Theaterlandschaft

Das tunesische Nationaltheater feiert Premiere an der Ruhr

Die Angst auf der Bühne mündet in einen existenziellen Kampf um die wenigen Eier der Henne.

Die Angst auf der Bühne mündet in einen existenziellen Kampf um die wenigen Eier der Henne.

Foto: Ahmed Meslameni

Mülheim.   Mit zwei beeindruckenden Gastspielen zur aktuellen Situation des Landes wird der künstlerische Austausch der beiden Bühnen fortgesetzt.

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Neben der hohen Qualität der beiden Stücke, die das tunesische Nationaltheater am Wochenende in eindrucksvollen Gastspielen am Theater an der Ruhr präsentierte, fällt auf, dass beide Texte von Frauen geschrieben wurden. Das besonders zu erwähnen scheint geboten, denn es passt nicht ins Klischee.

Theaterintendant Fadhel Jaïbi betont im Publikumsgespräch, dass dies kein Zufall sei. In seiner bald drei Jahre währenden Intendanz habe er fünf Texte von Frauen auf die Bühne verholfen und gerade „K.O.“ von Jamilia Chihi, das sich als Repertoire-Renner erweist, sei ihm von Beginn an besonders wichtig.

Er lobt den Mut der Frauen, die seit der Revolution einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft geleistet haben. Chihi, die in ihrem Stück mit unglaublicher emotionaler Wucht den weiblichen Part spielt, fügt hinzu, dass die tunesischen Frauen bei der Besetzung von Führungspositionen in der arabischen Welt die Pionierinnen seien.

Sprache bleibt eine Hürde

Schon dieser Aspekt zeigt, wie gewinnbringend eine solche Theaterlandschaft sein kann, um uns die fremde Kultur und die Menschen näher zu bringen. Die Sprache bleibt eine Hürde. Und eine Zuschauerin erzählt hinterher, dass sie von dem intensiven Spiel so in den Bann gezogen wurde, dass sie am liebsten gar nicht mehr die Übertitelung verfolgt hätte. So mag es vielen gegangen sein.

Beide Abende beschäftigen sich mit der aktuellen Situation der Demokratie in Tunesien, die zerbrechlich ist und unter Druck steht – auch wenn es vordergründig um anderes geht. „Peur(s)“ - Ängste, der Titel des Stücks von Jalila Baccar, spiegelt die Situation schon im Titel wider. Es sind die Ängste vor dem wirtschaftlichen und sozialen Abstieg, der steigenden Kriminalität und des islamistischen Terrors, die im Alltag gegenwärtig sind. Neun Soldaten irren durch die Wüste und enden wieder am Ausgangspunkt, einem unwirtlichen Ort der Grausamkeit. Doch sie halten angesichts der Bedrohung aber nicht zusammen. „Wir werden dem Sturm nur durch unseren Zusammenhalt und unsere Solidarität die Stirn bieten können. Wir müssen alles gut durchdenken, vorausschauend handeln und die Aufgaben verteilen“, fordert einmal der Chef der Truppe – vergeblich.

Das arabische Publikum lacht und applaudiert

Von Hunger, Durst und Alpträumen geplagt, fallen sie übereinander her und kämpfen um die wenigen Eier der Hühner. Ein Spindeldürrer, der mit seinen langen Fingern in der Luft die Winde dirigiert, nicht die Natur, erweist sich als Drahtzieher.

Einmal fällt der Name des ehemaligen Diktators, der 2011 gestürzt wurde: „Stimmt es, dass Ben Ali abgehauen ist?“ Das arabische Publikum lacht und applaudiert. Überhaupt reagieren die Araber in dem doch sehr beklemmenden Stück, das auf einen existenziellen Kampf hinausläuft, wiederholt mit Heiterkeit, ohne dass für das deutsche Publikum dafür ein Grund ersichtlich wäre.

Das Staunen, ob die Inszenierung denn auch in dieser Form in den Heimatländern gezeigt worden sei, ist eine der Standardfragen bei solchen Gastspielen. Auch Peur(s), eine Welturaufführung, wird genauso gezeigt. „Provokation und Subversion sind es, was das Theater ausmacht“, betonte Jaïbi. Gegen Zensur müsse sich jeder Künstler verwahren. Eine staatliche Kontrolle gebe es in Tunesien zwar nicht, aber auf informeller Ebene sei der Druck durch die Religion sehr stark, dem man standhalten müsse.

Matinee mit Islamwissenschaftlerin Amel Grami

Dieses Thema vertiefte gestern bei einer Matinee noch die in Tunis lehrende Islamwissenschaftlerin Amel Grami. Der religiöse Druck spielte aber auch in „K.O.“ eine zentrale Rolle. So sind die Telefone im Box-Studio nach außen tot, nach innen tönt aus den Hörern aber die Botschaft aus dem Land des Dschihad. Noomen Hamda deutet Niederwerfungen zum Gebet an, reißt den Hörer aus dem Apparat, nutzt die Leitung zur Selbstgeißelung. Er praktiziere Gottesgesetz und kenne keine Gnade, sagt er. Chihi hält dagegen. Es fällt der Name von Abdelkader Alloula, ein algerischer Autor, der 1994 von Islamisten erschossen wurde.

Beide Akteure spüren den Dorn im Hals und die Bitterkeit, die Gedanken zersetzt, aber ihre Botschaft ist klar: Sie wollen leben!

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