Innenstadt-Krise

Die fünf Ziele des neuen Mülheimer Citymanagements

Das Medienhaus: einer der weniger Ankerpunkte für die Freizeitgestaltung in der City.

Foto: Christoph Wojtyczka

Das Medienhaus: einer der weniger Ankerpunkte für die Freizeitgestaltung in der City. Foto: Christoph Wojtyczka

Mülheim.   Gesa Delija ist seit März das Gesicht des neuen Citymanagements bei der Mülheimer Wirtschaftsförderung. Fünf zentrale Ziele sind ausgemacht.

Das, was Bürger schon vor fünf Jahren bei der Charrette-Beteiligung als großen Makel der Innenstadt herausgestellt haben, ist als Erkenntnis nun auch bei der Wirtschaftsförderung angekommen und soll stärker auf die Agenda kommen: Der City mangelt es an Kultur-, Freizeit- und Sporteinrichtungen, die von sich aus Frequenz in die City bringen.

Diesen Mangel beklagten nun die neue Citymanagerin Gesa Delija und Chef-Wirtschaftsförderer Jürgen Schnitzmeier vor den Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses, als sie in einem ersten Aufschlag das nun bei „Mülheim & Business“ konzentrierte Citymanagement in seiner Ausrichtung skizzierten.

Leerstandsquote von 12 Prozent in der City

In einer ihrer ersten Handlungen im neuen Amt hat Citymanagerin Delija in der Innenstadt kartiert, was die Erdgeschosse der Wohn- und Geschäftshäuser zu bieten haben. Dabei stellte sie nicht nur fest, dass es in 391 Gebäuden insgesamt 497 gewerbliche Nutzungen gibt und dazu die weiter hohe Leerstandsquote von 12 Prozent (61 Leerstände, ohne Forum).

Delija hat auch die Art der Nutzung kartiert – und als Ergebnis festgestellt, dass der weitgefasste Bereich Kultur, Freizeit und Sport (vom Medienhaus über ein Fitness-Center bis hin zu religiös geprägten Kulturvereinen) mit einem Anteil von nur drei Prozent „total mager“ repräsentiert sei. Das Angebot sei „dringend zu erhöhen“, formulierte Delija ein Ziel für die Zukunft.

Bürger hatten schon 2012 ihre Ideen präsentiert

Und wie soll das geschehen? Delija, erst seit 1. März im Amt, ist noch zurückhaltend, sie sei noch dabei, das Akteurs-Netzwerk kennen zu lernen und Möglichkeiten zu finden, wie etwa über das Bürgerbeteiligungsbudget Impulse gesetzt werden könnten.

Die Erkenntnis jedenfalls, dass der Krise der Innenstadt auch damit zu begegnen sein könnte, fernab des Handels Orte der Begegnung und des Austausches zu schaffen, ist alles andere als neu. Schon im März 2012, als Bürger in einem Modellprojekt des Bundes zur Beteiligung an der künftigen Gestaltung von Innenstädten aufgerufen waren, war deutlich geworden, dass eine große Zahl von Mülheimern der Tristesse in der Innenstadt überdrüssig sind und sich mehr Alternativangebote zum Kommerz wünschen, eine lebens- und liebenwertere City. Freizeitangebote, ob von Boule bis hin zur Disko oder zu einem multikulturellen Treff, legten Bürger seinerzeit in die Ideen-Schatzkiste. Vielfach gefordert: ein Jugendzentrum, mehr Konzerte, Ausstellungen oder generell Austauschmöglichkeiten für alle Generationen.

Gerd-Wilhelm Scholl von den Mülheimer Bürgerinitiativen bemühte nun ein altes Bild, um am Ende der neuerlichen City-Diskussion insbesondere darauf aufmerksam zu machen, dass es an Freiräumen für Kinder und Jugendliche mangele: „Die Kinder müssen ja schon auf der Schloßstraße Fußballspielen – und dann schießen sie den Kunden im Alex das Weinglas aus der Hand.“

Die weiteren Ziele der neuen Citymanagerin 

Die neue Citymanagerin Gesa Delija hat vor Vertretern der Mülheimer Wirtschaftspolitik fünf Ziele ihrer Arbeit skizziert. Neben dem Vorhaben, durch mehr Kultur- und Freizeitangebot zusätzliche Frequenz in die City zu bringen (siehe Lokalseite 1), sind das folgende Punkte:

Das gewerbliche Angebot soll so vielfältig sein, dass es gelingt, wieder mehr örtliche Kaufkraft an die Innenstadt zu binden. Citymanagerin Gesa Delija stellt aktuell fest, dass das Angebot derzeit wohl den Bedarf der rund 7000 Innenstadtbewohner deckt, „nicht aber den Bedarf der rund 163 000 anderen Mülheimer“. Regional gebe es keine Anziehungskraft.

