Zechen-Rundgang

Auf Bergbau-Expedition

Von Grubenlampen, Luftfiltern und „Arschledern“: Der ehemalige Bergmann Klaus van den Berg erklärte den Besuchern auch das Brauchtum des Bergbaus im Rundgang über das Gelände der Zeche „Rosenblumendelle“

Foto: Christoph Wojtyczka / WAZ FotoPo

Von Grubenlampen, Luftfiltern und „Arschledern“: Der ehemalige Bergmann Klaus van den Berg erklärte den Besuchern auch das Brauchtum des Bergbaus im Rundgang über das Gelände der Zeche „Rosenblumendelle“

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Mülheim. Der Berg rief. Und vierzig Besucher kamen. Bergbauhistoriker Lars van den Berg konnte sich am Sonntag bei seiner Führung über ungewöhnlich hohen Zuspruch und großes Interesse freuen. Geschlagene zweieinhalb Stunden spazierte der Experte mit seinen Gästen aus dem ganzen Revier durch die Geschichte des Mülheimer Bergbaus, „auf den Spuren der Kumpel.“ Lars van den Berg referierte kenntnis- und detailreich, sprach ohne Punkt und Komma, gab seinen Zuhörern tiefe Einblicke in Streben, Flöze, Stollen und Schächte, in Arbeitsabläufe und Funktionsweise der Zeche „Rosenblumendelle“ in Heißen, des letzten Mülheimer Bergwerks, das am 29. Juli 1966 geschlossen wurde.

Punkt elf Uhr im Ehrenhof der 1966 geschlossenen Zeche im Gewerbegebiet am Förderturm: Die Sonne lacht, die Stimmung ist gut. Die Bergbaufans sind neugierig und wissbegierig. Lars van den Berg von der Arbeitsgemeinschaft Mülheimer Bergbau kann jede Frage beantworten. Er spricht über den Unterschied zwischen Streben, Flözen, Stollen und Schächten. „Die Flöze in Mülheim waren meist nur 80 Zentimeter dick, wesentlich dünner als im nördlichen Ruhrgebiet.“

Auf zur Markenausgabe

Gegen halb zwölf wandert der Besuchertross - viele ältere Herren, einige zeitlose Damen - über die Straße zur früheren Bergarbeitersidlung ein paar hundert Meter weiter. Dort ging es früher im „Frühtau zu Berge“ zur Frühschicht, mittags zur Mittagsschicht ,abends zur Spätschicht. Tag für Tag. „Die Bergarbeiter haben ihre Kumpel aus den Betten heraus gepfiffen, wenn sie an den Häusern ihrer Kumpel vorbeikamen“, weiß Fachmann van den Berg. Nach dem so genannten „Abpfiff“ gingen die Bergleute dann gemeinsam auf den Pütt, Zuerst zur Markenausgabe...

Dort spazieren die Besucher jetzt, gegen zwölf Uhr, hin. Die Markenausgabe steht noch, im Gegensatz zu den 1968 vorschnell abgerissenen Fördertürmen der Zeche „Rosenblumendelle“. Jeder Bergmann bekam hier seine Marke mit einer festgelegten, vierstelligen Zahl - entweder in viereckiger (Frühschicht), runder Mittagsschicht) oder (Spätschicht) Form.

In der Graukaue wurde sich umgezogen

Danach ging es in die Graukaue. Auch sie ist noch heute erhalten. Hier legten die Bergarbeiter ihre Alltagskluft ab, zogen die Bergarbeiterkluft an, duschten nach der Arbeit. Die Kleidung wurde in Körben an die Decke gezogen. „Spinde hätten bei mehreren tausend Arbeitern zuviel Platz eingenommen“, sagt Lars van den Berg. Der Leiter der „Bergbau-Expedition“ ist gegen halb eins mit seinen Besuchern wieder im Ehrenhof der Zeche angelangt.

Danach deckten sich die Kumpel im Magazin, das ebenfalls noch steht, mit allem Notwendigen ein: Lederkappe , später Helm, Schutzbrille, Ohrstöpsel gegen den Lärm, Grubenlampe, später Kopflampe, waren genauso verpflichtend wie feste Arbeitsschuhe mit Stahlkappen, Schienbeinschoner und ein tragbarer Luftfilter, der die Atmung bei Unfällen erleichterte.

Mit dem Seillift ging es viele hundert Meter tief

„Bei den berüchtigten Schlagwetterexplosionen entzündete sich nicht nur das in der Kohle gebundene Methan sondern auch der Kohlenstaub in der Luft und auf dem Boden unter Tage“, erläutert van den Berg. Manche „Püttologen“ nahmen auch Schnupftabak mit auf die Schicht. Denn Rauchen war unter Tage natürlich streng verboten. Und eine kräftige Prise hielt die Nase frei.

Dann ging es mit dem Seillift den Schacht hinunter, viele hundert Meter tief.

Besucher spendeten viel Applaus

Lars van den Berg ist Sohn eines Bergmanns. Klaus van den Berg arbeitete auf der Zeche Oberhausen-Altstaden. Sohn Lars zeigt jetzt alte Schwarz-Weiß- Fotos vom Mülheimer Pütt. Die Besucher sehen schwitzende Bergarbeiter bei der Arbeit, im Stollen oder Streb liegend, mit dem so genannten „Arschleder“ am Hintern, mit dem Presslufthammer in den Händen, die Gesichter kohlrabenschwarz und angestrengt.

Zum Schluss, um 13.30 Uhr, im Ehrenhof noch ein Blick auf die Energiezentrale, die das Bergwerk mit Druckluft, Dampf und Strom versorgte, auch auf den Gedenkstein an die letzte Mülheimer Zeche, an 380 Jahre Mülheimer Bergbaugeschichte. Nach 150 Minuten „Bergfahrt“ spenden die Besucher viel Applaus, sichtlich beeindruckt.