Geschichte

Früherer DDR-Fluchthelfer hofft auf eine Entschädigung

Alexander Wiegand und Sohn Luis spielen ein Brettspiel zum Thema Eiserner Vorhang. Die Geschichte des ehemaligen DDR Fluchthelfers Alexander Wiegand ist Teil eines Brettspiels zum eisernen Vorhang.

Foto: Oliver Müller

Alexander Wiegand und Sohn Luis spielen ein Brettspiel zum Thema Eiserner Vorhang. Die Geschichte des ehemaligen DDR Fluchthelfers Alexander Wiegand ist Teil eines Brettspiels zum eisernen Vorhang. Foto: Oliver Müller

Mülheim.   Alexander Wiegands Geschichte kommt in einem neuen Brettspiel vor. Der Mülheimer sucht nun ehemalige Mithäftlinge und hofft auf Entschädigung:

„Durch den Eisernen Vorhang“: Diesen Titel trägt ein neues Brettspiel mit eindeutigem historischen und politischen Anspruch. Holzpüppchen, die für verschiedene Charaktere stehen, müssen aus ehemaligen Ostblockstaaten in den Westen manövriert werden, per Schiff, mit dem Ballon, durch einen Graben... Im Handbuch werden einige authentische Geschichten erzählt, auch die des Mülheimers Alexander Wiegand, der Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre als Fluchthelfer viel Abenteuerliches erlebte.

Der heute 75-Jährige, der mit seiner jungen Frau und zwei Kindern auf der Heimaterde lebt, arbeitete damals als Fernfahrer für eine Spedition und war oft im Osten unterwegs. Mindestens 125 Menschen schmuggelte Wiegand im Lkw hinter doppelten Wänden über die tschechisch-deutsche Grenze, nach übereinstimmenden Berichten tat er dies ohne Bezahlung. Ende April 1972 flog er auf, wurde verhaftet und viereinhalb Jahre lang in tschechoslowakischen Gefängnissen festgehalten, zeitweise als Zellengenosse des berühmten Dissidenten und späteren Staatspräsidenten Vaclav Havel. Frei kam Wiegand erst im September 1976 als schwerkranker Mann, dank eines Briefes an die deutsche Botschaft in Prag, den ein mitleidiger Gefängniswärter auf den Weg gebracht hatte.

Ohne von Grenzposten mit Hunden gehetzt zu werden

Nun sitzt Alexander Wiegand neben seinem achtjährigen Sohn am Wohnzimmertisch und erklärt ihm mit heißen Wangen die Spielregeln, die Menschen aus der DDR, Polen oder der Slowakei zur Flucht verhelfen sollen, möglichst ohne denunziert oder von Grenzposten mit Hunden gehetzt zu werden. „Across the Iron Curtain“, wie das Spiel im Original heißt, wurde herausgegeben von der „Plattform für das Europäische Gedächtnis und Bewusstsein“, einem länderübergreifenden Projekt, das sich die Aufarbeitung von Nationalsozialismus, Kommunismus und anderen Ideologien zum Ziel gesetzt hat. Bislang ist nur eine englische Fassung erschienen, 2018 soll das Spiel auch in deutscher Übersetzung erhältlich sein, so Wiegand.

Von den drei Exemplaren, die er persönlich besitzt, habe er eines seiner zehnjährigen Tochter mit in die Schule gegeben. „Wir wollen den Kindern begreiflich machen, dass so etwas nie wieder passiert“, erklärt der 75-Jährige. Dass dieses Spielbrett das Europa der fünfziger bis achtziger Jahre radikal in zwei Welten teilt – hier, in frischen Grüntönen, die Demokratie, dort, in düsteren Farben, der Kommunismus – stört ihn nicht. Mit seinen Kindern, so Wiegand, spreche er offen über seine Vergangenheit. „Vor zwei Jahren kam mein Sohn aus dem Kindergarten nach Hause und fragte mich: ,Du warst im Gefängnis?’ Er muss es von anderen Kindern oder Eltern gehört haben. Ich sagte: „Ja, aber ich habe nichts Böses getan. Ich habe nur versucht, Menschen zu helfen.’“

„Ich habe schlaflose Nächte“

Alexander Wiegand will künftig auch in einem Zeitzeugenprojekt zur DDR-Geschichte mitwirken, in dessen Rahmen Schulen besucht werden. In Mülheim ist er in den vergangenen Jahren vor allem mit Hilfsprojekten für schwerkranke Kinder aus Weißrussland in Erscheinung getreten. Nun hat er sich der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V. (VOS) angeschlossen, die als Interessenvertretung fungiert. „Ich habe mich lange abgelenkt durch ehrenamtliche Aktionen“, sagt er, „aber in letzter Zeit kommt vieles wieder hoch. Ich habe schlaflose Nächte.“

Besonders eines treibt ihn um: Im Gegensatz zu ehemaligen DDR-Häftlingen bekämen Menschen, die in Gefängnissen des sozialistischen Auslands saßen, keine Opferrente. Wiegand beteuert aber, dass er zwischen 1972 und 1975 zeitweise auch in Bautzen und Berlin-Hohenschönhausen einsaß, wohin man ihn zu Vernehmungen gebracht habe. Er sucht nun frühere Mithäftlinge, die dies bezeugen. Am 6. Juni hat er einen Termin in Berlin, in der Stasi-Unterlagen-Behörde, wo nach eigener Aussage 2000 Aktenseiten auf ihn warten, die er sichten will. „Es geht mir nicht um das Geld“, sagt Wiegand mit Blick auf die ersehnte Entschädigung, „es geht mir um Gerechtigkeit.“

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