Gedenken an NS-OPfer

Gunter Demnig verlegt 19 neue Stolpersteine in Mülheim

Gunter Demnig verlegt drei Stolpersteine vor dem Haus Leinewerberstraße 86.

Gunter Demnig verlegt drei Stolpersteine vor dem Haus Leinewerberstraße 86.

Foto: Oliver Müller

Mülheim.-   Mittlerweile erinnern 142 Stolpersteine in Mülheim an die Schicksale der Menschen, die in Konzentrationslagern Opfer der Nazi-Diktatur wurden.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

„Das ist ein guter Platz. Hier fallen die Stolpersteine besonders gut auf.“ Gunter Demnig weicht keinen Zentimeter zurück, obwohl ihn zahlreiche Passanten nach dem Überqueren des Gehweges fast umlaufen. Genau in den Lauf der Menschen legt der Künstler wenige Minuten später drei Stolpersteine. Die kleinen Messingtafeln dienen als Erinnerungsstücke an die jüdische Familie Rosenthal.

Die Nationalsozialisten haben alle vier – Eltern, Sohn und Tochter – in Konzentrationslagern umgebracht. Insgesamt zementiert Gunter Demnig in Zusammenarbeit mit Schülern und Mitgliedern des Arbeitskreises „Stolpersteine“ am Dienstag 19 Erinnerungstafeln an sieben verschiedenen Ort im Stadtgebiet in öffentliche Gehwege.

„Was sind das denn für blinkende Tafeln?“

Sofort „stolpern“ die Menschen über die neuen „Steine – die Absicht des Fragens, des Lesens und des kurzen Innehaltens ist vor der Rot zeigenden Fußgängerampel direkt erreicht. „Was sind das denn für blinkende Tafeln?“, fragt eine Frau in die Schülergruppe. Die Jugendlichen erklären freundlich, was gerade auf dem Gehweg passiert ist und welchen Sinn das macht.

Sie kennen die Lebensläufe der Familie Rosenthal. Die Jugendlichen von der Realschule Mellinghofer Straße tragen dafür mehrere Tage im Stadtarchiv und bei anderen Stellen die Einzelheiten zusammen. Alles ergibt – oft mit Lücken – die Geschichte der Schicksale. Annett Ferchow und Kai Rawe unterstützen sie – und andere Schüler – bei diesen oft komplizierten Forschungen. „Was sich hinter den Eintragungen auf den Meldekarten verbirgt, macht fassungslos“, sagt eine junge Frau.

Sofort bildet sich eine kleine Menschentraube

Normalerweise verlegt Gunter Demnig seine Stolpersteine vor den Hauseingängen. Auf der Leineweberstraße weicht er von „seiner Norm“ ab. Als er seine Eimer mit Mörtel und Werkzeug wieder in seinen Lieferwagen packt, bildet sich sofort eine kleine Menschentraube um die Steine – die natürlich bündig im Straßenpflaster eingearbeitet sind. „Der Mann ist Profi. Wir müssen nur bei schwierigen Fällen eingreifen“, sagt ein Mitarbeiter des städtischen Bauhofs. Er und sei Kollegen begleiten den Künstler auf seiner Tour durch Mülheim. Einzugreifen brauchen sie nicht.

Friedrich Wilhelm von Gehlen, Sprecher des Arbeitskreises Stolpersteine, macht für Gunter Demnig den Verlegeplan mit sieben Adressen. „Die Stadtarchivare leisten vorher dafür die Recherchearbeiten und schaffen so die Voraussetzungen für die Verlege-Aktivitäten“, erklärt von Gehlen. Er hat für Beobachter vor Ort Lebensläufe als Kopie mit und verteilt sie. Er bringt die Papiere auch in die Geschäfte, vor denen Demnig Stolpersteine verlegt, „damit die Ladeninhaber es ihren Kunden erklären“.

Der Polizeibeamte, der das Verlegen der Stolpersteine begleitet, freut sich über diesen Tag: „Zum ersten Mal konnte ich mit dem Künstler persönlich sprechen. Was er macht, soll die Leute aufrütteln.“ Für den Mann in Uniform bleibt es aber ein ruhiger Tag. „Die Mülheimer zeigen viel Verständnis.“

142 Stolpersteine sind im Stadtgebiet verlegt

An einigen Orten beobachten Verwandte oder ehemalige Freunde sowie politisch Aktive das Einbauen der Stolpersteine und legen Blumen daneben. Jacques Marx, ehemaliger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Mülheim, verfolgt das Verlegen am Kaiserplatz. Es sind auch leise Stimmen zu hören. „Was soll der Quatsch? Die Zeit ist doch vorbei“, sagt ein Senior, nachdem er erst zugeschaut und dann einige Meter Abstand genommen hat. „Verdrängen hilft nicht. Man muss sich mit der Geschichte befassen“, sagen alle, die mit Gunter Demnig Stolpersteine verlegt haben.

Seit gestern sind 142 Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt. In den nächsten Jahren sollen es noch mehr werden. Schüler und Stadtarchivare wollen weitere Lebensläufe erforschen und für die Erinnerung aufarbeiten.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (3) Kommentar schreiben