Symposium

48 Stunden Stromausfall – Mülheim hätte ein ernstes Problem

IT-Experte Matteo Cagnazzo deckt Sicherheitslücken in Unternehmen auf: Viele machen es Hackern zu leicht, zeigte er in der Wolfsburg live am Computer. Auch Stromkonzerne und Kernkraftwerke können betroffen sein.

IT-Experte Matteo Cagnazzo deckt Sicherheitslücken in Unternehmen auf: Viele machen es Hackern zu leicht, zeigte er in der Wolfsburg live am Computer. Auch Stromkonzerne und Kernkraftwerke können betroffen sein.

Foto: Martin Möller

Mülheim.   Ohne Heizung, Telefon, Benzin: Bei flächendeckendem Stromausfall droht nach 48 Stunden die Krise. In der Mülheimer Wolfsburg tagten Experten.

Erst gehen die Lichter und die Heizung aus, der Herd bleibt kalt, der Kühlschrank warm, Verkehrsampeln grau, Handys stumm. In den Krankenhäusern, bei der Polizei und Feuerwehr starten Dieselnotstromaggregate. Noch laufen ihre Geräte und Fahrzeuge. Nach 48 Stunden spätestens aber ist derzeit bei vielen kommunalen Institutionen Schicht, auch Tanksäulen liefern dann keinen Sprit für die Generatoren mehr. Was dann?

24 Stromausfälle sind in Deutschland aktuell gemeldet, die Hälfte davon in NRW, und die meisten dauern nur kurz. Wie gut aber ist das Ruhrgebiet, wie gut ist Mülheim auf einen langen Stromausfall vorbereitet? Die Antwort lieferte am Donnerstag ein Symposium in der Wolfsburg mit Polizei, Feuerwehr, kommunalen Vertretern und einem Hacker. Fazit: Es gibt Luft nach oben.

Was bedeutet Stromausfall für die innere Sicherheit?

„Wir sind dabei, herauszufinden, was ein Stromausfall für die innere Sicherheit bedeutet, spielen Szenarien durch“, versichert der Essener Polizeipräsident Frank Richter auf dem Symposium. Das fängt beim digitalen Funknetz – der Batteriepuffer hält auch bei Polizei und Rettungsdienst nur wenige Stunden – und bei der Verkehrssicherheit an. Und hört beim Schutz vor Plünderungen, bei der Versorgung von Kranken, die zu Hause auf Strom angewiesen sind, nicht auf.

Berlin-Köpenick erlebte im Februar einen solchen Fall: 30.000 Haushalte waren für knapp anderthalb Tage ohne Strom. Das Ruhrgebiet als Ballungsraum stellt Polizei und Feuerwehr vor Herausforderungen, macht Richter deutlich, gerade hier sind in der Vergangenheit Ressourcen abgebaut worden. „Wir sind aber die ersten, die in einem solchen Fall angerufen werden.“

„Unsere Großeltern hätten wohl über ein paar Stunden ohne Strom gelacht“

Für den stellvertretenden Leiter der Mülheimer Berufsfeuerwehr, Sven Werner, fängt die Krise bereits nach 1,5 Stunden an. Dann treffen erste Notrufe ein – wenn das Telefon noch geht. Nicht immer herrscht Not, mancher beschwert sich, dass die Lebensmittel im Kühlschrank vergammeln. „Unsere Großeltern hätten wohl über ein paar Stunden ohne Strom gelacht. Unsere hochtechnische Gesellschaft ist aber extrem anfällig für Stromausfälle. Und wir sind gewohnt, dass alles funktioniert“, mahnt Werner zu mehr privater Vorsorge: Gaskocher, Nudeln, Reis, Batterien, Kerzen sollten im Haushalt vorhanden sein.

Denn die Feuerwehr muss abwägen, ihre kleinen Stromversorger können nur punktuell arbeiten, wo ansonsten Lebensgefahr droht. „Wir können den Stromversorger nicht ersetzen.“

Viele gehen zu sorglos mit ihren Daten um

In Berlin säbelte ein Bagger die Leitung durch, was aber, wenn Hacker Netze oder Ämter lahmlegen? Matteo Cagnazzo ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das sich auf das Finden von IT-Sicherheitslücken spezialisiert hat. Er zeigt, wie leicht man etwa auf eine Webbox kommt, die Solar-Anlagen steuert – nicht selten mit dem voreingestellten Standardpasswort oder mit Programmen, die tagelang ein Passwort nach dem anderen austesten. Und: Viele gehen zu sorglos mit ihren Daten um. Unter „#boardingcard“ posten etwa Menschen ihre Flugtickets. Dabei lassen sich alle Daten inklusive QR-Code ablesen, mit denen Hacker sich anschließend bei der Fluggesellschaft einloggen, um an weitere Daten wie Anschrift, Bankdaten zu kommen oder sogar den Flug umzubuchen.

Oft sind wichtige Daten im Bildhintergrund versteckt, Passwörter an Pinwänden etwa, Adressdaten auf fotografierten Arbeitsplätzen. Cagnazzo rät, Fotos auf sensible Inhalte zu betrachten: „Sie sollten nicht die am tiefsten hängende Frucht am Baum sein.“

>> HACKER-ANGRIFFE BEDROHEN HOSPITÄLER

Von einem Hacker-Angriff auf das Lukaskrankenhaus Neuss berichtete der Geschäftsführer Nicolas Krämer: „Früher war die Digitalisierung eine Chance, heute ist sie auch ein Risiko.“

Großer Unsicherheitsfaktor sei nach wie vor der Mensch. Das Krankenhaus schränkte daraufhin den Internetzugang ein. Danach gab es Beschwerden der Ärzte.

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