Diskussion um Impfpflicht

Moers: Das sagen Geistliche und Politiker zur Impfpflicht

| Lesedauer: 8 Minuten
Sollte es eine allgemeine Impfpflicht geben. Geistliche und Politiker aus Moers und Umgebung sagen dazu ihre Meinung.

Sollte es eine allgemeine Impfpflicht geben. Geistliche und Politiker aus Moers und Umgebung sagen dazu ihre Meinung.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Moers/Niederrhein.  Die Coronalage spitzt sich zu. Ist die allgemeine Impfpflicht eine Option? Geistliche und Politiker aus Moers und Umgebung sagen ihre Meinung.

Die vierte Corona-Welle hat das Land erfasst. Die Zahl der Toten und Erkrankten steigt, es gibt fast täglich mehr Infizierte. Erneut sind Einschränkungen des öffentlichen Lebens und persönlicher Freiheiten beschlossen worden. Es wird zwar geboostert, aber die Grundimmunisierung stagniert. In der sich zuspitzenden Situation wird der Ruf nach einer allgemeinen Impfpflicht lauter. Die Redaktion hat dazu Geistliche und Bundespolitiker vom Niederrhein befragt: Was halten Sie von einer Impfpflicht?

Ausnahmeregelung in einer Ausnahmesituation um diese Ausnahmesituation zu beenden

Wolfram Syben, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Moers

„Da für uns die freie Entscheidung des/der Einzelnen zu Recht einen immens hohen Rang innehat, fand ich es vollkommen richtig, in den langen Monaten bis hierher freiwillig zur Impfung einzuladen, dafür zu werben, darüber zu informieren und sie kostenfrei für alle zur Verfügung zu stellen. Mein Eindruck ist, dass dieser Weg auch sehr intensiv abgeschritten worden ist.

In der sich nun dramatisch zuspitzenden Lage scheint in unserem Land dieser Weg des guten Bemühens, des Werbens um Verständnis, um Solidarität und Einsicht aber dem großen Ziel des möglichst weitreichenden Schutzes gerade für die Verletzlichsten unter uns nicht mehr näher zu bringen. Es scheint, dass unsere Möglichkeiten hier im Wesentlichen ausgeschöpft sind, und wir befinden uns nun in einer neuen, hoch dramatischen Situation, in der in unserem Land notwendige Operationen wieder verschoben müssen, in der Menschen sterben, die gerettet werden könnten, in der Menschen ihre Arbeit verlieren, weil ihre Berufsausübung eingeschränkt oder gar untersagt wird.

Wir sind in einer neuen – vermeidbaren! – Not. Durch mein eigenes Verhalten daran mitzuwirken, dass diese Not verkleinert und am besten überwunden wird, halte ich für ein konkretes Gebot der Nächstenliebe. Dies umfasst sowohl den Einsatz für alle Erkrankten sowie alle Vorsichtsmaßnahmen, die helfen, weitere Infektionen zu vermeiden. In der Stunde der Not halte ich es auch für einen Akt der Nächstenliebe, sich zum eigenen Schutz und zum Schutz meiner Mitmenschen impfen zu lassen, insofern dies medizinisch möglich ist. Mein Wunsch und meine Hoffnung wären hier, dass viele aus dem leider noch viel zu großen Anteil unserer Bevölkerung, der noch nicht geimpft ist, diesen Schritt nun umgehend tun. Die Möglichkeiten sind ja da. Das wäre das Allerbeste. Es ist eine Pflicht der Liebe. Geschieht dies aber weiterhin nicht, habe ich als äußerstes Mittel Verständnis dafür, zum Schutz der Allgemeinheit eine Verpflichtung zur Impfung gegen diese Seuche der Corona-Infektion vorzusehen. Dies wäre eine Ausnahmeregelung in einer Ausnahmesituation mit dem Ziel, genau diese Ausnahmesituation zu beenden.“

Wenn alle Angebote, Argumente und Appelle nicht reichen, bin ich für die Impfpflicht

Herbert Werth, Pfarrer der Kirchengemeinde St. Josef Moers und Dechant des Dekanats Moers, Kamp-Lintfort, Rheinberg:

„Sich impfen zu lassen, ist aus christlicher Sicht eine gesellschaftlich solidarische Verpflichtung, ein Akt der Nächstenliebe – insbesondere gegenüber denjenigen, die erkrankt sind, die sich nicht selber schützen können und auch gegenüber all jenen, die in der Pflege arbeiten und Unglaubliches leisten. Wir werden diese Seuche nur besiegen, wenn sich genügend Menschen impfen lassen, und ich hatte fest damit gerechnet, dass es genügend Menschen tun würden. Aber wenn alle Angebote, Argumente und Appelle nicht reichen, dann bin ich für die allgemeine Impfpflicht. So haben wir auch die Pocken besiegt. Es kann nicht sein, dass sich immer wieder alle einschränken müssen, weil sich einige wenige nicht impfen lassen. Dass die vierte Welle so durchschlagen würde, habe ich nicht für möglich gehalten. Ich will keine fünfte Welle.“

