Heilpraktiker-Prozess

Ex-Heiler nach drei Todesfällen: "Habe sauber gearbeitet"

Klaus Walter R. vor dem Landgericht Krefeld.

Klaus Walter R. vor dem Landgericht Krefeld.

Foto: Lars Heidrich/FUNKE Foto Services

Krefeld/Moers.  Drei Patienten starben bei den Experimenten eines Heilpraktikers aus Moers. Der sieht zum Prozessauftakt keine Probleme in seiner "Methodik".

Seit zweieinhalb Jahren grübelt Klaus R. jede Nacht, wieso drei Menschen sterben konnten in und an seiner Behandlung. Wie es passieren konnte, dass er als Heilpraktiker ein für die Krebstherapie gedachtes Mittel deutlich zu hoch dosierte, so lautet die Anklage, dass seine drei Patienten Gehirnödeme und -einklemmungen erlitten, weil ihr Hirn anschwoll. Warum mussten sie über Tage mit Schaum vor dem Mund, mit rollenden Augen, an Lähmungen und Sprachausfällen leiden? Eine vierte Patientin entging offenbar knapp dem Tode. Die unerklärlichen Ereignisse tun ihm „sehr leid“, doch trotz aller Schuldgefühle kommt der ehemalige Heiler aus Moers am Freitag vor dem Landgericht Krefeld zu dem Schluss: „Ich habe ein gutes Gefühl, dass ich immer sicher und sauber gearbeitet habe.“

Mit weißem Haar und roten Wangen hätte der 61-Jährige bei jedem Bundespräsidenten-Imitatoren-Wettbewerb die besten Chancen. Auch wenn seine Hände miteinander ringen und der übers Kinn gelegte Finger nervös zuckt, spricht eine Gewissheit aus ihm, die in starkem Kontrast steht zu seinem offenbar kaum vorhandenen medizinischen Fachwissen.

Der studierte Ingenieur aus Moers stieg 2014 beim „Biologischen Krebszentrum“ in Bracht als medizinischer Leiter ein - obwohl er sich zuvor auf Ohr-Akupunktur und Cranio-Sacral-Therapie, wo mit Handgriffen gearbeitet wird, spezialisiert hatte. „Die Punkte, die ich in meiner Ausbildung gelernt hatte, sind hier hintenüber gefallen“, gibt er zu auf Nachfragen des Vorsitzenden Richters Johannes Hochgürtel. Über Krebstherapien mit Kurkuma und Vitamin C habe er sich in Wochenendseminaren informiert, doch bereits zum dritten „bin ich nicht gekommen“. Er habe danach viele Seminare und Kongresse besucht, sagt R., wo er 2015 zum Beispiel „erfuhr, was ein Port ist“ (ein ständiger Zugang für Infusionen) — absolutes Basiswissen.

Debatte über stärkere Regulierung

Da leitete er schon die „Klinik“ in Bracht, so nannten sie intern das Haus, in das vor allem Krebspatienten aus den Benelux-Ländern ihre Hoffnungen setzten. Es war deswegen so beliebt bei ihnen, weil im Nachbarland Heilpraktiker deutlich weniger dürfen als in Deutschland. Auch deshalb entzündet sich an dem Prozess erneut die Debatte, ob die Branche nicht deutlich stärker zu regulieren, die Ausbildung zu reformieren sei. Heilpraktikerverbände sprechen indes von einem Einzelfall und wehren sich gegen „Sippenhaft“.

Klaus R. begann im Frühjahr 2015 mit 3-Bromopyruvat (3BP) zu experimentieren, einem wissenschaftlich kaum erforschten Stoff, der in der Theorie die Energie-Zufuhr von Krebszellen in Form von Glucose hemmen soll. Den Anstoß gab Daniel S., ein Niederländer, der sich aufgrund der Krebserkrankung seiner Frau zum „Experten“ entwickelte. „Auf seiner Internetseite habe ich mich schlau gemacht“, berichtet R. Eine wissenschaftliche Studie von 2013 zur Gefahr, dass der Stoff in hohen Dosen abrupt die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann, ging an ihm vorbei. Doch der tödlichen Gefahr bei Überdosierung sei er sich aufgrund anderer Berichte bewusst gewesen, gibt R. zu Protokoll.

