So war es früher

Kinder erholten sich von Kriegsfolgen

Mendener Kindern und Betreuerin 1959 auf einer Düne auf der Insel Norderney.

Mendener Kindern und Betreuerin 1959 auf einer Düne auf der Insel Norderney.

Foto: WP

Menden.  Was wussten die vielen hundert, wenn nicht tausende Kinder aus Menden und dem übrigen Kreis Iserlohn nach den Kriegen schon von der Nordsee, von Wellen und Sand, von der Insel Norderney und dort vom Kinderkurheim ihres Heimatkreises? Wenig oder nichts. Alles so weit weg und unbekannte Welt. Im 1. oder im 2. Weltkrieg geboren oder kurz danach, sollten sie plötzlich zur Aufpäppelung das Elternhaus für Wochen verlassen.
9, 10, 11 Jahre oder kaum älter waren die Jungen und Mädchen, die in den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren verschickt wurden und keinen blassen Schimmer Ahnung hatten, was auf sie zukam.

Kinderkurheim schonnach dem 1. Weltkrieg

Ziel war in jedem Fall ein großes Haus, das 1913 als Hotel großherrschaftlicher Natur gebaut worden war. Nachdem es der Kreis Iserlohn bereits 1921 gekauft hatte, diente es fortan überwiegend den Kindern, die sich auf Grund der Mangelversorgung in den Nachkriegsjahren in einem gesundheitlich erbärmlichen Zustand befanden.

Aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg können wir kaum noch jemanden befragen, der Norderney im Kinderkurheim des Kreises Iserlohn und heutigen Landschulheim des Märkischen Kreises erlebt hat. Doch aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg gibt es noch Zeitzeugen. Hubert Werthschulte (Jahrgang 1938) ist einer von ihnen. Gleich zweimal erlebte er das Kinderkurheim auf Norderney. Schmalhans war er damals.

Hubert Werthschulte:Insel hat mir gut getan

Zwölf Kinder gehörten zur Familie von Josef Werthschulte und seiner Frau Anna geb. Essmann. Acht Mädchen, vier Jungen. Elf der zwölf Kinder leben noch. An 1949 erinnert sich Hubert Werthschulte. Da war er 13 und wurde in Menden in den Zug nach Norderney gesetzt. „Ich bin mit Wehmut weggefahren.“ Und die Fahrt? „Ich konnte Zugfahren nie gut vertragen. Mir wurde übel davon. Heute noch.“

Im Heim selbst aber half ihm liebevolle Betreuung so gut gegen das Heimweh, dass er schließlich am liebsten auf Norderney geblieben wäre. Von Karneval im Heim schwärmte er, wie sie als Teufel angezogen waren, von der Höhensonne, vor der sich alle im Halbkreis aufstellen mussten, und von den Wannenbädern. Die neugierigen Knirpse hatten schnell spitz gekriegt, dass die den Badesaal abtrennenden Milchscheiben nicht überall undurchsichtig waren und man durch Macken zu kleinen Mädchen linsen konnte, wie die in die Wannen stiegen. Sein Fazit zu den Aufenthalten: „Sie haben mir gut getan.“

Stürme waren zu heftig:Aus vier wurden sechs Wochen

Nicht anders spricht meine Frau Helga heute von jenen Wochen. Sie war 10, als sie 1959 nach einer Lungenentzündung ins Kinderkurheim fahren sollte. Banges Gefühl? Ja sicher. Aber ihre Mutter Josefa Berends geb. Ax (Jahrgang 1915) beruhigte sie: „Es ist schön da oben.“ Sie kannte das, hatte als Kind nach dem 1. Weltkrieg selbst dort eine gute Zeit verbracht, konnte die vier für Helga vorgesehenen Wochen daher empfehlen. Dass daraus sogar sechs Wochen wurden, war nicht vorhersehbar, das lag an den Stürmen, die ein Entkommen von der Insel nicht zuließen.

Kein Entkommen gab es auch vor dem Haferschleim, vor dieser Haferflockensuppe, die Klein-Helga und ihrer Klassenkameradin Elisabeth Polle von der Josefschule partout nicht schmecken wollte. Wegen dieser Suppe wurden sie des Öfteren beim Essen an den Katzentisch gesetzt, wo sie unter Beobachtung standen und erst aufstehen durften, wenn sie die Teller leer gelöffelt hatten, auch wenn die Suppe inzwischen kalt geworden war.

Pech für Aloys Steppuhndurch Quarantänefall

Haferschleim. Eine schon legendäre Suppe. Aloys Steppuhn (Jahrgang 1950), der spätere Landrat des Märkischen Kreises und damit oberster Chef des Landschulheims Norderney, hat sie nach eigenem Bekunden gern gegessen. So verschieden waren die Geschmäcker. Er war ebenfalls 1959 zur Erholung auf Norderney, aber zu einem anderen Zeitpunkt. Sein Pech, dass zwischenzeitlich viele krank wurden. Es gab einen Quarantänefall, der auch Aloys Steppuhn ins Krankenhaus brachte. Danach war für ihn die Kur zu Ende.

Heimweh hatten wohl die meisten Kinder. Meine Frau Helga erinnert sich, dass sie zwar nach Hause schreiben durften und auch sollten, dafür hatten die Mütter den Kindern eigens Briefmarken mitgegeben nebst Block oder Briefpapier, doch es durfte längst nicht alles geschrieben werden. Das mit der Kritik am Haferschleim zum Beispiel nicht. Zensur. Briefe wurden von den Betreuerinnen durchgelesen, bevor sie abgeschickt wurden und wenns nicht genehm war, wurden sie zurückgegeben und eben nicht abgeschickt. Telefonieren war nicht möglich, dafür reichte das wenige Taschengeld nicht.

