Szene

Die Sandstraße gilt nachts als die Mülheimer Erlebnismeile

Foto: Tom Thöne

Mülheim.   Entspannung, Spiel, gutes Essen, Tanzvergnügen – auf der Sandstraße ist nicht nur am Wochenende viel los. Ein Blick ins Mülheimer Nachtleben.

Erinnern Sie sich noch an das Freeland, die Loft-Gallery, den Tequila’s Club oder das Hapa Haole? Die Liste der Lokalitäten, in denen auf der Sandstraße zwischen Hausnummer 154 und 162 regelmäßig gefeiert werden konnte, hat sich in den letzten Jahren dramatisch verkürzt. Andere Freizeitaktivitäten und Gastronomiebetriebe haben sich stattdessen an Ort und Stelle niedergelassen und laden zum spaßigen Zeitvertreib ein.

An jedem Wochenende getanzt wird auf Mülheims ehemaliger „Partymeile“ nur noch im Ballermann 6 sowie im The Inner Circle. Zwei letzte „Diskotheken-Bastionen“ mit völlig unterschiedlicher, aber fester Klientel. Grund genug für die Lokalredaktion, sich einmal selbst ins Nachtleben zu stürzen. Wir kamen mit Besitzern und Gästen ins Gespräch und stellten die Frage: Wie feiert Mülheim im Jahr 2018?

Techno-Klänge und Black Music

Junges Publikum findet sich auf und neben der Tanzfläche, in Sitzecken und an den Stehtischen. Einige Jungen, die so gerade die Volljährigkeit erreicht haben, leeren Sangria. Natürlich stilecht aus dem Eimer. Die Tanzfläche ist angenehm gefüllt, buntes Licht flackert, aus den Boxen dröhnt nach Mallorca-typischem „Stumpf ist Trumpf“-Credo der Hit „Johnny Depp“ des österreichischen „Stimmungssängers“ Lorenz Büffel. An anderen Tagen laufen hier auch Techno-Klänge und Black Music, in dieser Nacht von Freitag auf Samstag schallen aktuelle Hits aus den Charts und natürlich der ein oder andere Ballermann-Klassiker durch das Venue. Passend zum Namen des Veranstaltungsortes.

Doch der Ballermann 6 ist nicht nur aufgrund dessen weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Seit fast zwei Jahrzehnten hält sich die Location und ist insbesondere samstags und an Feiertagen meist prächtig gefüllt: „Wir haben keine Tage, wo nur zehn Leute drin sind. Besonders gut laufen einige Feiertage, Halloween oder Tanz in den Mai mit über 1000 Gästen“, verrät Besitzer Lee-Marc Sommer. So manch andere Großraumdiskothek in der Region, etwa der Delta Musik Park in Duisburg oder das PM Moers, musste in den letzten Jahren schließen oder Party-Konzepte und Raumgestaltung komplett ändern, um nicht in dauerhaft rote Zahlen zu rutschen.

Ein Viertel des Umsatzes fließt in Werbung

Wer im Wettbewerb bleiben will, muss mit der Zeit gehen und verschiedene Altersgruppen auf sich aufmerksam machen. Sommer weiß das: „Vor 16 Jahren brauchte man keine Werbung, um den Laden voll zu kriegen. Mittlerweile stecken wir ein Viertel des Umsatzes in Werbung.“ Und: „Unser Hauptzielpublikum ist irgendwo zwischen 21 und 45 Jahre alt. Jedoch muss man auch mal den 16-Jährigen was bieten.“

Vor allem, wenn es im Stadtgebiet kaum bis keine Alternativen gibt. Alin Niermann (18) und Annika Geister (19) kommen beide aus Mülheim, fahren zum Feiern aber meistens nach Essen oder Düsseldorf. „Da ist es cooler“, sagt Geister. „Aber wenn wir keinen Bock haben, weit zu fahren, kommen wir hier hin.“ Auch für die beiden ist die Diskothek in der Nähe des Bahnhofs West die einzige Möglichkeit, in Mülheim tanzen zu gehen. „Ich kenne hier nur den Ballermann“, sagt Niermann. „Sonst gibt es in Mülheim nur Kneipen.“

„Was Partys angeht, kenne ich nur die Sandstraße.“

Ein Alleinstellungsmerkmal, dessen sich Chef Sommer bewusst ist: „Cafés gibt es hier genug. Was Partys angeht, kenne ich in der Stadt aber nur die Sandstraße.“ Dadurch kommt auch eine gewisse „Kundenbindung mit Heimatgefühl“ zustande, wie der Speldorfer Michael Juchatz bestätigt: „Ich bin etwa zehn Mal im Jahr hier, weil ich hier immer alte Freunde treffe. Für mich gibt es in Mülheim keine Alternative“, sagt der 29-Jährige.

