Kultur

Das Private wird bei Rimini Protokoll zur Bühne

Um den großen Tisch herum haben sich die Besucher im Wohnzimmer von Familie Koch versammelt, die Gastgeber ist.

Foto: Michael Dahlke

Um den großen Tisch herum haben sich die Besucher im Wohnzimmer von Familie Koch versammelt, die Gastgeber ist. Foto: Michael Dahlke

Mülheim.   Der „Hausbesuch Europa“ verschiebt die Grenzen und Rollen: Das Spiel wird dabei zum Theater, zum Gesellschaftsspiel im doppelten Sinne.

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Am Ende ist es fast wie zu jeder normalen Theaterpremiere: Das Publikum stößt an auf den erfolgreichen Abend mit Sekt und Häppchen. Das ist es aber auch nahezu, was der „Hausbesuch Europa“ an Theaternormalität anbietet. Am Ende steht daher ebenso eine Frage: Ist das noch Theater oder ein Gesellschaftsspiel im doppelten Sinne?

Man muss also zumindest einen erweiterten Theaterbegriff bemühen, um den Ansatz des „Hausbesuchs“ noch in die Tradition des Dispositivs „Theater“ aus Bühne und Publikumsraum mit definierten Rollen zu stellen. Denn für anderthalb Stunden sind „wir“, 13 Besucher, nicht einmal in der Nähe einer klassischen Bühne sondern am großen Holztisch der Privatwohnung von Heide Koch und Axel Fuhrmann.

Maschine spuckt die Fragen aus

Wir folgen der Dramaturgie eines Spiels, das uns eine Art Computer vorgibt. Reihum wird die Maschine herumgereicht, die Wissens- und Einschätzungsfragen über Europa ausspuckt. Später kämpfen wir in Teams um Punkte und das größte Stück eines Kuchens, müssen dabei kooperieren oder gegeneinander taktieren.

Wir zeichnen auf einer Karte von Europa Geburts- und Wohnort und einen Sehnsuchtsort ein. Wer dem tristen Hull nachhängt, wer im nicht reizvolleren Bochum geboren ist – sagt das etwas über uns aus? Wir lernen uns über Fragen kennen: Wie ehrgeizig bist du? Hast du körperliche Gewalt angewendet? Wie haben sich deine Großeltern kennengelernt?

Mischung aus Trivial Pursuit, Therapie und Activity

Es ist eine witzige Mischung aus Trivial Pursuit, Therapie und Activity. Manchem ist das auch zu privat und es geht auch mal ans Eingemachte. Beim Armdrücken um vier Punkte und den Sieg wird hart um jeden Zentimeter gekämpft. Es geht immerhin um Kuchen.

So verschiebt „Hausbesuch Europa“ immer wieder die Grenzen und Rollen: Mal wird man zum ehrgeizigen Spieler, mal zum solidarischen Privatmenschen, mal zum Selbstdarsteller. Das Spiel wird zur Aufführungsbühne, zum Gesellschaftsspiel im doppelten Sinne. Doch Theater? Gastgeber Axel Fuhrmann, selbst Geschäftsführer einer Filmproduktionsfirma, sieht nicht nur in der Spieldramaturgie Parallelen zur Bühnenaufführung: „Für mich hat Theater auch die Funktion der gesellschaftlichen Diskussion. Das fehlt beim klassischen Theater oft. Hier ist es gelungen, ich hätte sogar gern noch mehr diskutiert.“

Die Wand zum Publikum einreißen

Gastgeberin Heide Koch, die als Marketingleiterin für verschiedene Theaterbühnen gearbeitet hat, ist nicht weniger begeistert: „Mich fasziniert, wie Rimini Protokoll es immer wieder schafft, die vierte Wand zum Publikum einzureißen.“

Rimini Protokoll vollzieht mit dem „Hausbesuch Europa“ eine Zuspitzung, wie es die rebellische freie Theaterszene nicht konsequenter umsetzen könnte. Bis bis 16. Dezember in Mülheim und Essen, 99 31 60.

Schon 2016 riss das Kollektiv die klassische Trennung von Bühne im Stadttheater ein, fuhr mit einem zum Zuschauerraum umfunktionierten Truck durchs Revier. Seit 2015 macht der „Hausbesuch“ das Private zur Bühne.

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