Die Impfpflicht würde das mildere Mittel gegenüber Maßnahmen wie Lockdowns sein

Ulle Schauws, Bundestagsabgeordnete der Grünen:

„Die Frage nach einer allgemeinen Impfpflicht kann und darf nicht leichten Herzens getroffen werden, denn die Impfpflicht bedeutet einen Eingriff in die Grundrechte jedes einzelnen Menschen. Mit Blick auf das derzeitige und auch weitere Pandemiegeschehen im Frühjahr und Herbst nächsten Jahres kann eine allgemeine Impflicht aber geeignet sein, die nötigen Impfquoten zu erreichen und die Pandemie endlich einzudämmen. Infektionen nehmen exponentiell zu, die Belastung unseres Gesundheitswesens ist erheblich und erreicht schon jetzt Grenzen. Weiterhin sind Kinder und Menschen schutzloser, weil sie (noch) nicht geimpft werden können. Dauerhaft werden wir der Pandemie nur durch mehr Impfungen beikommen. Uns stehen sichere und wirksame Impfstoffe zur Verfügung, die zuverlässig vor schweren Erkrankungen schützen. Die erreichte Impfquote (aktuell 79 Prozent) reicht nicht, um wirksam schwere Infektionswellen zu verhindern. Dazu kommen viele Menschen, für die jetzt oder in nächster Zeit eine dritte Impfung empfohlen ist. Eine allgemeine Pflicht zur Impfung für Erwachsene würde das mildere Mittel gegenüber Maßnahmen wie wiederkehrenden Lockdowns mit Kontaktbeschränkungen darstellen, deren Folgen in sozialer und ökonomischer Hinsicht gravierend sind. Auch eine einrichtungsbezogene Impfpflicht ist notwendig, um vulnerable Personen in Einrichtungen wie der Alten- und Krankenpflege noch besser zu schützen.“

Eine allgemeine Impfpflicht hilft nicht, die vierte Pandemie-Welle zu brechen

Kerstin Radomski, Bundestagsabgeordnete der CDU:

„Angesichts der hohen Infektionszahlen verstehe ich die Debatte um die noch zu niedrige Impfquote und auch weitergehende Gedanken. Eine von manchen geforderte allgemeine Impfpflicht hilft jedoch nicht, die vierte Pandemie-Welle in unserem Land zu brechen. Eine solche Pflicht muss vor allem noch eingehender rechtlich geprüft werden. Es sollte generell noch stärker für das Impfen geworben werden.“

Eine öffentliche Diskussion um eine Impfpflicht ist nötig

Jan Dieren, Bundestagsabgeordneter der SPD

„Wir alle können dazu beitragen, Infektionsketten zu brechen, indem wir uns weiterhin schützen, unsere Kontakte mit anderen auf das Nötigste beschränken und uns impfen, wenn wir es können. Das schützt vor allem Kinder und Erwachsene, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen können. Maßnahmen, die die Verbreitung des Virus eindämmen, reichen allerdings heute schon nicht mehr. Denn durch die Delta-Variante sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir die Ausbreitung des Virus nicht mehr durch Kontaktbeschränkungen stoppen, sondern allenfalls verlangsamen können. Der einzig möglich Weg, um langfristig einen Umgang mit Corona zu finden, ist eine flächendeckende Immunisierung. Die erreichen wir durch eine Durchseuchung – die viele schweren Erkrankungen und Tote hervorbringen würde – oder eine sehr hohe Impfquote. Daher begrüße ich die nun angestoßene Debatte zur Frage einer branchenbezogenen oder allgemeinen Impfpflicht ausdrücklich. All diejenigen, die sich eine Impfentscheidung nicht leicht machen, kann ich gut verstehen. Ich selbst habe mir darüber vorher auch Gedanken gemacht. Diese Bedenken können wir nicht einfach vom Tisch wischen, sondern müssen uns ernsthaft damit auseinandersetzen. Gerade deshalb ist eine öffentliche Diskussion um eine Impfpflicht nötig. Eine solche Diskussion kann aber nur dann Menschen überzeugen, wenn man das Ergebnis nicht vorwegnimmt. Am Ende stehen wir aber vor der Entscheidung, was uns wichtiger ist: Die Gesundheit und das Leben vieler Tausend Menschen oder die Freiheit derjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen. Diese Entscheidung müssen wir gemeinsam treffen.“

Die vierte Corona-Welle hat das Land erfasst. Die Zahl der Erkrankten und Toten steigt, erneut kommt es zu Einschränkungen des öffentlichen Lebens und persönlicher Freiheiten. Gleichzeitig stagniert die Impfquote. Kann die allgemeine Impfpflicht helfen, wenigstens die fünfte Welle zu verhindern? Ist solch ein Eingriff verantwortbar? Schreiben Sie uns: NRZ, Homberger Straße 4, 47441 Moers; lok.moers@nrz.de.

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