Wohnungslosigkeit

Eine Anlaufstelle für obdachlose Menschen in Mülheim

Der Diakonietreff ist eine wichtige Anlaufstelle für die obdachlosen Menschen in Mülheim.

Der Diakonietreff ist eine wichtige Anlaufstelle für die obdachlosen Menschen in Mülheim.

Foto: Michael Dahlke

Mülheim.   Die Ambulante Gefährdetenhilfe der Diakonie betreut wohnungslose Menschen in Mülheim. Die Fachleute fordern Tempo beim geförderten Wohnungsbau.

In der Teestube sitzen noch einige Menschen, lesen Zeitung, erzählen oder trinken eine Tasse Tee, aus den Lautsprechern ertönt Musik. Der große Andrang ist jetzt, um 13 Uhr, vorbei, beim Mittagessen um 12 Uhr kommen stets etwa 30 Hilfsbedürftige. „Wenn es Braten gibt, kommen besonders viele, vegetarisch ist nicht so beliebt“, erzählt Andrea Krause, Leiterin der Ambulanten Gefährdetenhilfe der Diakonie, die wohnungslosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Personen ein breitgefächertes Hilfsangebot bietet.

Hier im Diakonietreff an der Auerstraße befinden sich neben der Teestube Hilfen in Form von Streetwork und Krankenpflege sowie die Fachberatungsstelle. Andrea Krause arbeitet hier gemeinsam mit 14 Mitarbeitern, hauptsächlich mit Sozialarbeitern und Sozialpädagogen. Viele der Menschen, die in die Teestube kommen, sind den Mitarbeitern seit Jahren bekannt – weil sie in den Notschlafstellen der Diakonie übernachten, Hilfe in schwierigen Lebenslagen erhalten oder dabei unterstützt werden, eigenständig zu wohnen.

Die Mitarbeiter bekommen häufig Hinweise aus der Bevölkerung

Die Zahl der Männer und Frauen, die im vergangenen Jahr in den beiden Notschlafstellen übernachteten, ist zwar nicht angestiegen. „Dafür haben wir immer mehr Mehrfachnutzer, die häufig wiederkehren, weil sie keine andere Möglichkeit sehen“, sagt Harald Leuning. Der Sozialarbeiter ist zu gleichen Teilen für die Notschlafstellen zuständig und als Streetworker tätig. „Drehtüreffekt“ nennt Leuning dieses Phänomen der wiederkehrenden Personen. „Bei vielen sprechen wir vom immer gleichen Kreislauf aus Therapie, Entgiftung, Haft und Aufenthalten bei uns“, erklärt der 62-Jährige, der seit fast 13 Jahren bei der Mülheimer Diakonie arbeitet.

Leuning geht auch Hinweisen aus der Bevölkerung nach. „Wir bekommen regelmäßig Anrufe von Menschen, die uns auf augenscheinlich Wohnungslose aufmerksam machen“, so der Streetworker. Er suche dann das Gespräch mit den Betroffenen, gebe Informationen über Hilfsangebote. „Derzeit wissen wir bei einer Person nicht, wo sie schläft“, so Leuning. Alle anderen seien untergebracht.

Jede Altersklasse kann von Wohnungslosigkeit betroffen sein

„Die Entwicklung zur Wohnungslosigkeit ist oft ähnlich“, erklärt der Experte. Psychische Erkrankungen sowie Alkohol- oder Drogensucht sind laut Leuning die größten Probleme der Betroffenen. „Im Grunde sind fast alle Männer und Frauen, die zu uns kommen, psychisch krank“, so der Sozialarbeiter. Stationärer Bedarf sei bei den meisten gegeben. „Aber ohne eigene Krankheitseinsicht können wir nichts machen“, sagt Leuning.

„In meiner Wahrnehmung haben psychische Erkrankungen bei den Menschen, die zu uns kommen, zugenommen“, meint der Streetworker. „Das ist für mich schon auffällig, wenn ich die vergangenen Jahre betrachte“, so der Streetworker. Davon seien sowohl jüngere als auch ältere Menschen betroffen. „Den ‘typischen Obdachlosen’, den mittelalten Mann, der alkoholabhängig ist, gibt es ohnehin schon lange nicht mehr“, bestätigt auch Krause.

Bezahlbare Wohnungen fehlen in Mülheim

Das Spektrum sei sehr breit geworden. Dazu trage in den vergangenen Jahren vor allem der Wohnungsmangel in vielen Städten, auch in Mülheim, bei. „Selbst für diejenigen, die selbstständig in einer eigenen Wohnung leben könnten, finden wir häufig nichts“, sagt Andrea Krause. Beim sozialen Wohnungsbau müsse sich 2019 dringend etwas tun. „Vor allem kleine, bezahlbare Wohnungen fehlen“, so die Leiterin. Für Verschuldete und Sozialhilfeempfänger sei es besonders schwierig, passenden Wohnraum zu bekommen.

In Mülheim sei die Diakonie aber außerordentlich gut vernetzt, die Zusammenarbeit mit Stadt und Kooperationspartnern klappe sehr gut. Das ist ein großer Vorteil, um Probleme anzugehen. „Zudem ist die Spendenbereitschaft wirklich groß“, sagt Krause. „Das freut uns sehr, weil das nicht nur eine Wertschätzung unserer Arbeit bedeutet, sondern vor allem den Betroffenen hilft“, so die Leiterin. Die meisten Menschen, meint Krause, seien sehr dankbar für die Hilfe, die sie durch die Diakonie erhielten – und auch für die Ehrenamtler, die besondere Dienste wie Fußpflege oder Haarschnitt übernehmen.

Marlies Wilke ist Vertrauensperson

Krankenschwester Marlies Wilke, seit 18 Jahren bei der Diakonie in der Aufsuchenden Krankenpflege tätig, kümmert sich um die ernsteren körperlichen Beschwerden vieler Wohnungsloser und Hilfsbedürftiger. Seit 2000 ist die Aufsuchende Krankenpflege an den Diakonietreff angegliedert, in der Kranken- und Hygienestation versorgt sie Wunden, gibt Hinweise zur Medikamenteneinnahme und ist vor allem eins: Vertrauensperson.

„Die Hemmschwelle, sich an mich zu wenden, ist wesentlich geringer als einen Arzt aufzusuchen“, erklärt Wilke. Zumal es regelmäßig vorkomme, dass die Menschen keine Krankenversicherung hätten. Dann hilft die Krankenschwester, macht Haus- und Fachärzte ausfindig, die die Betroffenen trotzdem behandeln, und begleitet sie dorthin. „Ich betreue auch die Menschen, die ins Krankenhaus müssen, von der Aufnahme bis zu Besuchen und der Entlassung“, erklärt die 60-Jährige.

Besonders häufig kommen entzündete Wunden, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Schlaganfälle vor. „Das jahrelange, harte Leben auf der Straße, die schlechte Ernährung, das Rauchen und der Alkohol hinterlassen natürlich Spuren“, so die Krankenschwester. Eine Sprechstunde hat Wilke nicht: „Die meisten sprechen mich gezielt an, wenn sie ein Problem haben.“

>>> Teestube hat bei Minusgraden auch am Wochenende geöffnet
Bei Kälteeinbruch erweitert die Diakonie jeden Winter ihr Angebot in der Wohnungslosenhilfe und öffnet die Teestube an der Auerstraße 49 bei Temperaturen unter null Grad auch am Wochenende. Die Einrichtung ist in diesem Fall samstags und sonntags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.

Die regulären Öffnungszeiten, montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr und freitags 8 von bis 14 Uhr, bleiben natürlich erhalten.

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