Jugendzentrum

Ära endet im Jugendzentrum: Richard Grohsmann geht in Rente

Richard Grohsmann, Leiter des Jugendzentrums Stadtmitte in Mülheim, beim Abschiedsinterview. Mehr als 38 Jahre lang hat der Diplom-Sozialpädagoge hier gearbeitet, jetzt naht der Ruhestand.

Richard Grohsmann, Leiter des Jugendzentrums Stadtmitte in Mülheim, beim Abschiedsinterview. Mehr als 38 Jahre lang hat der Diplom-Sozialpädagoge hier gearbeitet, jetzt naht der Ruhestand.

Foto: Frank Oppitz / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Seit Anfang der Achtziger leitet Richard Grohsmann das Jugendzentrum Stadtmitte in Mülheim. Nun verabschiedet sich der Mann mit dem grauen Zopf.

Schon als Schüler hat Richard Grohsmann (fast 65) viel Zeit im Jugendzentrum Stadtmitte verbracht. Seit 1982 war er Leiter des Hauses. Am 1. Januar geht „Richie“ in Rente - so richtig vorstellen kann man sich das noch nicht. . .

Sie haben für den 6. Dezember zur Abschiedsparty eingeladen. Gibt es denn Grund zu feiern?

Ich verabschiede mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zur Feier habe ich viele Leute eingeladen, die ich von früher kenne, aus der Politik oder privat. Da können wir uns gemeinsam an alte Zeiten erinnern, darauf freue ich mich.

Angenommen, Sie könnten für den Abend eine beliebige Liveband buchen, Aufwand und Geld spielen keine Rolle: Wen würden Sie im Jugendzentrum auftreten lassen?

Simply Red. Den finde ich unheimlich gut. Oder Deep Purple, aber die gibt es ja in der alten Besetzung nicht mehr.

Selber aufgewachsen in Eppinghofen

Sie sind selber in Eppinghofen aufgewachsen und haben schon als Schüler das Jugendzentrum an der Georgstraße besucht, in dem sie seit 1981 arbeiten. Wie soll das funktionieren, hier plötzlich nicht mehr ein- und auszugehen?

Ich werde ja sicher noch häufiger hierher kommen. Nur nicht mehr jeden Tag.

Wenn Sie zurückblicken, auf zwei, drei Generationen von Jugendlichen: Was hat sich in Ihrer Arbeit am stärksten verändert?

Einen wirklich grundlegenden Wandel hat die Digitalisierung gebracht. Wir haben Computer angeschafft, auch für die Besucher. Außerdem kamen früher in der überwiegenden Mehrheit deutsche Jugendliche hierher, heute haben 90 Prozent einen Migrationshintergrund.

Wenn Sie in Rente gehen, soll ja wieder ein männlicher Mitarbeiter eingestellt werden. Waren Sie immer speziell Ansprechpartner für die Jungs?

Früher haben wir hier geschlechtsspezifische Angebote gemacht: Jungengruppen, die ich geleitet habe, und Mädchengruppen. Es gab jahrelang auch ein Jungenkulturfestival in Mülheim und eines für Mädchen, jetzt aber nicht mehr.

Grohsmann: Festivals waren extrem arbeitsintensiv

Warum nicht?

Solche Angebote sind immer abhängig vom Interesse. Die Festivals wurden organisiert von der AGOT und waren extrem arbeitsintensiv. Ich habe aber immer festgestellt: Jungen brauchen männliche Bezugspersonen, mit denen sie sich auch mal messen können. Einigen Kindern und Jugendlichen, die zu uns kommen, fehlen solche Bezugspersonen.

Vor etwa acht Jahren, als um den Schulstandort Bruchstraße gekämpft wurde, waren Sie Sprecher des Bündnisses und haben den Bürgerentscheid maßgeblich mit organisiert. Ihre Sorge war, dass eine Schließung der Hauptschule im Stadtteil ein tiefes Loch reißen könnte. Hat sich diese Befürchtung bestätigt?

Nein. Den Schulstandort gibt es ja weiterhin. Wir arbeiten auch eng mit der Grundschule Zunftmeisterstraße und der Realschule Mellinghofer Straße zusammen. Übrigens besuchen auch Gymnasiasten unser Jugendzentrum.

Immer mehr Kinder kommen mit Bildungsgutscheinen

Kinderarmut hat sich in jüngster Zeit in Mülheim zum großen Thema entwickelt. Sie arbeiten seit fast 40 Jahren an der Basis - hat sich das Problem verschärft?

Gerade Eppinghofen ist ein Stadtteil, in dem viele Leute sozial benachteiligt sind. Das war früher auch schon so. Aber was uns auffällt: Bei unseren Ferienspielen im letzten Sommer gab es so viele Teilnehmer mit Bildungsgutscheinen wie nie zuvor. Diese Gutscheine müsste es für Familien, die Sozialleistungen beziehen, automatisch geben, ohne bürokratischen Aufwand.

Wären Sie gerne noch einmal jung, in der heutigen Zeit?

Nein. Ich möchte nicht erleben, was auf uns zukommt - Klimakatastrophe, totale Überwachung mit Hilfe der digitalen Technik. Ich habe selber die 68er-Bewegung bewusst miterlebt, als die Jugend aufgestanden ist gegen Rituale und Normen. Heute ist es wieder so, wenn ich die Fridays-For-Future-Aktionen sehe. Das finde ich gut. Darauf habe ich lange gewartet.

Sie sind langjähriges Mitglied der Grünen. Werden Sie sich künftig in der Politik stärker engagieren.

Ja, das möchte ich gerne. Bisher hat mir oft die Zeit gefehlt.

Als Rentner Osteuropa bereisen - mit dem Kreuzfahrtschiff

Haben Sie schon Pläne für die nächsten Wochen oder Monate?

Verreisen. Vor allem beschäftigt mich der Osten: Jetzt ist es 30 Jahre her, seit die Mauer gefallen ist, aber ich habe immer noch keine Vorstellung davon, wie es im Osten Europas aussieht. Meine Idee war eigentlich, mit dem Auto um die ganze Ostsee zu fahren, aber das ist bürokratisch schwierig. Jetzt werde ich eine Ostsee-Kreuzfahrt machen, da braucht man kein Visum.

Wie lässt sich denn eine Kreuzfahrt mit Ihrem ökologischen Gewissen vereinbaren?

Hurtigruten hat ja jetzt das erste Kreuzfahrtschiff mit Elektromotor im Einsatz.

Auf der Ostsee?

Nein. Aber selbst als Grüner sollte man nicht alles verteufeln. Fahrzeuge und Schiffe müssen sauberer werden.

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