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Datenschutz: Selbst Verantwortung übernehmen

Wolf-Dieter Zimmermann ist Computer-Sicherheitsexperte und zuständig für den Linuxtreff.

Wolf-Dieter Zimmermann ist Computer-Sicherheitsexperte und zuständig für den Linuxtreff.

Foto: Michael Dahlke

Mülheim.   Wolf-Dieter Zimmermann ist Computer-Experte und zuständig für den Linuxtreff. Der 70-jährige über die Gefahren von Windows, Facebook und Co.

Wenn die geringe Datensicherheit von Facebook die Schlagzeilen bestimmt – wie seit Bekanntwerden des Skandals um die massenhafte Verwendung von Nutzerdaten durch die Firma Cambridge Analytica – dann dürfte sich Wolf-Dieter Zimmermann in seinen Warnungen bestätigt fühlen. Der 70-jährige ist Mülheims bekanntester Datenschützer und setzt sich dafür ein, dass Apple- und Windows-Nutzer auf das Betriebssystem Linux umsatteln. Gordon Wüllner hat sich von dem ehemaligen Lehrer erklären lassen, was Betriebssysteme mit Haustüren zu tun haben – und warum Linux nicht nur was für Computer-Experten ist.

Wer nicht bei WhatsApp ist, der kann nicht in den Familien-Chat eingeladen werden. Wer keinen Facebook-Account hat, der verpasst ständig Geburtstage. Sie müssen sich doch schon völlig isoliert fühlen als Verweigerer dieser Programme.

Wolf-Dieter Zimmermann: Zum Glück komme ich aus einer Generation, in der man noch miteinander redet (lacht). Nein, ich kann natürlich verstehen, warum die Leute diese Apps nutzen: Sie haben eine komfortable Oberfläche, man ist ganz schnell miteinander verbunden. Aber für diesen Komfort muss man eben einen Preis zahlen.

Und zwar?

Nehmen wir Google als Beispiel: Wer dort seine Suchanfrage stellt, von dem wird ein Profil erstellt, bestehend aus Informationen wie: Über welche Verbindung nutze ich die Seite? Wie lange nutze ich sie und wann? Ich finde: Das geht nicht, meine Daten gehören mir! Der andere Aspekt ist ein politischer: Wenn ich bei Facebook bin, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich nur Seiten like, die sich mit meiner Meinung decken und ich mich in einer Filterblase bewege. Das finde ich nicht förderlich für die politische Meinungsbildung.

Aber was kann der einzelne tun? Ist es nur der Verzicht?

Ich unterstelle mal, dass die Leute mit einem Windows-System arbeiten. Dann sollten sie den Firefox-Browser benutzen und ihn so einstellen, dass gewisse Schutzmechanismen greifen. Zum Beispiel kann man einen Werbeblocker installieren oder Google als Suchmaschine abstellen und stattdessen Ixquick verwenden. Das ist eine Suchmaschine nach deutschem Datenschutzrecht. Wer ganz anonym arbeiten möchte und wirklich auf die Privatheit seiner Daten acht geben möchte, sollte den Tor-Browser verwenden. Die Aktivitäten dort sind auch für einen Geheimdienst nicht mehr auffindbar. Auch empfehle ich Programme wie den Privacy Badger. Die meisten Server im Internet arbeiten mit Befehlsfolgen, Skripte genannt. Mit dem Privacy Badger kann ich jede einzelne dieser Befehlsfolgen nachvollziehen. Wenn mir das noch zu wenig ist, dann geht nur noch eines: Weg von Windows und hin zu einem freien Betriebssystem, das alle Quellen offen legt: Linux.

Sie beraten Computer-Nutzer dabei, auf Linux umzusteigen (siehe Info-Box). Dabei ist das System in den Augen vieler doch viel zu kompliziert.

