Suchthilfe

Smily Kids Kreis Olpe: „Kinder lieben ihre Eltern trotzdem“

Christa Gattwinkel hat 1996 die Smily Kids in Altenhundem gegründet.

Christa Gattwinkel hat 1996 die Smily Kids in Altenhundem gegründet.

Foto: Verena Hallermann / WP

Kreis Olpe.  Christa Gattwinkel hat 1996 die Smily Kids gegründet, um Kindern aus suchtkranken Familien zu helfen. Sie erzählt von bewegenden Momenten.

Manchmal ist die Mama anders. Immer dann, wenn sie zur Flasche greift. Sie ist gereizt, wird laut oder schlägt sogar zu. Ein Martyrium für die Kinder. Christa Gattwinkel hat 1996 die „Smily Kids“ in Altenhundem gegründet, ein Angebot innerhalb des Kreuzbund-Diözesanverbandes Paderborn, das speziell für Kinder aus suchtbelasteten Familien ausgerichtet ist. Die 78-Jährige hilft ihnen dabei, über ihre Sorgen zu sprechen, hört ihnen zu, ist für sie da. Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche erzählt sie im Interview, wie viele Mädchen und Jungen im Kreis Olpe betroffen sind.

Frau Gattwinkel, wie kamen Sie damals auf die Idee, die „Smily Kids“ zu gründen?

Christa Gattwinkel: Alles hat mit Ramona und ihren beiden Kindern angefangen. Ihr Vater hat getrunken, was die Familie sehr belastet hat. Der Junge war damals zwölf Jahre alt und kam in der Schule nicht zurecht. Ich habe ihr angeboten, mal mit ihm zu sprechen. Ich dachte mir, es könnte ja helfen, wenn eine außenstehende Person einfach mal mit ihm redet. Schließlich bin ich ja mit dem Thema vertraut.

Inwiefern vertraut?

Mein Mann hat getrunken. Früher habe ich immer gedacht, ein Alkoholkranker wäre jemand, der unter einer Brücke lebt. Aber das ist nicht so. Das sind ganz normale Menschen. Mein Mann ist 1989 zur Therapie gegangen und hat es auch geschafft, trocken zu bleiben. Er war sehr streng mit sich, hat keinen Tropfen mehr getrunken, hat beim Fußball sogar das Bier gezapft, wenn eine Feier anstand. Mein Mann ging sehr offen mit dem Problem um.

Seit mehr als 20 Jahren begleiten Sie nun Kinder aus suchtbelasteten Familien. Was macht der Rausch der Eltern mit den
Kindern?

Die Kinder leiden darunter. Ein Mädchen hat neulich in der Gruppe erzählt, wie schrecklich es war, als sich ihre Eltern gestritten haben, sie gebrüllt haben. Wenn die Kinder zu uns kommen, schämen sie sich zunächst, darüber zu reden. Sie halten sich für schuldig.

Sie denken, es wäre ihre Schuld?

Ja, Suchtkranke suchen die Schuld zunächst bei anderen. Auch bei ihren Kindern. Ein Vater nahm seinen Kindern immer das Taschengeld weg, zettelte danach einen Streit an und als die Mutter dazu kam, drehte er das ganze um und sagte, die Kinder hätten das Geld ausgegeben. Und als die Mutter später in der Gruppe erfuhr, wie es sich wirklich zugetragen hat, fiel sie aus allen Wolken. In dieser Familie waren die Kinder immer Schuld, aber das ist noch harmlos.

Wie sehen die Kinder ihre Eltern?

Die Kinder lieben ihre Eltern trotzdem. Ein Kind sagte mal zu mir, Papa und Mama sind doch lieb, wenn sie nicht getrunken haben. Stimmt, sie sind dann ganz normale Eltern. Auffällig ist, dass die Eltern, die zu Suchtmitteln greifen, immer jünger werden.

Haben Sie eine Theorie, woran das liegt?

Vielleicht liegt es daran, dass damals die Familien mehr zusammengehalten haben. Heute ist jeder eher für sich, steht mit seinen Problemen allein da.

Wie erklären sich denn die
Mütter und Väter?

Hinter jeder Geschichte steht ein Schicksal. Manchmal haben sie Schulden, finden keine Arbeit oder sind selbst in einem schwierigen familiären Umfeld aufgewachsen, sind überfordert und so weiter.

Eher Alkohol oder andere
Suchtmittel?

