“, denn es dauert so ewig zur Schule und zu Freunden in der Stadt. Kein Bedarf auf der Strecke? Im „Dorffunk“ hat Benjamin gehört, dass Mintard auch nach Essen-Kettwig eingemeindet werden könnte – „dann würde wenigstens der Bus besser funktionieren“.

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