Gegen Heimweh halfenPakete von zu Hause

Gegen das Heimweh gab es Pakete von zu Hause. Von den Leckereien in diesen Paketen durften die Kinder nur ein Teil für sich selbst behalten, der Rest ging an die Gemeinschaft. Helga erinnert sich, dass ihr viel Süßes und Kuchen geschickt wurden. Für sich selbst suchte sie Salmiakpastillen von der Schwanen-Drogerie Maas von der Kaiserstraße aus. Sie hatten den Vorteil, dass man die in Sternchenform auf den Handrücken kleben und ablecken konnte. „Ich hatte lange was davon.“ Pech, dass sie damit nachts auch mal das Bett verschmierte.

Es war ein geregelter Tagesablauf für die Kinder. Wie auch alles andere genau vorgegeben war. Kein Wunder bei jeweils mehr als 100 Kindern. Spaziergänge in Zweierreihen am Meer entlang, bei Sturm über den Deich, mal Schwimmen im Wellenbad, mal bis zum Bauch ins wogende Meerwasser. Immer in Angst, in eine scharfkantige Miesmuschel zu treten. Einmal schrie Elisabeth Polle vor Schreck laut auf, weil sie im Wasser in etwas Unbekanntes getapst war. Es war ein einsamer hoher Schuh. Wo wohl das dazugehörige Bein geblieben ist?

Egal: Salzwasser förderte bekanntlich den Hunger. Und essen und an Gewicht zunehmen sollten die Kinder ja schließlich. Und dafür sorgten anschließend auch Schmalzbütterkes. „Lecker“, schwärmt Helga noch heute. Höhensonne sollte angeblich ebenfalls Lust auf Essen machen. Gesunde Farbe allemal.

Warten auf die Post und Spannung mit Kalle Blomquist

Abends lasen die Betreuerinnen vor, die bis auf wenige Ausnahmen als sehr nett geschildert wurden. Es waren u.a. Geschichten von Kalle Blomquist, dem Meisterdetektiv. Anschließend wurde die Post verteilt und alle bibberten vor Aufregung. Gesungen wurde auch. Vor dem Zu-Bett-Gehen die Lieder vom Mond, der aufgegangen war, auch wenn er nicht zu sehen war, oder der Herzenswärmer „Kein schöner Land“. 22 Uhr war Bettruhe.

In jeden SchlüpferNummer eingenäht

Schon vor der Abreise nach Norderney gab es Anweisungen für die Mütter. Sie mussten in jedes Teil eine vorgegebene Nummer einnähen. In jeden Schlüpfer, in jedes Hemd. Anhand dieser Nummer konnten die Teile nach der Wäsche wieder ins Fach der Kinder gelegt werden. Mutter Josefa Berends hatte Klein-Helga einen Zettel mitgegeben, auf dem alle Umsteigebahnhöfe aufgeschrieben waren. Ob die Kinder aus Menden und anderen Gemeinden unterwegs auf sich allein gestellt waren, weiß Helga nicht mehr. Ich kanns mir nicht vorstellen, das wäre doch zu abenteuerlich gewesen. Auf Norderney wurden die Jungen und Mädchen fast schon romantisch mit Pferd und Wagen vom Hafen abgeholt und in das Kinderkurheim gefahren.

Elisabeth hätte fast den Vater nicht wiedergesehen

Wie wichtig den Eltern eine Verschickung ihrer Kinder nach Norderney war, zeigt sich an einer Geschichte, die erst nachher rauskam. So erzählte Elisabeth Polles Mutter Helga bei der Abfahrt der Kinder unter Tränen, es könne sein, dass Elisabeth ihren Vater nie wiedersehen würde. Er war lebensgefährlich erkrankt und musste an einem Magengeschwür operiert werden. Zum Glück ging es gut aus, Elisabeth hat ihren Vater wieder in die Arme schließen dürfen.

Heute Landschulheimdes Märkischen Kreises

Die Geschichte des Heims ist bewegt. Das geht aus den Unterlagen der Pressestelle des Märkischen Kreises hervor, die mir Pressechef Hendrik Klein zur Verfügung stellte. 1913 als Hotel gebaut, 1921 für 110 000 Papiermark vom Kreis Iserlohn gekauft. Nach dem 1. Weltkrieg diente das Erholungsheim Kindern aus den Kreisen Iserlohn und Soest, später auch Kindern aus „bedrängten Familien“ des von Franzosen besetzten Ruhrgebiets. Ab 1924 wurde angebaut, u.a.Turn- und Spielhalle. 1932 bis 1936 stellte der Kreis Iserlohn das Heim dem Landschaftsverband zur Verfügung.

Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges legte die Wehrmacht die Hand darauf. 1943 nahm das Sudetendeutsche Flüchtlingshilfswerk das Heim in Anspruch. Nach dem 2. Weltkrieg ging die Gesamtanlage wieder auf den Kreis Iserlohn über und 1975 im Zuge der Kommunalen Neugliederung auf den Märkischen Kreis, der 1981 daraus das heute überaus beliebte Landschulheim machte.

Von 1990 bis 1992 war das Heim zwar geschlossen, aber wegen Umbaus. Heute steht es Schulklassen, Gruppen, Vereinen und Privatpersonen zur Verfügung zu erschwinglichen Preisen. Ansprechpartnerin auf Norderney ist die Leiterin des Schullandheims, Gundula Behr. Sie ist telefonisch zu erreichen unter 04932-2268.

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