Mythos Weihwasser

Leben, Sterben, Autofahren – niemals trocken

Beim Befüllen der Fingerbecken an der Wand kommt ein Krug mit Symbolen zum Einsatz, die für Leben und Auferstehung stehen. Nachgefüllt wird nach Bedarf.

Beim Befüllen der Fingerbecken an der Wand kommt ein Krug mit Symbolen zum Einsatz, die für Leben und Auferstehung stehen. Nachgefüllt wird nach Bedarf.

Foto: Alexander Barth

Letmathe.  Weihwasser ist für Katholiken unverzichtbar. Frank Niemeier berichtet aus der Praxis des Priesteralltags – und verrät die einzige Zutat.

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Heute ist noch ein ganz normaler Freitag, nächste Woche gedenken christliche Kirchen auf der ganzen Welt der „Passion Christi“ – das Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth. Dabei mögen heute nicht mehr viele Tränen fließen, Wasser spielt besonders für Katholiken aber eine wichtige Rolle bei allerlei rituellen Vorgängen. Pastor Frank D. Niemeier vom Pastoralverbund Letmathe weiß aus seiner Arbeit, dass die Segnung mit geweihtem Wasser keineswegs nur eine formale Vorgabe für die Liturgie ist: „Das ist vielen immer noch sehr wichtig. Bei einem Begräbnis zum Beispiel müssen der Sarg und die Erde gesegnet werden.“

Mit Weihwasser gesegnet werden auch Kinder und Erwachsene bei der Taufe sowie neue Häuser, Schiffe und Autos. Mit dem ersten fahrbaren Untersatz kämen auch Jüngere noch, um sich dafür den himmlischen Segen abzuholen. „Einmal hat mich ein Bauer gerufen, um seine neue Kalbstränke zu segnen“, erinnert sich Niemeier an einen eher ungewöhnlichen Fall.

Letztlich gehe es aber immer um den Schutz des Menschen, betont der Pastor: „Auch wenn ich etwa ein Gebäude segne, bitte ich Gott darum, dass er Unheil von den Bewohnern abhalten möge.“ Für den Einsatz unterwegs verwenden Priester eine kleinere Version des sogenannten Aspergill, mit dem das Weihwasser verteilt wird – die Bezeichnung ist abgeleitet vom lateinischen Verb „aspergere“, zu deutsch „besprengen“. Die größere, keulenförmige Version ist Kirchgängern aus der Messe vertraut, die mobile Variante hat das Format einer Stabtaschenlampe.

Mit dem Aufkommen der Schauerliteratur im 18. Jahrhundert ist Weihwasser als Instrument zur Selbstverteidigung gegen Dämonen und Untote in Szene gesetzt worden; auf der Leinwand zählt dieser dramatische Effekt längst zum üblichen Repertoire. Für fromme Katholiken ist das kühle Nass aber mit großem Ernst verbunden, betont Niemeier: „Wir denken dabei an unsere eigene Taufe zurück und an Jesus Christus, den Johannes im Jordan getauft hat. Wasser steht für Leben und Reinigung.“ Bei der Jugendtaufe gießt der katholische Priester dreimal Wasser über den Kopf des Kindes, in Anlehnung an das Konzept der Dreifaltigkeit Gottes – dafür wird es übrigens angewärmt.

Warnungen vor Infektionen durch Weihwasser überzogen

Beim Betreten der Kirche greifen Gläubige ins Weihwasserbecken und bekreuzigen sich damit. „Besonders Ältere schnippen vorher einen Tropfen auf den Boden. Das gilt traditionell den Verstorbenen, die in der Erde begraben liegen.“ Früher waren auch Weihwasserbecken für den Haushalt üblich, berichtet Niemeier. Befüllt wurden diese mit Wasser, das die Leute sich in der Kirche zapften – manche nähmen sich heute noch etwas mit. Der Großbehälter im Kiliansdom fasst gut 20 Liter, hier wird das Wasser „zentral“ gesegnet und kann dann verteilt werden.

„Daran ist nichts Magisches, es ist normales Kranenwasser“, erklärt der Pastor, mit einem Unterschied: Etwas Salz soll dafür sorgen, dass das Wasser länger frisch bleibt. Auch wenn es nicht ständig erneuert wird, hält Niemeier Warnungen vor möglichen Infektionen für überzogen: „Da ist der Friedensgruß in der Messe, bei dem man sich die Hand geben soll, wahrscheinlich noch eher ein Problem. Andererseits fassen wir ja auch in der Erkältungszeit jede Türklinke an.“

Zukünftig könnte die katholische Kirche Wasser stärker nutzen, um die Menschen an ihre Verantwortung für die Schöpfung zu gemahnen, überlegt Niemeier: „Die letzten Päpste haben sich für den Klimaschutz ausgesprochen, das ist ein wichtiges Anliegen der Kirche.“ In den Ostermessen wird Wasser, zusammen mit Licht, das zentrale Element der Liturgie bilden. Karfreitag beginnt die einzige Trockenperiode des Weihwasserbeckens – die Dürre symbolisiert den Tod Jesu. Nachschub kommt in der Osternacht: frisches Wasser für neues Leben.

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