Beflissen redet er, spricht immer wieder „vom Wohle der Patienten“, das ihm am Herzen lag. Und tatsächlich ging er stark auf ihre Wünsche ein: Verlangten sie eine Erhöhung der Dosis, erhöhte er sie in einigen Fällen - „aber nicht über 3 Milligramm pro Kilo Körpergewicht“. Oder er gab ihnen den Stoff, den er ausschließlich über Daniel S. bezog, als Wochenendration mit zur Selbsteinnahme. Ein Patient mit Zungentumor soll sich das Pulver stets selbst appliziert haben. „Ich habe nur das weitergegeben, was ich verantworten konnte“, sagt R. Diese experimentelle Therapie sei schließlich zur Hauptattraktion seines Zentrums geworden, das er inzwischen alleinig führte. 9900 Euro zahlten die in aller Regel austherapierten Patienten pauschal für ihre letzte Hoffnung, eine Zehn-Wochen-Behandlung.

Biologisch ist ein weiter Begriff für den ehemaligen Heilpraktiker

3BP bewarb R. auf seiner Internetseite als „100 Prozent biologisch“. Tatsächlich handelt es sich um einen synthetischen Stoff, was R. auch weiß, er schreibt ihm aber „eine biologische Funktionsweise“ zu. „Nach meinem Kenntnisstand ist es ein Zellgift“, betont Richter Hochgürtel. „Das sehe ich anders“, widerspricht R. selbstgewiss, „es unterbindet nur den Stoffwechsel in der Zelle. Da wird nichts zerstört.“ Eine verworrene Glaubensäußerung, denn das Ziel der Therapie ist ja die Zerstörung von Tumorzellen.

R. war nicht der einzige Heilpraktiker in Deutschland, der Experimente mit 3BP anbot. Ob das erlaubt war, das muss dieser Prozess in zehn Verhandlungstagen bis Ende Juni klären. Der Stoff selbst ist bis heute nicht verboten, möglicherweise hat R. jedoch unzulässig ein Medikament daraus hergestellt. Jedenfalls schritt kein Gesundheitsamt ein. Die Folgen waren fatal.

Erste Patientin starb vier Tage nach der Gabe von BP3

Bereits nach der ersten Gabe von BP3 erbricht sich die erste Patientin am 26. Juli, eine 43-jährige Niederländerin. Sie bekommt dennoch eine zweite. Ihr Mann muss sie zum Campingplatz fahren, wo sie erneut erbricht und am Morgen mit Koordinationsschwierigkeiten erwacht. Sie kann nur noch Tippelschritte machen, kommt ins Krankenhaus, die Zunge hängt ihr aus dem Mund, die Augenkontrolle ist gestört, liest die Staatsanwältin monoton aus der Anklage vor. Am vierten Tag stirbt sie gegen Mittag.

Ihre Dosis soll mehr als das sechsfache des geplanten Wertes betragen haben. Einer Belgierin (55) erging es ähnlich. Auch sei bekam noch eine zweite Infusion, obwohl sie zuvor auf dem Weg zum Klo fast ohnmächtig wurde. Ein 55-Jähriger Holländer brach die Behandlung nach einem Viertel der zweiten Infusion ab, weil er die Probleme der beiden anderen Patientinnen beobachtet hatte. Es half ihm nicht mehr.

Klaus R. dagegen nahm diese Symptome zunächst als normal hin, da es auch bei der Gabe von Kurkuma und Vitamin C. manchmal zu Übelkeit gekommen sei. „Ich habe gearbeitet, wie ich immer gearbeitet habe - und es gab nie Komplikationen.“ Diese Argumentation zieht sich durch bei ihm, auch wenn er sagt: „In meiner Methodik sehe ich den Fehler nicht. Auch nicht in der Waage.“ Die hatte er im April 2016 extra neu gekauft, „weil sie keine Ritzen in der Tastatur hat und hygienischer war.“ Der Hersteller weist allerdings in der Bedienungsanleitung daraufhin, dass sie für den Milligrammbereich keinesfalls geeignet sei. Hier sieht die Staatsanwaltschaft den Grund für die Überdosierungen. Der Angeklagte habe weder das pharmazeutisch gebotene Vier-Augen-Prinzip befolgt, noch ein zweites Mal nachgemessen. Klaus R. sieht das anders: „Die Kontrollinstanz war der Dosierlöffel.“

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