Hochschule

Forscherin zeigt, wie unterschiedlich die Jugend tickt

Wiebke Jessen forscht am Sinus-Institut in Heidelberg über Lebenswege und war jetzt Gast an der HRW in Mülheim.

Wiebke Jessen forscht am Sinus-Institut in Heidelberg über Lebenswege und war jetzt Gast an der HRW in Mülheim.

Foto: Martin Möller

Mülheim.   Marktforscherin Wiebke Jessen gibt Einblicke in Wünsche und Ängste junger Menschen. Ihr Vortrag war und auch ein Lernerlebnis für Erwachsene.

Was verbindet Sänger Bill Kaulitz und Fußballer Thomas Müller? Auf den ersten Blick nicht viel, gibt Marktforscherin Wiebke Jessen in ihrem Abendvortrag zu den Zukunftswünschen junger Menschen an der Hochschule Ruhr West zu. Auf den zweiten Blick umso mehr: Kaulitz und Müller sind 1989 geboren, sind wohlhabend und sehr erfolgreich. Sie reisen um die Welt. Nach Alter, Einkommen und Geschlecht sind sie Zwillinge, aber ihre Lebensentwürfe und Werte könnten unterschiedlicher nicht sein.

„Same, same but different“ (zu deutsch: „Besonders gleich, aber unterschiedlich.“), sagt die Forscherin dazu. So anschaulich kann Wissenschaft sein. Diese Unterscheidung lasse sich auch auf Jugendliche übertragen, sagt Jessen. Und um die soll es an diesem Abend gehen. Im Publikum: Menschen, die mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten, die ihnen helfen, den eigenen Lebensweg zu finden. Lehrer, Berater und Pädagogen wollen lernen, wie sie noch stärker Jugendliche und ihre Talente fördern können.

Wie finden Jugendliche ihr privates Glück

Prof. Alexandra Dorschu hört dem Vortrag zu, weil sie neue Studentinnen gezielter für den „Frauenstudiengang Maschinenbau“ begeistern will. Dorschu leitet den Studiengang an der HRW.

Welche Ängste und Wünsche Jugendliche umtreiben, wie sie ihren beruflichen Weg und ihr privates Glück finden — das erforscht Wiebke Jessen am Sinus-Institut in Heidelberg. Für die Sinus-Jugendstudie 2018 sprachen Forscher mit Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren, Jungen wie Mädchen, Schülern an Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien. „Dabei haben wir verschiedene Lebenswelten ermittelt“, sagt Jessen. Die Unterschiede seien teilweise gravierend.

Ein Jugendlicher, der dem bürgerlich-konservativen Lebensmilieu verhaftet ist, zieht seltener nach dem Schulschluss um. „Große Veränderungen wie ein Schulabschluss oder Umzug bereitet solchen Jugendlichen Unbehagen“, sagt Forscherin Jessen. Die Werte seien auch an der Einrichtung des Kinderzimmers zu erkennen. Der Fernseher sei alt, der Möbelgeschmack konservativ. „Die Biografien sind oft vorhersehbar: Schule, Beruf, Heirat und dann Kinder. Und das auch in dieser Reihenfolge.“ Jugendliche mit bürgerlich-konservativen Werten sind oft in Vereinen, Verbänden oder auch in der freiwilligen Feuerwehr zu finden“, erläutert Jessen. Und die Musik, die sie hören, ist die, die im Radio gespielt wird. Ihr Ziel: besonders häufig Berufe mit viel Sicherheit. Wenn Lehrer oder andere Pädagogen solche Jugendliche beraten, sollten sie dieses Bedürfnis berücksichtigen. „Eine Verbeamtung ist sehr, sehr attraktiv für sie.“

Sie wollen raus, in der Großstadt leben

Ganz anders als die bürgerlich-konservativen Jugendlichen sind die „Expeditiven“. Sie wollen raus, in der Großstadt leben, haben klare Ziele und wollen sich selbst verwirklichen. Sie vernetzen sich, grenzen sich aber auch von anderen Jugendlichen ab. „Expeditive sehen sich als kosmopolitische, urbane Hipster.“ Werte, Wünsche und Ziele haben mehrere Ursachen. „Das Elternhaus spielt eine Rolle, die unmittelbare Umgebung, ganz viel wird auch genetisch bedingt sein“, sagt Jessen.

Zwischen den beiden besonders gegensätzlichen Jugendgruppen stehen die „Adaptiv-Pragmatischen“. „Diese Jugendlichen sind sehr anpassungsbereit, weil sie versuchen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Sie wollen den beruflichen Aufstieg“, erläutert Jessen dieses Lebensmilieu. „Diese Jugendlichen sind besonders aktiv in ihrer Berufsorientierung. Der Ruf des Arbeitgebers ist ihnen sehr wichtig.“

Studiengangsleiterin Alexandra Dorschu hat Ideen für zielgerechtere Werbekampagnen mitgenommen. Sie will sich weiter in das Thema einarbeiten, um ihre zukünftigen Studentinnen noch besser zu verstehen. Der Vortrag ist Teil der Woche der Studienorientierung und der Reihe „Talent-Talk“ an der HRW.

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