Alte Bilder neu entdeckt

Am Kiosk in den Ostruhranlagen Flöckchen und Sekt geholt

Den Kiosk in den Ruhranlagen kennen viele alte Mülheimer. Sie haben sich auch im Park getroffen, um dort Hochzeitsbilder zu machen.  

Den Kiosk in den Ruhranlagen kennen viele alte Mülheimer. Sie haben sich auch im Park getroffen, um dort Hochzeitsbilder zu machen.  

Foto: Bärbel Obermann

Mülheim.   Mülheimer Paare haben in den Ostruhranlagen Hochzeitsfotos gemacht. Grüner Park ersetzt ab 1879 den alten Kohlenhafen und dient der Naherholung.

Wir hatten bei diesem schönen Parkfoto auf mehr Zuschriften gehofft. Aber in diesem Fall gilt wohl das bekannte Sprichwort: „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Der Kiosk stand in den Ostruhranlagen, in Sichtweite des Stadtbades. Dort haben sich Generationen von Mülheimern getroffen, Eis, Flöckchen, Bier oder Sekt gekauft. Im Rücken des Fotografen befand sich eine Bushaltestelle.

„Mit diesem Foto treffen sie bei uns voll ins Schwarze. Nach unserer Standesamtlichen Trauung am 22. September 1965 waren wir zum Fotografieren in den Ruhranlagen. Das Bild haben wir bis heute im Rahmen gehütet“, schreiben Christel und Gerd Scholl.

„Außer uns haben viele Hochzeitspaare ihre Fotos in den Ruhranlagen anfertigen lassen. Anschließend haben sie sich an dem Kiosk ein Fläschchen Sekt gekauft. An dem Erfrischungsstand konnte man früher Getränke und kleine Speisen wie Bockwurst, Frikadellen, Soleier und Süßigkeiten kaufen. Ich besitze noch ein paar Ansichtskarten, die diesen Kiosk aus anderen Positionen zeigen“, berichtet der WAZ-Leser.

Immer mit Blick auf die Ruhr

„Viele Schüler trafen sich nach dem Schwimmunterricht am Kiosk, weil es da die Limonade ,Flöckchen’ und was zu essen gab. Der Betreiber dieses Rondells betrieb auch den Kiosk an der Anlegestelle Scheidsche Anlagen in Kettwig. Die Ruhranlagen müssen schon im 19 Jahrhundert entstanden sein. Es gab an der Stelle, wo heute der Stadthafen ist, das Parkhotel“, sagt Scholl.

Mit diesen Vermutungen liegt Gerd Scholl richtig. Wo heute ein Minihafen und plattierte Wege die Promenade am Ruhrquartier bilden, flanierten die Mülheimer früher durch eine grüne Parkanlage – immer mit Blick auf die Ruhr. Das zeigen mehrere Postkarten aus verschiedenen Jahrzehnten.

Es war wohl der Weitsicht des damaligen Bürgermeisters Karl von Bock und Pollach zu verdanken, der seine Idee für einen Park am Fluss mit dem von ihm geführten Verschönerungsverein durchsetzte. 1879 begannen die Gestaltungsarbeiten, erste Bäume wurden entlang des Ufers gepflanzt.

Dort wo bis in die 1870er Jahre Kohlenschiffe mit „Schwarzem Gold“ aus örtlichen Zechen beladen wurden, entstand der Grüngürtel – schon damals ein Zeichen des Strukturwandels. Als die Eisenbahn 1862 und 1866 mit zwei Strecken durch die Stadt rasant Fahrt aufnahm, begann der Niedergang der Kohlenschifffahrt auf der Ruhr. Erholung statt Industrie wiederholte sich in Mülheim. Von 1925 bis 1927 musste der Schlachthof auf dem Wasserbahnhof auf der Schleuseninsel weichen. Ab 1988 wichen stadtnahe Brachen und Schrottplätze dem Müga-Park für die Landesgartenschau 1992.

Bürgerproteste retten Park nicht

Die Mülheimer schufen vor 140 Jahren am Ruhrufer Raum für ihre Naherholung. Urlaub in fernen Ländern konnte fast keiner bezahlen. Dafür grüßten zu Kaisers Zeiten in den Ostruhranlagen Kaiser Wilhelm I., Reichskanzler Otto von Bismarck und Königin Luise von einer Büste die Spaziergänger.

„Der Zweck der Ruhranlagen ist – ihrer Lage nach im am engsten bebauten Stadtteil und so ungefähr in der Mitte der Stadt – zweifellos möglichst vielen Menschen Erholung durch Spaziergänge im Grünen zu verschaffen“, schrieb 1914 die Mülheimer Zeitung. Das Stadtbad war gerade zwei Jahre jung, und das Rathaus folgte bis 1916. Ab den 1960ern trennte die fünfspurige Ruhrstraße die Stadtmitte vom Fluss. Autolärm brachte im Park keine Erholung mehr. Vor zehn Jahren kamen Bagger und räumten alles weg. Bürgerproteste retteten die Grünanlage nicht. Viele Mülheimer trauerten um alte Bäume.

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