Eine Reihe von Entwicklern haben bei Linux verstanden, dass die Marschrichtung eine andere sein muss – hin zu Komfort, Einfachheit und Verlässlichkeit. Es gibt daher inzwischen um die 350 Linux-Varianten. Da gibt es ganz einfache, die wir auch den Leuten empfehlen, die uns besuchen. Von den 150 Leuten, die bisher zu unserem Linux-Treff gekommen sind, kamen vielleicht zehn später noch mal für Fragen wieder. Die anderen 140 arbeiten damit und freuen sich, weil Viren kein Thema mehr sind und sie Verantwortung für ihre Daten übernommen haben.

Aber warum genau ist Linux nicht so komplex wie oft behauptet?

Selbst wenn der eine oder andere Handgriff komplizierter sein mag: Die Nutzergemeinschaft signalisiert den Leuten, dass sie bei Schwierigkeiten direkt Hilfe bekommen. Das gilt nicht nur für uns hier vor Ort, wo wir die Leute beraten, wie sie ihren Rechner am besten auf Linux umstellen. Das gilt auch für die weltweite Online-Gemeinschaft, die in Foren Tipps gibt.

Was macht Linux eigentlich so viel sicherer als Windows?

Stellen Sie sich Windows und Linux wie ein Haus mit lauter Türen vor. Bei den meisten Windows-Rechnern sind alle Türen immer offen, da kann auch ein ungebetener Gast, zum Beispiel ein Virus, hereinspazieren. Bei Linux brauche ich erst einmal den Schlüssel zu jeder Tür. Um ohne Bilder zu sprechen: Bei Windows sind viele gleichzeitig als Nutzer und Administrator unterwegs. Bei Linux muss man grundsätzlich ein Passwort eingeben, um sich als Administrator zu bewegen.

Und was für ein Haus ist das Apple-Betriebssystem iOS dann?

Da kommt man gar nicht erst an die Schlüssel für viele Türen. Anders gesagt: Apple setzt nicht gerade auf Transparenz. Während man bei Windows noch viel nachvollziehen und tief ins Innere des Betriebssystems vorrücken kann, ist das bei iOS unmöglich. Die Apple-Geräte sind wunderbare Maschinen, sie sehen gut aus und sind einfach zu handhaben. Aber dafür muss man auf Transparenz verzichten.

Bei all dem sprechen Sie vor allem über Computer-Nutzer. Wie sieht es denn mit der Sicherheit bei Smartphones aus? Es gibt ja auch wenig populäre Linux-Smartphones. . .

. . . aber sobald ich GPS nutze, ist die Datenschutz-Diskussion auch bei so einem Gerät schon vorbei. Bei einem Smartphone hat man weit weniger Möglichkeiten zu sagen: Ich bin der Herr meiner Daten! Außer man verwendet es ausschließlich dafür, wofür es gedacht ist: zum Telefonieren.

Das heißt: Sie benutzen ein altes Handy ohne Internetzugang?

Nein. Ich versuche zwar weitestgehend auf GPS zu verzichten, aber verzichte nicht auf ein Smartphone. Ich benutze ein Fairphone, das ich bald vom Google-Betriebssystem Android befreien werde. . .

. . . und grundsätzlich von Facebook, WhatsApp und Co. frei halten werden?!

Sowieso. Wissen Sie, das Geschäftsmodell hinter diesen Apps ist es, Daten abzugreifen – nichts anderes. Die Leute sollten selbst Verantwortung für ihre Daten übernehmen. Und das geht bei ­WhatsApp nicht, bei Twitter nicht, bei Instagram nicht – und bei Facebook ohnehin nicht.

>> Der Linuxtreff findet immer am zweiten Samstag im Monat von 10.30 bis 13.30 Uhr in der Stadtbibliothek im Medienhaus, Synagogenplatz 3, statt. Einmal monatlich bieten Zimmermann und sein Team auch Beratung im Styrumer Treff, Rosenkamp 3, an. Bei Fragen: zimmermann@netzwerk-bildung.net

Beim Treff können PC-Nutzer in offenen Sprechstunden klären, wie sie auf das Betriebssystem umsatteln können. Vor Ort ist auch das Repair-Café.

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