Pflege daheim

Moers: Bis zuletzt in den eigenen vier Wänden sein

Diakonie-Mitarbeiterin Birgit vom Ufer (l.) und Bethanien-Schüler David Völling legen Patientin Karin Bange in ihrem Wohnzimmer einen beinwickel an.

Diakonie-Mitarbeiterin Birgit vom Ufer (l.) und Bethanien-Schüler David Völling legen Patientin Karin Bange in ihrem Wohnzimmer einen beinwickel an.

Foto: Volker Herold

Moers.   Für Dagmar Balluff von der Grafschafter Diakonie ist die Pflege daheim ein Thema, seit sie 1986 in den Dienst gekommen ist - ein NRZ-Interview.

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Bis zuletzt in den eigenen vier Wänden sein: Das ist der Wunsch von vielen Menschen. Dagmar Balluff von der zentralen Pflegedienstleitung bei der Diakonie kennt diesen Wunsch – und weiß, wie schwer es manchmal ist, ihn umzusetzen.

Seit wann bieten Sie ambulante Pflege und Betreuung an?

Dagmar Balluff: Die Diakoniestationen der Grafschafter Diakonie – ambulante Pflege gibt es seit dem 1. Januar 1979.

Was war der Grund, dieses Angebot zu machen?

Die Fürsorge für Schwache und Kranke ist ein Wesensmerkmal der Kirche. Mit unseren Diakoniestationen wird dieses gelebt. Viele Menschen wünschen sich auch im Alter, bei Krankheit oder im letzten Lebensabschnitt zuhause in ihrer vertrauten Umgebung bleiben zu können. Das wollen wir mit unserem Angebot ermöglichen. Die Menschen können so ihren Alltag weiterhin nach ihren Möglichkeiten selbst bestimmen und mit Angehörigen und Freunden am „normalen“ Leben teilhaben.

Wie hat sich das Interesse an diesem Angebot entwickelt?

Als ich im Jahr 1986 meinen Dienst als Gemeindeschwester in der ambulanten Pflege begann, gab es noch nicht so viele Menschen, die alleine in einem Haushalt lebten, wie heute. Man lebte überwiegend im Familienverbund. So konnten kleine Hilfen im Alltag durch die Familie oder andere in der Nähe wohnende Angehörige übernommen werden. Wer heute im Alter alleine lebt, benötigt mehr Dienstleistungen von Außen. Die demografische Entwicklung zeigt uns, dass dieser Bedarf stetig wächst. Dieser Situation versuchen wir gerecht zu werden. Dafür gehören zu den Teams in den Diakoniestationen neben den Fachkräften für Alten- und Krankenpflege zum Beispiel auch geschulte Alltagsbegleiterinnen und Haushaltshilfen.

Was bedeutet es für die Menschen, in ihren eigenen vier Wänden gepflegt zu werden?

Dass die Menschen selbstbestimmt und weitgehend selbstständig im eigenen Haushalt leben können und nur in den Bereichen Unterstützung erhalten, in denen es wirklich nötig ist. Sie können weiterhin Kontakte zu Angehörigen und nahestehenden Menschen pflegen. Außerdem arbeiten unsere Diakoniestationen mit einem Netzwerk ergänzender Hilfen zusammen. Das heißt, sie vermitteln bei Bedarf Unterstützung etwa durch einen Hausnotruf, stellen den Kontakt zu einer Versorgung durch Essen auf Rädern, zu Fahrdiensten oder Krankengymnastik her.

Wie hoch ist der Kostendruck für die Anbieter?

Um viele Menschen an verschiedenen Orten gleichzeitig versorgen zu können, sind unsere Mitarbeiter vor allem in den Morgenstunden, dann wieder in der Mittags- und Abendzeit auf ihren Touren unterwegs. Die entstehenden „Leerlaufzeiten“ müssen aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll gefüllt sein. Die Mitarbeiter möchten verständlicherweise nicht nur Teildienste leisten. Diese Interessen in Einklang zu bringen, bedeutet für uns eine Herausforderung.

Bleibt genug Zeit, die Menschen angemessen zu betreuen?

Wir erledigen unsere Aufgaben ohne Zeitdruck. Die Zuwendung von Angehörigen oder nahe stehenden Menschen können wir selbstverständlich nicht ersetzen. Wir legen jedoch großen Wert darauf, dass unsere Pflegekräfte viel mit ihren Patienten sprechen. So kann bei den Pflegebesuchen ein guter Kontakt entstehen. Regelmäßig holen wir die Patienten auch zu Patienten-Festen in unseren Diakoniestationen ab, zu denen auch Angehörige und Freunde eingeladen sind. So können zum Beispiel alleine Lebende einmal unter die Leute kommen.

Wie hat die Pflegereform seit Jahresbeginn die Situation verändert?

Es kann Zeit eingekauft werden. Beispiele hierfür sind: Begleitung bei Sparziergängen oder zu Verwandten, Theaterbesuche, Gesellschaft leisten bei Spielen, Unterstützung beim Hobby, bei der Kontaktpflege zu Freunden, Nachbarn und Angehörigen, auch die schlichte Anwesenheit einer Betreuungsperson, um etwa bei demenzerkrankten Patienten und ihren Angehörigen Sicherheit zu vermitteln sowie von Hilfe im Haushalt und dem Organisieren von finanziellen Angelegenheiten. Das bedeutet eine sehr gute Ergänzung zu den bisherigen Leistungen. Positiv ist auch zu beurteilen, dass die Einstufung in die jetzigen Pflegegrade nicht mehr an den Defiziten orientiert geschieht. Im Fokus steht vielmehr die Selbstständigkeit. Die Frage lautet: Welche Hilfsmittel können eingesetzt werden, damit der Patient ein möglichst selbstständiges Leben führen kann?

Wird die Reform der aktuellen Situation besser gerecht?

Es ist mehr Geld für die Versorgung vorhanden, das ist positiv. In Zukunft könnte aber der demografische Wandel dafür sorgen, dass benötigte Mitarbeiter fehlen. Gleichzeitig wird in unserer alternden Gesellschaft der Pflegebedarf steigen. Damit auch künftig genügend Menschen im Pflegebereich arbeiten, ist es wichtig, dass die Berufe in der Alten- und Krankenpflege in der Gesellschaft eine Aufwertung erfahren.

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