Sozialstruktur wird als Hemmschuh gesehen

Es sollen wieder mehr gut und besser situierte Mülheimer Lust verspüren, in der Innenstadt zu leben und einzukaufen. 40 bis 60 Prozent der Innenstadt-Bewohner sind laut „Mülheim & Business“ Hartz-IV-Bezieher. Eine größere Mischung in der Bewohnerschaft, so Jürgen Schnitzmeier, sei erstrebenswert, weil etwa festzustellen sei, dass Eigentümer gar nicht an der Modernisierung des Wohnungsbestandes interessiert seien, weil sie a) ihre Mieteinnahmen durch den Staat gesichert sähen und b) bei der aktuellen Mieterstruktur Investitionen im sechs- oder siebenstelligen Euro-Bereich wirtschaftlich nicht darstellen könnten.

Schnitzmeier plädiert wie zuerst SPD-Fraktionschef Dieter Wiechering für eine neue Stadtentwicklungsgesellschaft unter privater Beteiligung, die die Stadt aus der Ohnmacht befreit und an exponierten Stellen interveniert: Schlüsselimmobilien ankauft, entwickelt oder revitalisiert. Wiechering mahnt aktuell Tempo an: „Andere Städte sind da schon viel weiter.“

SPD: Stadtweit sozialen Wohnungsbau fördern

Vertreter von CDU, Bürgerlichem Aufbruch und FDP beklagten im Wirtschaftsausschuss zunehmenden Ärger über Vermüllung, auch vermehrte Angst insbesondere älterer City-Bewohner, abends vor die Haustür zu gehen.

Als Peter Beitz (FDP) denn gar von „falschen Menschen“ sprach, die in der Innenstadt wohnten, wurde es einigen doch zu bunt. Claus Schindler (SPD) ist auch dafür, mit qualitativ hochwertigeren Wohnangeboten die Sozialstruktur in der Innenstadt zu durchmischen, doch verwies darauf, dass die Stadt dann endlich auch für sozialen Wohnraum quer verteilt im Stadtgebiet sorgen müsse.

Qualitätsanalyse für Handel soll folgen

Es soll wieder mehr attraktiven Einzelhandel geben, dazu eine größere Bandbreite an Angeboten für den kurzfristigen Bedarf. Die genaue Analyse der Angebotsstruktur hat sich die Citymanagerin für die nahe Zukunft vorgenommen, verweist aber schon heute auf das Ungleichgewicht, wenn sie etwa mit Sarkasmus feststellt, dass eine Zahl von nahezu 40 Frisören im Bereich zwischen Eppinghofen und Altstadt wohl eher des Guten zu viel seien. Es gebe in der City „leider keine Spezialangebote oder Alleinstellungsmerkmale, die Leute von außerhalb anlocken“.

Schließlich setzt sich das Citymanagement zum Ziel, die Leerstandsquote von aktuell 12 Prozent deutlich in den einstelligen Bereich zu drücken. Wie schwer dies zu erreichen sein dürfte, haben die vergangenen Jahre gezeigt, vielleicht zieht das neue Schloßstraßen-Quartier wieder mehr Händler in die Stadt. Chef-Wirtschaftsförderer Schnitzmeier zieht, ohne Details zu nennen, Hoffnung aus dem jüngst verkauften Immobilien-Paket, von dem sich die Bochumer UHB getrennt hat. Die neuen Eigentümer aus Berlin seien „bereit, etwas zu investieren. Sie schauen gerade, was sie aus den Objekten machen können“. Schnitzmeier ist weiter „ganz optimistisch, dass es uns gelingen kann, den Hebel umzulegen“.

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