Theaterpremiere

Die Götter sorgen sich um Europas Zukunft

Da sitzen die Götter plötzlich selbst im Kino, mampfen gleich Popcorn und schlürfen aus Pappbechern. Fotos:Diana Küster

Da sitzen die Götter plötzlich selbst im Kino, mampfen gleich Popcorn und schlürfen aus Pappbechern. Fotos:Diana Küster

Die neuste Produktion von Kainkollektiv, die am Donnerstag im Ringlokschuppen läuft, ist ein spannendes Roadmovie in die Mythologie

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Die neueste Produktion von Kainkollektiv ist das Stück zur Regierungskrise, die sich längst aus der Flüchtlingskrise gebildet hat. Wiederholt wird auf den Heimatminister verwiesen, ohne ihn freilich direkt beim Namen zu nennen. Der zweieinhalbstündige Abend ist alles andere als plakativ. Hochkomplex macht er deutlich, wie sich in Europa die Situation zuspitzt.

Wieder hat das Team um Mirjam Schmuck und Fabian Lettow akribisch recherchiert, tief in Geschichte und Mythologie gebohrt, was, man glaubt es kaum, auch komische Seiten hat. Nicht alles ist logisch zwingend, einiges bleibt rein assoziativ, was kein Makel ist.

Den Weg aus der Unterwelt muss man erstmal finden

Ein Zwischentitel schlägt den Bogen vom 16. Juni 1204 v. Christus, dem angeblichen Ende des trojanischen Krieges, bis zum 16. Juni 2024, der fiktiven Wiederholung dieser Urkatastrophe. Die Götter sind entsetzt, steigen vom Himmel herab oder vom Hades empor - aber den Weg aus der Unterwelt muss man erst einmal finden. Obwohl sich Historiker noch uneins über Jahre und Jahrzehnte dieses Krieges sind, verblüfft der exakte Tag: Der 16. Juni ist Bloom’s Day, jener Tag also, den James Joyce in Ulysses aus dem Leben des Leopold Bloom erzählt und zu Homer zieht. Auch „Western Dreams and Eastern Promises“ umfasst nur knapp einen Tag.

Seinen Ausgangspunkt nimmt das Stück bei Europa, der Tochter des phönizischen Königs Agenor, die von Zeus, dem Rindvieh, entführt und vergewaltigt wurde. Es ist eine bittere Pointe, dass sich der Kontinent, der sich gegenüber Flüchtlingen unerbittlich abschottet, nach einer Frau benannt ist, die selbst aus der Region des heutigen Syrien und Libanon stammt. Ganz abgesehen davon, dass ein Gewaltakt, der zum Modell werden sollte, am Anfang stand.

Eine Abend, der Grenzen sprengt

In einer Filmsequenz, die Schauspieler stehen da noch gar nicht auf der Bühne, sieht man, wie Europa in der Akropolis aus einer Statue zum Leben erwacht und sich dann erst einmal in der Athener Innenstadt bei H & M neu einkleidet. Ein kleiner Fingerzeig, wie leicht doch der grenzüberschreitende Warenaustausch im Gegensatz zur Einreise von Personen funktioniert. So wie Kainkollektiv hier mit Video (Nils Voges von Sputnic) umgeht, ist es schon außergewöhnlich. Der Film dominiert eindeutig. Fast immer sind Bilder zu sehen, mal treten sie in den Vorder- , mal Hintergrund und über einen längeren Zeitraum stehen sie sogar für sich allein und werden aus dem Off kommentiert. Und es gibt auch einige Szenen, da verschmelzen die Ebenen, das Spiel mit dem Film.

Wie bei Kainkollektiv nicht anders zu erwarten, sprengt der Abend die Grenzen. Immer wieder sprechen sie in Englisch, Französisch und Polnisch und überwinden weitere Spartengrenzen: Countertenor Florian Lauss, der auch bei Hagar dabei war, ist Opernsänger (Michael Bohn begleitet wunderbar auf dem Kontrabass), Young-Won Song Tänzerin.

„Schon donnert es wieder in der Ferne“

Das Roadmovie führt zu fünf Orten, die mit Bedacht gewählt sind, und fragen in Interviews auch immer wieder nach der Hoffnung: Sibiu, das frühere Hermannstadt, weil sich im 12. Jahrhundert in einer umgekehrten Wanderungsbewegung hier Sachsen angesiedelt haben, Wien, die Hauptstadt des ehemaligen Vielvölkerstaates, in dessen Museen wie auch in London afrikanische Beutekunst zu sehen ist, und Lissabon, Ausgangspunkt der Kolonialbewegung, wo 1750 ein gewaltiges Erdbeben wütete und die Existenz eines gütigen Gottes infrage stellte. „Schon donnert es wieder in der Ferne“, unken sie.

Eindrucksvolle und schöne Bilder entstanden on the Road. Besonders eindrucksvoll geriet der Blick nach Polen, wo sie zufällig in eine Kundgebung von Rechtspopulisten gerieten. Die leidenschaftliche Klage von Lukasz Stawarczyk darüber, wie schnell man inzwischen auf eine Schwarze Liste gelangen kann, bleibt in Erinnerung.

>>> Preise und Termine
„Western Dreams and Eastern Promises“ hatte am Samstag im Bochumer Schauspielhaus Premiere (auch 7./8. Juli) und ist am Donnerstag, 5. Juli, um 20 Uhr im Ringlokschuppen zu erleben. Karten: 14 Euro, erm. 8.
Kainkollektiv besteht seit 2004, ist mit dem Ringlokschuppen eng verbunden und erhält Förderung des Landes.

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