Und wie ein altes Sprichwort besagt: Küssen kann man nicht im Internet. Auch deswegen macht sich Lee-Marc Sommer um die Zukunft des Ballermann 6 keine Sorgen: „Eine bessere Lage für Party-Locations als auf der Sandstraße sehe ich in Mülheim nicht. Der Diskotheken-Markt ist mittlerweile gesundgeschrumpft. Und junge Leute lernen ihre Partner heute häufiger über Lovoo oder im Fitnessstudio kennen als in einer Disko. Aber Diskos wird es immer geben.“

Den Vorhang zur Seite gezogen – und das dunkle Tanzvergnügen kann losgehen. Ein riesig wirkender, zur Szene passend spärlich beleuchteter Raum, in dem es viel zu entdecken gibt. In der Mitte die nicht zu große, nicht zu kleine Tanzfläche, drumherum sind die Theken, Stehtische und edle schwarze Sofas drapiert. Dazu kommt der riesige Außenbereich, von dem die Gäste vor allem bei wärmeren Temperaturen profitieren. Das Gesamtpaket wird von einem kleinen, aber feinen Bistro abgerundet, in dem es für absolut faire Preise leckere Burger und Pizzen (auch in veganer Ausführung) gibt.

Viele haben im TIC ein Heim gefunden

Im „The Inner Circle“ (TIC) kommt die Gothic-Szene seit Dezember 2011 freitags, samstags und an Feiertagen zusammen. Doch beinahe wäre es mit dem Schattentanz schon nach wenigen Jahren vorbei gewesen. „Wenn man an Party im Ruhrpott denkt, denkt man nicht an Mülheim. Hier gibt es keine Tradition als Partystadt“, erklärt Gesellschafter Thorsten Bella. „Früher mussten wir die Leute fast schon einzeln überreden, hierhin zu kommen. Aber wer dann mal hier war, will nicht mehr weg. Viele haben im TIC ein Heim gefunden.“

Tom Leppkes wurde der Club von einem Freund empfohlen. „Ich komme wegen der Musik“, sagt der 47-Jährige, ohne zu zögern. „Das ist der einzige Laden, den ich kenne, wo diese Musik läuft.“ Er ist an diesem Freitag zum Tanzen aus Krefeld angereist. Was ihm am TIC neben der Musik gut gefällt, ist die „coole Atmosphäre“ und dass die Räumlichkeiten passend zur Musik „durchgestylt“ sind.

Die Kapazitätsgrenze von 600 Leuten

Zu der Innenausstattung des Gothic-Clubs gehören unter anderem unterschiedliche Sitzgelegenheiten. Die seien aber nicht nur für die Besucher ab 40 Jahren gedacht, erklärt Bella. „Wenn die Jungen hier das erste Mal reinkommen, sind sie häufig verwundert, dass sie in einer Disko auch mal sitzen können und dabei nicht festkleben.“ Samstags erwartet die Gäste das musikalische „schwarze Komplettpaket“. An besonders guten Tagen erreiche der Laden die Kapazitätsgrenze von 600 Leuten, so Bella. „Richtig stark besucht“ seien auch die Veranstaltungen vor Feiertagen, „gerade Halloween.“ Freitags lockt der Club mit speziellen Genre-Partys auch Gäste außerhalb des Ruhrgebiets und NRWs an. „Dann kommen Leute aus Niedersachsen oder Holland, die haben so etwas dort nicht.“

Auch Freya ist an diesem Freitag extra aus Aachen angereist, um sich „tanzen zu lassen“. Freya ist der Künstlername der 39-Jährigen. „Mein Freund hat mich angeschleppt“, erzählt sie. Das TIC sei sein Stammclub, obwohl auch er eine längere Anreise aus Unna in Kauf nehme. Freya schätzt an der Diskothek, dass sich dort „ganz unterschiedliche Typen“ träfen, die alle „einfach nur tanzen“ wollten. „Ich genieße es, dass man hier nicht blöd angegafft wird“, sagt sie.

Irgendwo zwischen 18 und 68 Jahren

Das Alter der Gäste liegt im TIC irgendwo zwischen 18 und 68 Jahren. „So alt ist unser ältester Stammgast“, sagt Bella. Lange Zeit sei der Szene-Nachwuchs ausgeblieben, doch „mittlerweile ist die Mischung sehr ausgewogen.“ Darum plant er auch schon ein paar Jahre im Voraus. „Ein wenig schicker“ soll es im TIC noch werden, zum Beispiel im Terrassenbereich. Getreu dem Motto: „Evolution statt Revolution“.

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