Kneipen-Szene

Warum Kneipen früher voller waren und wie ihre Zukunft ist

Manfred Nieder steht an einem Zapfhahn:  Er ist ein Kenner der Gastronomie.

Manfred Nieder steht an einem Zapfhahn: Er ist ein Kenner der Gastronomie.

Foto: BORIS GOLZ FOTOGRAFIe GMBH

Meschede.  Auftakt unserer neuen Serie Kneipen-Szene. Wir sprechen mit dem Gastronomie-Kenner Manfred Nieder. Was hat sich verändert?

Nur wenige Menschen kennen die heimische Gastronomie so gut wie Manfred Nieder. Der 57-Jährige war lange Jahre Verkaufsdirektor bei der Warsteiner Brauerei, seit März ist er Verkaufsleiter Gastronomie bei der Veltins-Brauerei. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie sich die Kneipen-Szene wandelt und wo er Chancen für Gastronomen sieht.

Warum gibt es heute nicht mehr in jedem Dorf und an jeder Ecke eine Kneipe?

Das Ausgehverhalten hat sich verändert. Bis in die 90er-Jahre waren Kneipen dreimal am Tag voll: Morgens kamen die Rentner und bald darauf war „Meisterstunde“ der Handwerker. Nachmittags, es gab kaum ein TV-Programm, folgten Spaziergänger und es kamen Leute vom Feierabend. Abends war es noch einmal voll - jeder traf sich in der Kneipe.

Was geschah dann?

Als sich diese Entwicklung änderte, auch weil die Freizeitmöglichkeiten vielfältiger wurden, reduzierten viele Wirte ihre Öffnungszeiten, zum Teil gaben welche auf. In den letzten zehn Jahren wurden dann die heimischen Wohnzimmer mit großen Flachbildschirmen bestückt - man verbringt mehr Zeit daheim und es kommen weniger Gäste. Den letzten Knick gab der Nichtraucherschutz.

Wenn Sie könnten: Würden Sie das Rauchverbot aufheben?

Heute nicht mehr, nein. Selbst die Raucher haben sich inzwischen daran gewohnt. Jetzt ist es kein Thema mehr.

Wie gehen die Menschen heute aus?

Sie verabreden sich. Früher traf man sich spontan in der Kneipe, es gab ja auch keine Handys und es war immer jemand da. Heute treffen sich die Gäste gezielt.

Was zeichnet einen guten Gastronomen aus?

Man merkt, ob jemand Spaß an seiner Arbeit hat, ob er gern Wirt ist. Diese Stimmung überträgt sich auch auf das Personal. Ein Wirt darf übrigens Ecken und Kanten haben. Wichtig ist, dass sich der Gast wohlfühlt - in der Gastronomie verkauft man schließlich keine Waren von der Stange. Wenn der Gastronom seine Sache gut macht, spricht sich das auch herum und zieht neue Gäste an.

Geht es noch ohne Essen, also als klassische Pils-Kneipe?

Betriebswirtschaftlich ist das heute schwierig. Eine Ehrenamtskneipe in einem Dorf erwirtschaftet beispielsweise nicht hinreichend genug, damit jemand davon eine Familie ernähren könnte. Dann ist schon ein sehr hoher Umsatz mit Getränken notwendig.

Sind Ehrenamtskneipen ein Modell der Zukunft?

Sie entstehen zunächst einmal, wenn keine klassische Gastronomie mehr in einem Ort vorhanden ist. Und weil die Menschen merken, dass ihnen etwas fehlt. Dann ist es zu begrüßen, dass sie bereit sind, ehrenamtlich hinter der Theke zu stehen. Die Zahl solcher Objekte ist aber gering. Es gibt deutlich mehr wunderbare, schöne Orte, wo viel Gastronomie betrieben wird und wo sie funktioniert. Zunehmend sind Gäste übrigens bereit, als Paare oder in Gruppen dorthin zu fahren. Diese Ausflüge werden als Event wahrgenommen. Gute Gastronomie hat eine Zukunft.

Wie unterstützt eine Brauerei ihre Kneipen?

Wenn jemand Lust auf den Beruf hat und die Herausforderung annehmen will, helfen wir gern durch intensive Beratung und durch betriebswirtschaftliche Berechnungen. Oft denken auch Angestellte darüber nach, den Schritt in die Selbständigkeit zu gehen. Wir führen dann intensive Gespräche. Wir versuchen auch zu unterstützen, wenn es mal nicht so gut läuft.

Welche Bedeutung haben Kegelclubs und Stammtische noch?

Die Frauen werden wichtiger! Zunehmend treffen sie sich zum Stammtischen, das ist keine reine Männer-Domäne mehr. Bei den Kegelbahnen ist es unterschiedlich: Einige werden sogar wieder renoviert, weil sie nachgefragt sind, andere laufen nicht mehr. Junge Leute wollen sich eher nicht für bestimmte Termine festlegen und gehen daher lieber Bowlen.

Und wie wichtig ist Fußball?

Wer die Spiele zeigt, hat viele Gäste. Für zahlreiche Wirte rechnet sich das Angebot - aber man muss auch sagen: Es ist für sie teuer geworden das Angebot zu finanzieren!

Unsere Serie:

14. September: Auftakt mit einem Gastonomie-Kenner

17. September: Ausgehverhalten – Generationen erzählen

19. September: Alte Fotos und Aufruf: Wie sah es früher in den Kneipen aus?

21. September: Was sagt ein langjähriger, erfahrener Wirt?

24. September: Bürgertreff Campus – ein Modell der Zukunft?

28. September: Zu Gast am Stammtisch

1. Oktober: Interview mit einer Wirtin zur Zukunft der Bierkneipe

5. Oktober: Was tun mit einer leerstehenden Gastwirtschaft?

8. Oktober: Über das ehemalige Niveau, das heute der Rathauskeller ist

12. Oktober: Auf ein Pils im Dorf

15. Oktober: Von der Disco bis zum Eckplatz – die Kneipe für alle Fälle

19. Oktober: Eine Kneipentour durch Meschede

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