Ruhrtriennale

Das Lachen als Waffe gegen das Patriarchat

Liliane Koch, Pia Richter und Thea Rinderli in „Roar“ („Gebrüll“) als gestiefelte Harlekine. Gerburg Jahnke betreute das Trio in der Masterclass.

Liliane Koch, Pia Richter und Thea Rinderli in „Roar“ („Gebrüll“) als gestiefelte Harlekine. Gerburg Jahnke betreute das Trio in der Masterclass.

Foto: Ursula Kaufmann

85 Gruppen hatten sich für die Masterclass beworben. Nun präsentierten drei Gruppen ihre „Neue Welten“, die sie in drei Wochen im Ringlokschuppen erarbeitet hatten

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Der Humor der Mülheimer ist eher infantil-pubertierend ausgeprägt, stellten die drei Frauen im Ringlokschuppen nach einer kurzen Stichprobe fest. Vielleicht lag dieses wenig schmeichelhafte Urteil an der unleserlichen Schrift, den überwiegend von Fremden besetzten Publikumsreihen oder der unglücklichen Auswahl unter den 150 Jokes. Darunter mischten sich neben einer bissigen Bemerkung über Donald Trump sogar zwei Blondinenwitze.

Humorlose Frauen - das alte Vorurteil. Eines der vielen, die das Frauentrio in „Roar“ („Gebrüll“)aufgreift. Doch nach 60 rasanten Minuten stellt sich die alte Chauvi-Frage nicht einmal mehr. Lachen ist auch eine Waffe und passend zum körperbetonten Harlekinkostüm tragen die Frauen Springerstiefel und plärren durchs Megafon.

Vor der Vorstellung hatten sie das Publikum aufgefordert, einen Witz zu notieren und abzugeben, ohne dass sie sagten, was damit genau passieren würde. Eine schöne Idee der Aktivierung und um Gespräche unter den Besuchern auszulösen.

Das Trio war eine von drei Gruppen, die von der Ruhrtriennale für die Masterclass ausgewählt wurden, für die sich 85 Gruppen mit schriftlichen Konzepten beworben hatten. „Bei ihnen war sofort klar, dass wir das sehen wollen“, erzählt Mathias Frense. Es sind junge Absolventen von Hochschulen oder Schauspielschulen, alle so um die 30, die hier eine Produktion in Windeseile aus dem Boden stampfen. Erstmals waren alle drei im Ringlokschuppen. Als sehr inspirierend und produktiv beschreibt Frense die Atmosphäre. In den Pausen hatten sie auch gemeinsam viel Spaß und nachts wurde es sehr spät. Nach drei Wochen lassen sich die Arbeiten gut sehen.

Prominente Mentoren

Mit Luk Perceval, der sich bei der Ruhrtriennale Zola widmete, Bastian Trost von Gob Squad, und Gerburg Jahnke gab es prominente Mentoren. Normalerweise schaut ein Mentor einmal vorbei, aber Jahnke, die zunächst gar keine Zeit zu haben schien, kam gleich drei Mal vorbei. Man kann sich vorstellen, dass ihr die feministische Spaßguerilla gefallen hat, ist es doch so etwas wie Missfits 4.0. Aber es passte auch menschlich. „Ihre Kommentare waren direkt, aber immer wohlwollend“, erzählt Thea Rinderli, die die Professionalität von Jahnke bewundert. Da fügte es sich gut, dass Jahnke selbst am Samstag zufällig in der Stadthalle auftrat. Nach ihrem Auftritt rief sie an, ob es sich denn noch lohnen würde, kurz bei der Premierenparty vorbei zu schauen. Die Aufführung ansehen wollte sie am Sonntag ohnehin, gemeinsam mit Bademeister Hajo Sommers, und es wäre nicht verwunderlich, wenn die drei Frauen aufs Programm im Ebertbad rutschen würden. „Die haben eine größere Bühne verdient“, waren sich zwei Zuschauerinnen einig.

Im Nachbarraum singt in „Amerika“ ein Männertrio, das aber ganz anderes als die Gleichberechtigung im Sinn hat. Es ist das sympathische Organisationstrio eines Abschlussballs, das zu einem Parforceritt durch die Popularkultur ansetzt, über Abgründe läuft und im freien Fall mit Tom & Jerry endet. Dabei setzen sie die Kamera so ein, dass die Schauspieler selbst wie in einem Trickfilm wirken und ihnen die Lacher sicher waren.

Eine beklemmende Atmosphäre erwartete die Zuschauer im dritten Saal bei „Metamorphosis“, einer französischen Produktion, die aber ohne Worte auskommt. In kurzen Sequenzen werden Szenen einer Beziehung gezeigt. Die Bewegungen sind mechanisch, wirken kühl und distanziert. Es ist das Schreckensszenario einer Welt, in der künstliche Intelligenz die menschlichen Beziehungen bestimmt. Die Frau scheint die Zweifelnde zu sein. Einmal greift sie zur Zigarette und erntet zunächst böse Blicke des sonst so freundlich blickenden Mannes, der dann energisch auf den Tisch schlägt. Mehr Emotionalität scheint nicht möglich.

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