Sexueller Missbrauch

Vom eigenen Opa missbraucht: Opfer (7) filmte das Verbrechen

Der 75-Jährige im Landgericht Arnsberg: Den schweren sexuellen Missbrauch seines Enkels hat er gestanden.

Der 75-Jährige im Landgericht Arnsberg: Den schweren sexuellen Missbrauch seines Enkels hat er gestanden.

Foto: Jürgen Kortmann

Eslohe.  Im Prozess um den sexuellen Missbrauch eines Kindes in Eslohe sieht eine Sachverständige eine „Alterspädophilie“ bei dem angeklagten 75-Jährigen.

Im Prozess um den sexuellen Missbrauch eines Enkelkindes durch seinen 75 Jahre alten Opa in einem Ortsteil von Eslohe stand am Mittwoch die Frage im Mittelpunkt, wie es dazu kommen konnte. Die ganze Familie des Seniors hat inzwischen mit dem Mann gebrochen - auch seine Ehefrau.

Sex spielte für ihn große Rolle

Wie berichtet, hatte der 75 Jahre schon zum Prozessauftakt gestanden, den siebenjährigen Enkel mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Im Mittelpunkt der Anklage steht dabei ein schwerer Fall, der sich im Februar ereignet hatte. Beim zweiten Prozesstag ging es um die Person des Angeklagten. Dabei stand die Frage von Sexualität im Alter im Zentrum. Demnach spielte Sex im Leben dieses Angeklagten immer eine große Rolle, sagte Dr. Nahlah Saimeh (Düsseldorf) als psychiatrische Gutachterin, eine Expertin für Sexualstraftäter. Aber: Dann ist das Alter gekommen. „Es gab eine Diskrepanz zwischen dem Potenzwunsch und den realen Möglichkeiten im Alter“, so die Sachverständige – sprich, das Erlahmen der sexuellen Aktivitäten zwischen den Eheleuten.

In dieser Situation wechselte das sexuelle Bedürfnis des Mannes – hin zu Kindern, „die leichter sexuell zur Verfügung standen“. Diese Form der „Alterspädophilie“ sei „nicht selten oder exotisch“. Saimeh berichtete davon, dass sich bei dem Mann eine „sexuelle Nebenströmung“ hin zu kleinen Jungen entwickelt habe.

Spuren der Veränderung

Auch medizinisch fanden sich Spuren für Veränderungen. Der Hausarzt des Mannes aus Eslohe berichtete, dass sein Patient 2013 erstmals Mittel gegen Vergesslichkeit genommen hätte - ein wichtiger Beleg im Strafprozess, weil das wiederum auf erste gesundheitliche Probleme hindeutet. Denn 2013 soll er auch seine beiden älteren, heute 19 und 21 Jahre alten Enkel, bereits sexuell belästigt haben. Der Ältere von ihnen bestätigte das am Mittwoch im Prozess - nur weil er sich wehrte, habe der Opa davon abgelassen. Angeklagt sind diese älteren Vorfälle nicht.

An Halloween sei das damals bekannt geworden: Die beiden Enkel hätten sich erst einem Nachbarskind offenbart - denn sie selbst sollen von dem Opa bedroht worden sein: „Wenn ihr das Papa oder Mama erzählt, dann sterbt ihr.“ Das Nachbarskind wiederum soll dann die Eltern informiert haben. Der 41 Jahre alte Sohn machte auch verbal im Prozess deutlich, dass er sich von seinem Vater nach den Vorfällen mit seinen beiden Kindern getrennt habe: Er sprach von seinem Vater immer von „dem Angeklagten“ bzw. von „meinem Erzeuger“.

Die Reaktionen der Frau

Der 75-Jährige hat Diabetes und Bluthochdruck, beides können Auslöser für Gefäßleiden sein – und für Potenzprobleme: „Er hat Sex gewollt, aber nicht mehr gekonnt“, so Dr. Nahlah Saimeh. Sie sprach von einer „klassischen Situation“, in der dann das sexuelle Bedürfnis auf Kinder umschwenke. 49 Jahre ist der Mann verheiratet. Das Paar hat vier Kinder. Es sei eine glückliche Zeit gewesen, sagte seine Ehefrau (69). Im Urlaub wurde sie von einem ihrer Söhne angerufen und über den Missbrauch informiert. Damit konfrontiert, habe ihr Mann nichts dazu gesagt.

Verteidiger Oliver Brock (Brilon) wollte wissen, wie sie reagiert habe: „Wütend. Schwer verletzt“, sagte sie. 2013 habe sie die damaligen Vorwürfe nicht geglaubt. Brock wollte auch wissen: „Gibt es so eine Art Verzeihen?“ „Nein! Das, was er getan hat, ist nicht zu verzeihen. Es ist schlimm genug.“ Auch wenn es bedeute, dass ihr Mann womöglich aus der Haft ins Obdachlosenheim entlassen würde? „Ja“, antwortete sie. Im Hinausgehen rief der Mann ihr dennoch hinterher: „Nimmst du mich mit nach Hause?“ Die Gutachterin sieht auch Hinweise einer beginnenden Demenz des Mannes.

Eine hohe Rückfallwahrscheinlichkeit sieht Saimeh nicht bei dem Angeklagten: „Das Risiko ist nicht Null, aber niedrig.“ Die Fälle hätten sich alle in der Familie abgespielt. Der Mann brauche einen betreuten, überwachten Lebensraum - ein Seniorenheim.

So geht es dem Jungen

Die 69-Jährige wurde gefragt, wie es dem kleinen Enkel gehe. „Er ist auf einem guten Weg. Manchmal fragt er nach Opa“, sagte sie. Ob er über den Vorfall spreche? „Da spricht er mit gar keinem drüber.“ So unglaublich es ist: Der Junge selbst nahm den schweren sexuellen Missbrauch mit seinem Handy auf Video auf. Weder Verteidigung noch Staatsanwaltschaft ist solch ein Fall bislang untergekommen. Eine Erklärung dafür, warum er das aufgenommen hat, gibt es nicht. Dem Jungen bleibt die Aussage dank des Geständnisses erspart. Seine Oma sagte: „Er ist ein cleverer Junge. Er hat immer das Handy in der Tasche.“

>>>HINTERGRUND<<<

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt, dann soll das Urteil fallen.

Der 75-Jährige ist derzeit im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg. Weil seine Familie ihn nicht aufnehmen will, blieb er seit Februar in Untersuchungshaft.

Die soll an diesem Freitag dann enden: Vom Landgericht Arnsberg wurde am Mittwoch mit dem Amtsgericht Meschede vereinbart, eine gesetzliche Betreuung für den alten Mann einzurichten. Der Betreuer sucht dann auch eine Bleibe für ihn. Er soll in eine Pflegeeinrichtung kommen.

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