Herbstgespräche

Aufklären statt verklären

Die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier zu Gast bei der CDU-Mülheim.  Bild: Stephan Glagla / WAZ FotoPool

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Die Herbstgespräche der Mülheimer CDU finden traditionell am Tag der Deutschen Einheit statt – und sind älter als die Wiedervereinigung selbst. Gestern trafen sich rund 100 Gäste der Union im Medienhaus, um den Tag gemeinsam zu begehen und daran zu erinnern, dass „Freiheit nicht gottgegeben, sondern verteidigt werden muss“, wie CDU-Vorsitzender Andreas Schmidt betonte.

Für die diesjährigen Herbstgespräche hat die Mülheimer Union eine Gastrednerin eingeladen, die als Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung gilt. Seit dem Fall der Mauer kämpft Freya Klier als Bürgerrechtlerin aber an einer weiteren Front: gegen die Verklärung des „Unrechtsstaates DDR“. Dafür tourt die Autorin und Schauspielerin durch ganz Deutschland, hält Vorträge, leitet Projekte in Schulen und berichtet von Schicksalen.

Freundschaftsspiel

So erzählt sie von zwei Gruppen junger Hobby-Fußballer aus Bonn und Leipzig, die sich im Osten zum deutsch-deutschen Freundschaftsspiel treffen wollten. Die Stasi kam dahinter – und wies die Bonner aus. „Doch die jungen Leute bildeten einen leisen, intelligenten Widerstand“, sagt Klier. Obwohl die Rheinländer ein Einreiseverbot bekamen, schafften es die Frauen und Männer zwischen 16 und 24 Jahren, die Leipziger Freunde doch noch wiederzusehen. Im Frühling 1985 umgingen sie die Stasi und trafen sie sich zum Freundschaftsspiel in Prag – „dort feierten sie eine vorgezogene Wiedervereinigung.“ Die Gruppe hielt Briefkontakt und traf sich nach der Wende zum Fußballspielen in Bonn wieder. „Bis heute halten sie losen Kontakt.“ Und: „Diese Geschichte spiegelt die Schikane der Stasi wider, aber auch die Gewitztheit und den Einfallsreichtum der Menschen“, berichtet Freya Klier in ihrer bewegenden Rede.

Bewegend, weil es nicht nur solche Geschichten mit Happy End sind, die die 61-Jährige zu erzählen hat. Sondern Berichte der Verfolgung, Unterdrückung und des Freiheitsentzugs. Da kann Freya Klier bei sich selbst anfangen: wie sie versuchte, als 18-Jährige über die Ostsee Richtung Westen zu flüchten und von einem Matrosen verraten wurde. Von „schlimmen Monaten in Haft und täglichen Demütigungen des Haftpersonals.“ Und: „Den Fluchtversuch habe ich überlebt – körperlich unversehrt. Ein Thüringer Freund, dem eine Selbstschussanlage ein Bein zerfetzt hat, beneidet mich darum.“

Neben solch erschreckenden Schicksalen prangert die Bürgerrechtlerin auch die geschichtliche Aufarbeitung an. „Der alte Mauerstreifen in Berlin hat sich zu einer Disneywelt entwickelt, die bei Touristen Heiterkeit hervorruft.“ Fahrten im Trabi werden dort angeboten, die „Ostalgie“ als romantische Erinnerung verklärt. Doch: „Bekommt man so einen Eindruck über das Gefühl für Eingeschlossenheit?“

An den Pranger gestellt

Ebenso an den Pranger stellt Klier die heutige Linkspartei, die Grüße an den Genossen Castro nach Kuba schickt, und den Umgang mit SED-Genossen von damals, die Posten behielten oder Akten verschwinden ließen: „Man fand sie plötzlich als Ministerpräsidenten oder Immobilienmakler wieder, als Mitglieder in allen Parteien.“

Freya Klier kommt zu dem Schluss: „Schließlich rate ich zur Gelassenheit. Reue und Schamgefühl sind von den Ewiggestrigen nicht mehr zu erwarten.“ Daher macht sie weiter, um aufzuklären und jungen Menschen zu vermitteln, dass „Glück auch bedeutet, über sich selbst bestimmen zu dürfen“.

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