Theater-Premiere

Der Trumpf des Mülheimer Volxbühnen-Faust ist das Gretchen

Andreas Beutner wirbt um die Seele des Gelehrten mit diabolischer Lust. Frank Witzel meistert die Textmasse mit Bravour

Andreas Beutner wirbt um die Seele des Gelehrten mit diabolischer Lust. Frank Witzel meistert die Textmasse mit Bravour

Foto: Foto: brinkmann

Mülheim.  Der Faust ist ein urdeutsches Drama, das die Sprache geprägt hat. Das hat Jörg Fürst gereizt, aber er inszeniert zu statisch.

Wie von Geisterhand gehalten, schwebt das mit einer roten Flüssigkeit gefüllte Weinglas über der dunklen Bühne, während ein dumpfes Dröhnen aus den Lautsprechern zu vernehmen ist. Da ist er nun, der arme Tor und ist so klug als wie zuvor. Frank Witzel steht plötzlich im dichten Nebel alleine an der Bühnenkante und deklamiert die geflügelten Worte Goethes im Sauseschritt. Er wird auch wieder langsamer.

Im Hintergrund schimmern Notenständer, an denen sich dann sieben Volxbühnenschauspieler aufgestellt haben und bei einigen Stichworten chorisch in den bekannten Faust-Monolog einstimmen. Hin und wieder erklingt ein Klavier-Tusch oder ein Klingeln. Es ist ein Überraschungsstart, der nicht glücklich macht. Er irritiert zunächst und der Zuschauer braucht einige Zeit, sich darauf einzustellen.

Das Ensemble startet holprig, um warm zu werden

Diese Zeit braucht auch das Ensemble, das etwas holprig startet, um warm zu werden. Witzel meistert das Textgebirge Goethes mit Bravour. Sein Ausdruck könnte allerdings stärker und auch die Bewegung lebendiger sein. Aber Regisseur Jörg Fürst, der mit großzügigen Strichen den Klassiker auf 90 Minuten zusammen schnurren lässt, gestaltet den Abend insgesamt sehr statisch und mit nur wenigen Requisiten auf einer mehr als kargen Bühne. Im Zentrum der Inszenierung steht das Wort, also die Textmasse, was eine hohe Konzentration erfordert. Spielerisch umgesetzt wird nur wenig.

Immerhin kann sich Faust beim ausgelassenen Tanzen in Auerbachs Keller austoben, während zu ohrenbetäubenden Beats und wummernden Bässen ein wüster Bilderstrom auf seinem T-Shirt flimmert, ohne dass man einzelne Bilder erkennen könnte. Doch diese Szene, die akustisch an die Schmerzgrenze geht, dauert entschieden zu lange. Im späteren Verlauf des Abends arbeitet Fürst mit Textbändern, die er auf die Körper der Schauspieler projiziert. Das wirkt dann sehr eindrucksvoll.

Es dauert lange, bis Mephisto kommt

Lange dauert es, bis Mephisto kommt, aber dann wird es lebendiger. Wie Andreas Beutner sich anschmeichelt, Faust mit diabolischer Lust umgarnt und auch mal zu Boden geht und sich dort angewidert wälzt, als es um den Glauben des Gretchens geht, ist von großer Intensität. Angela Pott und Helga Tillmann sind ein gleichwertige Faust-Mephisto-Paarung. Das Gretchen aber ist der größte Trumpf dieser Faustinszenierung und die 82-jährige Adelheid Borgmann wird im Verlaufe des Abends immer stärker. Zunächst zeigt sie sich in einem Fenster am oberen Bühnenrand, wo später Dutzende von Teelichten brennen werden, um der Toten zu gedenken, die dieser Egotrip des Faust hinter sich gelassen hat.

Später steigt das unschuldige und reine Mädchen, das dieses Gretchen ist, hinab zu Faust und ein zarter Kuss deutet Liebe und Leidenschaft an. „Deine Lippen sind so kalt, sind so stumm, wo ist dein Lieben geblieben. Wer brachte mich drum.“, haucht sie dann. Die Verzweiflung wird spürbar.

Gretchen bekommt den wärmsten und stärksten Beifall

Wie Gretchen in der Kerkerszene als Kindsmörderin mit Leben und Tod ringt, zählt zu den stärksten und berührendsten Momenten des Abends. „Heinrich, mir graut vor ihr“, lauten ihre letzten Worte. Sie erhält zurecht beim Schlussapplaus den wärmsten und stärksten Beifall. Die nächsten Termine: 31. Mai und 1. Juni, jeweils 19.30 Uhr sowie am 2. Juni um 16 Uhr im Theaterstudio an der Adolfstraße 89a; Karten: 12/erm. 8 Euro, Telefon: 43962911

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