Schulprojekt

Ausstellung erzählt Geschichten Mülheimer Flüchtlingskinder

Die neue Foto-AG der Realschule an der Mellinghofer Straße schaut sich mit Schulleiterin Judit Koch (Mitte), Fotograf Frank Plück (hinten, 2.v.r.) und Niclas Scheidt (hinten, r.) die Ausstellung in der Styrumer Sozialagentur an.

Die neue Foto-AG der Realschule an der Mellinghofer Straße schaut sich mit Schulleiterin Judit Koch (Mitte), Fotograf Frank Plück (hinten, 2.v.r.) und Niclas Scheidt (hinten, r.) die Ausstellung in der Styrumer Sozialagentur an.

Foto: Udo Gottschalk

Welche Gegenstände Flüchtlingskinder aus ihrer Heimat mitgebracht haben, zeigt ein Fotoprojekt von Realschülern in der Styrumer Sozialagentur.

Mit gestochen scharfen Augen schaut Muhammad dem Betrachter von seinem Schwarzweiß-Porträt entgegen. Man erkennt ein leichtes Grinsen, gleichzeitig ist etwas anderes in seinem Blick zu sehen. Traurigkeit? Nachdenklichkeit? Schwer zu sagen. Neben dem Foto im Polaroid-Format hängt das Bild einer Kappe. Ein Geschenk, dass der Flüchtlingsjunge aus Syrien in einem Camp in Jordanien von seinem Cousin zum Geburtstag bekommen hat. Und ein Geschenk, das ihn an schöne und schwere Zeiten zugleich erinnert.

Der 13-jährige Muhammad ist eines von zehn Gesichtern, das die Ausstellung „Auf den Punkt 1 reduziert“ der Realschule an der Mellinghofer Straße prägt. Sie ist ein Projekt der Foto-AG gemeinsam mit dem Journalistik-Student Niclas Scheidt sowie Ideengeber und Fotograf Frank Plück.

Kurze Texte erzählen Geschichte

Lange hat Plück verfolgt, wie viele Menschen aus ihrer Heimat nach Deutschland fliehen – im Hinterkopf immer die Frage, was den Menschen bleibt. Er hat eine Idee, die er umsetzt, als er von der „Schule 2.0“, einer Klasse für Flüchtlinge, hört. „Das Konzept war von Anfang an klar. Die Kinder sollten einen Gegenstand aussuchen, den sie mit ihrer Flucht verbinden und der ihnen besonders wertvoll ist“, erklärt der Initiator, der beruflich Werbefotograf ist. Wählen sollten die jungen Menschen – zwei kommen aus dem Irak, der Rest aus Syrien – bewusst nur einen Gegenstand. Ausgehend davon erzählt der 21-jährige Niclas Scheidt in kurzen Texten die Geschichten. Von Bassam, dem Jungen mit dem durchdringenden Blick. Er hat einen leeren Rucksack gewählt, mit dem er Kleidung und Hygieneartikel transportierte. Doch: „So wie in der Tasche noch viel mehr steckte, als nur Kleidung, so bin ich mir ganz sicher, dass in Bassam noch viel mehr steckt, als man so denkt“, heißt es dazu im Text von Scheidt. Andere Flüchtlingskinder wählten ein Halstuch, das in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wurde oder einen Schal mit der kurdischen Flagge.

Halstuch gehört seit Generationen der Familie

Aber wie schafft man es, dass sich Kinder mit solchen Geschichten öffnen? Scheidt erklärt: „Wir haben ganz locker miteinander geredet, in einer Gruppe mit mehreren Schülern. Mit Worten oder mit Händen, Füßen und Blicken.“

Die Porträtaufnahmen wurden in der Foto-AG von etwa gleichaltrigen Schülern gemacht, der Fokus lag dabei vor allem auf den Augen. „Das Fotografieren macht uns Spaß“, meint Paulina (14). Natalia (13) ergänzt: „Wir haben viele traurige Geschichten gehört, die alle sehr berühren. Es war aber auch schön, die Geschichten kennenzulernen.“

Mehr als eine Abbildung

Seit vier Jahren gibt es die Foto-AG unter Leitung von Frank Plück schon. Ein Projekt wie das jetzt ist aber einzigartig. Schulleiterin Judith Koch lobt: „Diese Form von Fotos zeigt nicht nur eine Abbildung, sondern eine Geschichte dahinter.“ Mit einem schweifenden Blick über die Bilder fasst sie zusammen: „Ich sehe wunderschöne Augen, die viel mehr gesehen haben, als sie in diesem Alter sollten.“

In diesem Schuljahr hat die Foto-AG schon wieder begonnen, mit einem neuen Projekt. Plück: „Viel sagen kann ich dazu aber noch nicht, weil das ein dynamischer Prozess ist. Wichtig ist es mir, den Kindern verschiedene Kulturen zu zeigen. Vielleicht werden wir eine Kirche besuchen oder eine Moschee.“

>> Die Ausstellung „Auf den Punkt 1 reduziert“ ist vom 10. Oktober 2018 bis 7. Januar 2019 in der Sozialagentur Styrum, Kaiser-Wilhelm-Straße 29, zu den Öffnungszeiten (Montag bis Donnerstag, 8 bis 16 Uhr sowie freitags, 8 bis 14 Uhr) zu sehen.

Die Ausstellung war vorher im Rathaus, jetzt wird abgestimmt, ob sie auch ins Bundespresseamt Berlin kommt.

Finanziert ist das Projekt durch das Landesprogramm Kultur und Schule.

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