Kriminalität

Clans in Mülheim verstärkt im Visier von Polizeikontrollen

Diskutierten in der Wolfsburg in Mülheim zum Thema Clan-Kriminalität (v.l.): Dr. Jens Oboth (Wolfsburg), Polizeipräsident Frank Richter, Christian Kromberg (Beigeordneter Stadt Essen) und Jurist Prof. Dr. Mathias Rohe.

Diskutierten in der Wolfsburg in Mülheim zum Thema Clan-Kriminalität (v.l.): Dr. Jens Oboth (Wolfsburg), Polizeipräsident Frank Richter, Christian Kromberg (Beigeordneter Stadt Essen) und Jurist Prof. Dr. Mathias Rohe.

Foto: Tamara Ramos

Mülheim.  Großfamilien leben auch in Mülheim in einer abgeschotteten Parallelwelt. Behörden gehen ihnen ans Geld und spähen die Vernetzungen aus.

Häufig ist die Polizei in der Eppinghofer Straße unterwegs. Dort, wo sich viele Geschäfte aneinanderreihen, die von arabisch- oder kurdischstämmigen Inhabern geführt werden. Mehrmals in der Woche gibt es – in Zusammenarbeit mit Stadt, Zoll oder Steuerfahndung – Kontrollen. Zur Bekämpfung von Clan-Kriminalität.

In Mülheim wohnen seit vielen Jahren Mitglieder von Großfamilien, die zuvor in Essen angesiedelt waren. Die Wolfsburg lud daher am Mittwochabend zu einem Forum ein, um über die kriminellen Geschäfte vor Ort und im gesamten Ruhrgebiet zu sprechen. Grenzen verschwimmen, längst wohnen die Großfamilien nicht mehr nur in Essen, NRW-weit sind laut Polizei 105 Clans gelistet, die der Organisierten Kriminalität zugeordnet werden. Das „Zentrum der kriminellen Macht“ liege dennoch weiterhin in Essen.

Nur ein kleiner Teil von Großfamilien ist hochkriminell

Die meisten kamen in den 1980er-Jahren als Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg im Libanon. „Viele sind allerdings gar nicht libanesisch-kurdisch, sondern haben ihre Wurzeln oft in der Türkei“, weiß der Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe. Clan-Kriminalität sei im Übrigen nicht auf den Islam zurückzuführen. „Fromme Muslime leben nach dem Strafgesetzbuch“, weiß Rohe, der wie die Polizei vor einem Generalverdacht warnt. In den Großfamilien sei auch nur ein kleiner Teil „hochkriminell“: Von rund 15.000 Clan-Mitgliedern in ganz NRW schätzt Essens Polizeipräsident Frank Richter eine Zahl „im hohen dreistelligen Bereich“.

Experten sagen, dass es sehr schwer ist, an die abgeschottete Parallelwelt heranzukommen, die sich in den vergangenen 30 Jahren gebildet hat. Rohe spricht daher auch von „fehlenden Kenntnissen“ über die Großfamilien. „Sie haben durch den Bürgerkrieg erlebt, dass weder Staat noch Gesellschaft sie in der Heimat haben möchten. In Deutschland ging man davon aus, dass sie nach Ende des Krieges im Libanon wieder zurückgeführt werden. Dadurch wurde nichts für die Integration getan. Es gab keine Schulpflicht für die Kinder, vielen fehlt auch heute noch der Zugang zum Arbeitsmarkt“, erklärt Rohe. Die Familie sei daher die einzige Struktur, auf die sie sich verlassen. Cousins heiraten oft Cousinen, um die Familie zu vergrößern. Die kriminelle Energie sei eine Folge der Umstände.

Mülheimer Innenstadt im Fokus

Die Polizei möchte diese Strukturen durchbrechen, wie Frank Richter betont. „Wir stehen aber noch ganz am Anfang, in einem Fußballspiel wären wir vielleicht in Minute vier“, gesteht er. Seit Dezember gibt es verstärkt Kontrollen. An der Eppinghofer Straße, am ­Dicks­wall in einer Shisha-Bar und einem Fachgeschäft, die jeweils ein Clan betreibt. Außerdem liegt der Fokus auf Gaststätten an der Leineweberstraße sowie Friedrich-Ebert-Straße. „Viermal wöchentlich kontrollieren wir. In Hinterkammern laufen Geschäfte“, sagt Thomas Weise, Erster Polizeihauptkommissar. Er hatte in der Vergangenheit bereits Einsätze an der Eppinghofer Straße geleitet, als die Rockergruppe Hells Angels dort Fuß fassen wollte. „Das haben wir erfolgreich unterbunden. Mülheim ist klein, Rocker und Clans kennen sich“, so Weise.

Nun stehen Clans im Visier. Die Behörden möchten sie dort treffen, wo es am meisten weh tut: beim Geld, es geht um Gewinnabschöpfung. Seit Dezember wurde in Essen und Mülheim durch sichergestellte Fahrzeuge, Betäubungsmittel, Tabak, Schmuck oder Bargeld insgesamt rund eine Million Euro beschlagnahmt. Weise erklärt: „Ein Kilo Shisha-Tabak bedeutet ungefähr 100 Euro Verlust. Der Tabak ist in der Regel nicht versteuert und selbst verarbeitet.“ 111 Kilogramm wurden seit Dezember eingezogen.

Vernetzungen werden sichtbar

Kontrollen dienen zudem dazu, die Strukturen besser kennenzulernen. „In den Geschäften finden wir mittlerweile weniger. Die Erfahrung zeigt, dass etwa Tabak oder Bargeld oft in abgestellten Fahrzeugen liegen“, sagt Weise. Vor Geschäften würden auch schon mal Personen stehen, die im Blick halten, ob eine Kontrolle droht. Die Einsatzkräfte, die oft von Hundertschaften unterstützt werden, sehen dabei, wer mit wem vernetzt ist. Verbindungen bestehen auch in die heimische Rapperszene. „Ob es wie in Berlin als ein Geschäftsmodell genutzt wird, ist allerdings nicht belegt“, sagt Weise.

Selten kämen Hinweise von Clans selber, wenn ein Streit mit einer anderen Familie vorliege. Dann sind die eigenen Leute aber immer sauber“, erzählt Weise. Familienmitglieder kooperieren normalerweise nicht. Sonst müssten sie sogar um ihr Leben fürchten.

>>>Mülheim soll laut Polizei sicher sein

Laut Polizeipräsident Frank Richter gilt Essen als viertsicherste Stadt in Deutschland. Mülheim ist aufgrund der Struktur des Polizeipräsidiums miteinbezogen. In NRW gölten die Städte als die sichersten.

Bundesweit ist München Spitzenreiter, dort gibt es kaum arabische Großfamilien. Dies hänge laut Islamforscher Rohde mit dem teuren Wohnungsmarkt zusammen. In Bayern herrsche dagegen eher die russische Mafia.

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