Beides. Bei Vätern überwiegen Alkohol und Drogen, Mütter greifen oft zu Tabletten, aber auch zu Alkohol. Dann kommen noch psychische Belastungen dazu. Aus diesem Teufelskreis herauskommen ist sehr schwer.

Wie groß ist das Problem tatsächlich im Kreis Olpe?

Aktuell haben wir zwei „Smily Kids“-Gruppen, in Altenhundem und in Olpe. Zurzeit sind wir insgesamt, also mit Kindern und Eltern zusammen, etwa 50 Leute. Aber es wird eine hohe Dunkelziffer geben. Sucht passiert immer hinter geschlossenen Türen. Es ist wichtig, dass man nicht nur auf die Eltern schaut, sondern die Kinder in den Blick nimmt. Ich möchte diesen Kindern eine Stimme geben, das man sie hört und ihnen hilft. So ein Kind würde sich nie selber Hilfe holen. Das ist sehr selten.

Das heißt, die Eltern oder andere Angehörige melden sich bei Ihnen?

Das ist richtig. Ich finde es sehr stark, wenn eine suchtkranke Mutter selbst anruft oder ein Angehöriger aus der Familie. Das ist schließlich ein ganz großer Schritt für sie. Wichtig ist, sie können uns vertrauen. Bei uns herrscht absolute Schweigepflicht. Und das funktioniert auch. Ich freue mich immer so, wenn ich sehe, wie die Gruppe zusammenwachsen ist. Viele haben auch lange nach ihrer Zeit in der Gruppe Kontakt zu mir oder sind heute selbst in der Gruppe aktiv.

Abgesehen von den Gruppensitzungen, was bietet Smily Kids den Eltern und Kindern?

Wir bieten ungefähr alle zwei Jahre Ferienfreizeiten an. In der Regel fahren wir dann alle zusammen ans Meer. Für die Eltern und Kinder ist das was Besonderes. Manche können sich keinen Urlaub leisten. Das bringt den Familien richtig viel. Eine Mutter meinte mal, sie hätte ihre Tochter noch nie so fröhlich und unbefangen gesehen. Das berührt mich dann immer sehr.

Wie finanzieren Sie das?

Durch Spenden. Wir brauchen ja sonst nicht viel, wenn wir zusammensitzen. Mal gibt es Pizza, mal gehen wir ins Kino oder Eis essen. Aber die Ferienfreizeiten für rund 50 Personen kosten viel. Auch wenn wir Selbstversorger sind. Deswegen sind wir auch für jede Spende dankbar.

Sie machen das aber nicht alles allein?

Nein, ich habe noch drei weitere ehrenamtliche Helfer, auf die ich nicht verzichten kann.

Können Sie uns von einem Ihrer schönsten Erlebnisse erzählen?

Da gibt es sehr viele. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das war ungefähr zwölf Jahre alt. Die Mutter ist verstorben, der Vater hat getrunken und ist zur Therapie gegangen. Irgendwann hat er neu geheiratet und kam zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter zu mir in die Gruppe. Das Kind hat sich nach der Gruppensitzung so gefreut, das war unglaublich. Aber auch die Mutter. Sie sagte zu dem Mädchen, das war so schön wie Weihnachten. Das Kind erwiderte: „Das war viel schöner, so wie Weihnachten und Ostern zusammen“. Das sind Momente, die vergisst man einfach nicht. Doch später hat das Schicksal zugeschlagen, der Vater ist gestorben.

Was ist aus dem Mädchen
geworden?

Sie ist mittlerweile um die 30. Wir haben bis heute Kontakt. Auch nach der Geburt ihrer Kinder.

Sie sind eine wichtige
Bezugsperson für die Menschen

Ja, so kann man das sagen. Man baut ein inniges Verhältnis auf. Am Anfang hatte ich damit Probleme, habe versucht diese Schicksale nicht zu nah an mich heranzulassen, nicht mit nach Hause zu nehmen. Es ist ja auch sehr schwer, wenn ein kleiner Junge so enttäuscht ist von seiner Mutter, die zum zigsten Mal einen „Rückfall baute“ und er die Wut malen sollte. Zuerst meinte er, Wut könne man nicht malen. Und nach einiger Überlegung malte er ein gebrochenes Herz. Das steckt man nicht einfach so weg. Das sind Momente, wo ich immer merke, wie wichtig es ist, den Kindern zu helfen.

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