Freie Theaterszene

Beim Impulse-Auftakt prallen Welten aufeinander

Pink Money“ gipfelt in einer Straftat, inklusive Absperrband und Spurensicherung. Das Publikum ist im Ringlokschuppen hautnah am Geschehen.

Pink Money“ gipfelt in einer Straftat, inklusive Absperrband und Spurensicherung. Das Publikum ist im Ringlokschuppen hautnah am Geschehen.

Foto: Robin Junicke

mülheim.   Festivalmacher kontrastiert das Schweizer Dorf-Theater mit einem internationalen Gay-Club. Aber es gibt auch verbindende Elemente.

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Zur Impulse-Eröffnung lässt Festivalleiter Haiko Pfost Welten aufeinander prallen: die beschauliche, ironisch gebrochene Idylle des Schweizer „Dorf Theaters“ mit dem Realismus der internationalen Schwulen- und Lesben-Szene (LGNTIQ) zwischen Hedonismus und Diskriminierung in „Pink Money“. Wummernde Bässe und treibende Beats lassen im verdunkelten Heidi Hoh, in dem die bunten Lichter zucken, den Boden erzittern. Ohrstöpsel liegen bereit.

Und doch gibt es rein zufällig Verbindendes, was die Gegenüberstellung um so reizvoller macht. Die Schnaps bechernde Schweizerin, die sich im Rausch über die sich küssenden Frauen und den allgegenwärtigen Sex mokiert, findet ihren Widerhall in der trinkenden Afrikanerin, die beklagt, dass auch Homosexuelle ganz normale Menschen mit Bedürfnissen seien. Dass dies selbst in einer Stadt wie Basel nicht selbstverständlich ist, macht Performerin Antje Schupp deutlich. Dort habe sie sich nicht getraut, mit ihrer Partnerin offen lesbisch aufzutreten. Sie erzählt von einer als bedrohlich empfundenen Situation, der sie sich flüchtend wie die Hühner entzogen. Das hämische Lachen des Mannes hat sie noch im Ohr. Mit Hut, Schnurrbart und in Lederhosen hätte sich die 35-Jährige, die sich erst im Laufe der Show als Frau zeigt, auch gut im Dorftheater gemacht.

Homophobie und Rassismus

Gegen Ende von „Pink Money“ erklingt zum ruhigen Piano „Strange Fruit“, das eindringliche Lied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das Billie Holliday 1939 gegen die Lynchjustiz sang. Die seltsamen Früchte an den Bäumen, die dieser bittere Song beschreibt, sind die leblosen Körper der unschuldig umgebrachten Schwarzen. In Kapstadt, dem Mekka der Community, paart sich noch heute Homophobie mit Rassismus.

Das Überraschende, das Schwierige und die Konfrontation mit dem Fremden seien es, was die Kunst ausmache und den Horizont erweitere, betont zur Eröffnung Ursula Sinnreich von der Kunststiftung, „und nicht das Kuscheln mit dem Vertrauten“. In der engen Blase, das zeigte Pfost schon mit dem Auftakt, bleibt er mit seinem aus zehn Produktionen bestehenden Impulse-Programm nicht.

Eine schwierige Gratwanderung

Aufgewachsen in einem Schwarzwälder Dorf ist ihm das Hinterwäldlerische bekannt, aber inzwischen schon fremd geworden. Als privilegierter, international reisender Theatermann stehe ihm der Club näher, so Pfost. Keine schlechte Idee war es, die Grußworte in das Dorftheater zu integrieren. Doch sechs Reden waren einfach zu viel und das geht zulasten des Stücks, in das der Autor Corsin Gaudenz liebevoll („die Orte kennen Sie vielleicht von Schiller“) und mit einem Handstand einführt. Das Provinzielle ist schon gleich dadurch gebrochen, dass Gaudenz eine Rolle mit der in Japan geborenen Tänzerin Kotomi Nishiwaki besetzt. Passend auch, von den Schauspielern in den Pausen im Theaterstübli Erfrischungen und Snacks reichen zu lassen.

Fünf Stücke von Dorftheatern, die als lebendige Tradition in der Schweiz mit über 120 Gruppen zum internationalen Weltkulturerbe zählen, werden in der Produktion verschnitten. Das bedeutet, dass die Schauspieler in Dialogen Texte aus unterschiedlichen Stücken sagen, was zu grotesken Situationen und Missverständnissen führt. Aber das ist nicht alles.

Es ist eine schwierige Gratwanderung, die Laien ernst zu nehmen, sie nicht selbstgerecht der Lächerlichkeit preiszugeben, sondern mit ihnen, statt über sie zu lachen. Das gelingt. Den echten Laienspielern, die sich in Interview-Sequenzen äußern, gefällt es jedenfalls.

>>> Infos und TermineViele Vorstellungen des Festivals (bis 24. Juni)sind bereits ausverkauft. Weitere Infos zum Programm im Programmheft oder im Netz unter: www.impulsefestival.de; Karten an der Abendkasse: 18/erm. 10 Euro.

Antje Schupp hat für ihr neues Projekt über Senioren eine Förderung erhalten: 20 000 CHF.

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