Bautagebuch

Das Eigenkapital ist ein zähes und träges Rinnsal

Was aussieht wie ein Riesenmikado im Garten sind die Holzträger der entfernten Zwischendecken.

Was aussieht wie ein Riesenmikado im Garten sind die Holzträger der entfernten Zwischendecken.

Foto: Steffen Tost

Neues aus dem Bautagebuch: Für den Kauf der Jugendstilwohnung ist zwar ausreichend Kapital vorhanden, aber flüssig ist es nicht.

Wer mitbieten will beim Pokern um den Paul, muss Geld locker machen, aber auch hurtig seine Finanzierung sicherstellen. Die Konkurrenz hat den Preis für die sanierungsbedürftige Jugendstilwohnung an der Paul-Essers-Straße schon um 5000 Euro auf 170.000 Euro getrieben. Die Grunderwerbssteuer in Höhe von 6,5 Prozent - immerhin stattliche 11.000 Euro - und einiges mehr kommen noch on top. Für Vergleiche mit anderen Kreditinstituten und dem empfohlenen Gang zur Verbraucherzentrale bleibt uns keine Zeit. Der Druck ist groß.

„Sportlich“, nennen das einige Beobachter zwischen Bewunderung und Skepsis. Ich bleibe meiner Hausbank treu, was ich zwischenzeitlich bereue, ohne zu wissen, ob ich bei einer anderen tatsächlich besser gefahren wäre. Jedenfalls habe ich schon einen Monat nach der allerersten Besichtigung von Paul die Zusage, dass meine Bank bis „200.000 Euro mitgehen würde“. Das klingt nach „Faites votres Jeux“ wie im Spielcasino. Hoffentlich folgt dem nicht bald ein ernüchterndes „nichts geht mehr“.

Das Spiel kann beginnen

Ich habe gut gespart und mein Geld in drei Bausparverträgen angelegt. Mit meinem Anlagedepot und über 100.000 Euro Eigenkapital fühle ich mich ausreichend flüssig. Lebensversicherungen werden auch in einigen Jahren fällig. Tatsächlich ist das Eigenkapital eher eine träge, zähe Masse, die nur mühsam und mit hohem Verlust zu mobilisieren ist.

In umgekehrter Richtung sind die Banken immer fixer. Bausparverträge müssen erst zugeteilt werden, ehe man von ihnen profitieren kann. War man einst so klug und hat sie mit einer Riesterförderung ausgestattet, dann kann das mehrere Monate dauern, über ein halbes Jahr, um genau zu sein. Vor ein paar Tagen habe ich nun die Zuteilungserklärung unterzeichnet. Wie oft ich für den Paul inzwischen schon etwas unterschriebe habe, weiß ich schon lange nicht mehr. Nach den ersten Dutzend Malen habe ich aufgehört zu zählen. Solche Verträge sind nichts für Leute wie uns, die es eilig haben. So bleibt mir nichts anderes übrig, als das komplette Depot ziemlich verlustreich aufzulösen. Diese Summe mal auf den Punkt zu bringen, dazu fehlt mir bislang die Kraft.

Emsig gespart

Natürlich muss ich neue Darlehensverträge abschließen, denn die Bausparverträge hatte ich vor gut zehn Jahren ausgehandelt, als sich die Zinsen noch auf Höhenflug jenseits der drei Prozent bewegten. Jetzt steht immerhin eine Eins vor dem Komma, auch wenn die Zwei-Prozent-Marke denkbar knapp unterschritten wird. Mit 88 Jahren wird der Paul bei einer moderaten monatlichen Belastung dann spätestens ganz mir gehören. In meine Gesundheit setzt die Bank dann doch einige Erwartungen. Einen Fitnessnachweis muss ich allerdings genauso wenig erbringen wie ein Gesundheitszeugnis. Stattdessen werden zum wiederholten Mal meine letzten drei Verdienstbescheinigungen angefordert. Ich muss mich auch wiederholt legitimieren, obwohl mich mein Bankberater längst kennt, aber das scheinen seine Kollegen in Hameln und Berlin nicht zu wissen.

Drei Tage Baustopp

Bei der Adresse in Hameln sollte man sich sein Vertrauen nicht durch die Kenntnis des Rattenfängergeschichte nehmen lassen, aber mein Makler hat die drei Buchstaben, mit der sich die Bank abkürzt, kongenial übersetzt: Dauert sehr lange. Die Trägheit der Bank bringt uns immerhin einmal einen dreitägigen Baustopp ein. Ganz unschuldig waren wir daran zwar nicht, da wir zeitgleich an einer anderen Front hart und völlig unnötig gefordert sind. Aber die Begleichung einer Rechnung hat von Freitag bis zum Freitag der kommenden Woche gedauert, was eindeutig zu lange ist. Durchschnittlich dauere es fünf Tage, bis Geld überwiesen sei, heißt es auf Nachfrage. So viel Geduld hat unser Unternehmer nicht und diese Dauer ist auch nicht nachvollziehbar.

Zuvor ist schon die Zahlung an den Alteigentümer beim Erwerb ins Stocken geraten, was uns tagelang auf Trab hält. Auf einer Benachrichtigung ist zur Beschleunigung der Auszahlung ein Video-Ident empfohlen. Im Kleingedruckten steht dann an zwölfter Stelle allerdings, dass das zwingend erforderlich sei. Was das ist, weiß ich auch nicht, nur dass es fehlt und das zwei Tage vor der gewünschten Auszahlung.

Live-Dialog mit dem Handy zur Identifizierung

Mit dem I-Phone muss ich in einen live gefilmten Dialog mit einem Mitarbeiter treten, der in irgendeinem Call-Center sitzt. Ein anderes Handy geht nicht, da die Kameradarstellung zu stark verzerrt. Zufällig haben wir beides im Haus. Der Gesprächspartner möchte den Personalausweis sehen, fordert mich auf, mit der Hand zwischen Ausweis und Linse sowie Linse und Gesicht zu wedeln, um eine Manipulation auszuschließen. Das ist immerhin in zehn Minuten erledigt. Weil meine vorlaute Frau mir den Namen der Bank sagt, müssen wir von Neuem beginnen. Vorsagen ist strengstens untersagt. Quälend langsam verläuft die Auszahlung dennoch. Sie sei in Vorbereitung, heißt es einmal mit Verweis auf den nächsten Tag.

Dann muss noch ein weiterer Kollege prüfen. Und am nächsten Tag ist die Summe immer noch nicht unterwegs. Geduld ist gefordert. Das zerrt an den Nerven, weil eigentlich schon mit dem Abriss der tiefer gehängten Decken begonnen werden sollte. Großzügig geben der Alteigentümer und Makler für den vorzeitigen Abriss immerhin grünes Licht.

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