Theater-Vorschau

Der Laufsteg als Kriegsschauplatz

Regisseurin Esther Hattenbach und Dramaturg Sven Schlötcke sprechen über die Inszenierung von Kleist „Marquise von O.“, die am Donnerstag Premiere hat.

Foto: Tost

Regisseurin Esther Hattenbach und Dramaturg Sven Schlötcke sprechen über die Inszenierung von Kleist „Marquise von O.“, die am Donnerstag Premiere hat. Foto: Tost

Mülheim.   Esther Hattenbach inszeniert am Jungen Theater an der Ruhr Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O.“ Eine Suche nach Wahrhaftigkeit.

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Der Krieg verwüstet eine Gesellschaft. Selbst dort, wo nicht direkt gekämpft wird, dringt die Gewalt in Familien ein und nistet sich in den Persönlichkeiten ein und führt zur Verrohung. Den russischen Offizier aus Heinrich von Kleists Novelle „Die Geschichte der O....“, der Julietta vergewaltigt und später heiratet, kann man schon als Kriegstraumatisierten sehen. Man könnte ihn auch mit einem Nordafrikaner besetzen, aber die Idee dieser Aktualisierung verwarfen Sven Schlötcke (Dramaturgie) und Esther Hattenbach (Regie), die den Text am Raffelberg für das Junge Theater auf die Bühne bringen, rasch. Eine entscheidende, wenn auch kleine Änderung haben sie in der Inszenierung vorgenommen. Bei Kleist ist die Marquise eine reife Frau unbestimmten Alters, Witwe und Mutter zweier Kinder.

Gespräche in Schulen

In der Inszenierung, die am Donnerstag Premiere hat, ist Julietta jünger, um so näher an die Lebenswirklichkeit der Schüler zu rücken. Wie gut das funktioniert, hat die 41-jährige Regisseurin am Morgen des Pressegesprächs im Gespräch mit Schülern in einem Duisburger Schule erlebt. Was wäre, wenn das eurer Schwester passieren würde?, wollte sie wissen. „Diese Frage hat die 17-/18-Jährigen wach gerüttelt. Sie waren sofort da und haben erzählt“, erzählt sie.

Die Geschichte ist hanebüchen und trägt parodistische Züge einer Familienidylle. Die Menge der Tränen und Ohnmachtsanfälle dürfte rekordverdächtig sein. Per Zeitungsanzeige sucht die O. den Vater ihres Kindes, das ohne ihr Wissen entstanden sei. Dann setzt in der 1807 entstandenen Novelle die Rückblende ein. Russen belagern die Zitadelle in M., die der Kommandanten G. verteidigen soll. Wie in einem journalistischen Tatsachenbericht kürzt Kleist zu Steigerung der Authentizität alle Namen ab. Julietta wird von fünf Soldaten bedrängt, ein Offizier hilft ihr aus der Not, bringt sie in Sicherheit, sie fällt in Ohnmacht und hier folgt der wohl bedeutungsschwangerste Gedankenstrich der Weltliteratur, der alles in der Schwebe hält. Kleist nehmen Hattenbach und Schlötcke wörtlich, machen keine Dialoge aus Beschreibungen.

Kleist war selber Kindersoldat

Was Krieg und die Belagerung einer Festung bedeutet, wusste der in Frankfurt an der Oder geborene Autor und Spross einer adeligen Offiziersfamilie nur zu gut. Mit 14 Jahren trat er als Kindersoldat dem Militär bei, was im ausgehenden 18. Jahrhundert keine Seltenheit war, und nahm 1793 als 15-jähriger Offizier an der Belagerung von Mainz teil. Mehrere Wochen lang wurde die Stadt bombardiert und die Stadtrepublik niedergeschlagen, was mehrere Tausend Tote forderte. Dass auch Kleist diese Erlebnisse verdrängte und in Briefen die Militärzeit, unter die er 1799 einen Schlussstrich zog, verklärte, passt ins Bild eines Traumatisierten.

Der Sturm der Zitadelle ist auch ein Symbol für die Eroberung der Frau. Deshalb detoniert auf dem Theaterplakat wie von einer Kugel getroffen ihr Schoß. Aber vieles bleibt unklar. Ist der Offizier tatsächlich der Vergewaltiger oder hat sie sich ihm hingegeben? Ist seine Liebe nur Schuldgefühl oder echt? Oft folgt der Zweifel auf die Behauptung. Und das Happy-End mit der nachgeschobenen Liebeshochzeit wirkt schief.

Stärke der Frauenfiguren

Man kann nicht entscheiden, was vorgefallen ist. Von der Absolutheit der Wissenschaft war Kleist längst ernüchtert. „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint“, schrieb er.

Schlötcke reizt die emanzipatorische Kraft des Textes, die Stärke der Frauenfiguren, die Autoritäten trotzen. Die Tränen des Vaters sind vielleicht die einzig wahre Gefühlsregung in seinem Leben. Die Suche nach Glück und dem wahren Ich sind zeitgemäße Gedanken. So wird in der Inszenierung ein Laufsteg zum Kriegsschauplatz.

>> BESETZUNG UND AUFFÜHRUNGEN

Esther Hattenbach ist 1977 in Weimar geboren, wuchs in Jena auf, hatte Kontakt zum dortigen Theaterhaus und hospitierte 1998 bei Roberto Ciulli. In Hamburg studierte sie Regie bei Jürgen Flimm mit Auszeichnung.

Es spielen Gabriela Weber, Thomas Schweiberer, Rupert Seidl, Nico Ehrenteit, Joana Kitzl, am Schlagzeug sitzt Oliver Kerstan. Die Premiere am Donnerstag ist ausverkauft. Termine am 10., 18 Uhr, und 11. April,19.30 Uhr.

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